Primera Division: Warum das Projekt "Zidane 2.0" bei Real zu scheitern droht

SPOX

Achterbahnfahrt in der Meisterschaft, Aus im Pokal, schlechte Aussichten in der Champions League - und spielerische Stagnation: Die zweite Amtszeit von Zinedine Zidane als Trainer bei Real Madrid droht zu scheitern. Die Verantwortung dafür trägt nicht er allein.

Manchmal reicht nur ein Sieg, um sich aus einer Abwärtsspirale zu befreien. Um neues Selbstvertrauen zu schöpfen und einen Wendepunkt zu markieren. Gerade dann, wenn es gegen den Erzrivalen und um die Tabellenführung geht.

Insofern bot der Clasico gegen den vermutlich schlagbarsten FC Barcelona der jüngeren Vergangenheit am 1. März eine ziemlich gute Chance für die Mannschaft von Real Madrid, die Enttäuschung nach drei sieglosen Partien in Folge mit der 1:2-Heimpleite im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen Manchester City in Aufbruchstimmung zu verwandeln. Und sie nutzte sie. 2:0 siegten die Königlichen vor heimischem Publikum im Santiago Bernabeu, Vinicius Junior und Mariano Diaz trafen in einer starken zweiten Hälfte und nährten die Hoffnung der erfolgshungrigen Fans, die zweite schwierige Saison nach dem schmerzhaften Abgang von Cristiano Ronaldo gen Turin zumindest mit einem Titelgewinn abzuschließen.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Real-Pleite bei Betis: Zurück in der Realität

Dass diese Hoffnung nur eine Woche später erneut der Frustration und dem Zweifel wich, passte aber nur allzu gut ins Bild, das die Madrilenen nicht erst seit dieser Saison über weite Strecken abgeben. Das Bild einer Ansammlung von elf Spielern, die nicht so recht wissen, was für einen Fußball sie überhaupt spielen sollen. Die 1:2-Niederlage beim Tabellen-12. Betis war für Real mehr als ein Rückfall auf Platz zwei. Es war ein Rückfall in die Realität.

Zinedine Zidane, als Trainer hauptverantwortlich für die Entwicklung einer Spielphilosophie, war nach der blutleeren Vorstellung außer sich. Man habe "die schlechteste Leistung in dieser Saison" abgeliefert, befand der einstige Weltfußballer merklich angefressen. An der Einstellung habe es zwar nicht gelegen, aber: "Ich finde keine Erklärung für das, was passiert ist. Es ist eine Schande, denn wir hatten die Chance, ein gutes Spiel zu machen - und wir haben es nicht getan."

Projekt "Zidane 2.0": Neue Gesichter, altes Leid

Ähnlich ratlos wirkte der 47-jährige Franzose kurz nach dem Champions-League-Finale 2018. Damals warf er trotz des 3:1-Sieges gegen den FC Liverpool hin, weil er seiner Meinung nach die Mannschaft nicht mehr erreichte, kehrte knapp zehn Monate später aber wieder mit dem Versprechen zurück, er werde jeden Stein umdrehen. Über ein Jahr und Ausgaben von 300 Millionen Euro später ist von seinem Umbruch wenig zu sehen. Richtig ist: Es gibt ein paar neue Gesichter: Zidane fördert etwa den uruguayischen Mittelfeldspieler Federico Valverde. Auch der im Sommer von Olympique Lyon verpflichtete französische Linksverteidiger Ferland Mendy, der den in die Jahre gekommenen Marcelo sukzessive verdrängt, gilt als Wunschspieler des Trainers.

Richtig ist jedoch auch: Spielerisch und taktisch steckt Zidanes Real noch immer in der Saison 2017/18 fest, in der das erfolgreiche Abschneiden in der Champions League bereits über eine Vielzahl von inspirationslosen Auftritte in den nationalen Wettbewerben hinwegtäuschte.

Auch Hazard kann Ronaldo nicht ersetzen

Neue, erfrischende Impulse kommen, wenn überhaupt, nur über die linke Offensivseite, die der dribbelstarke Vinicius bekleidet. Der 19-jährige Brasilianer würde aber überhaupt nicht die Chance dazu bekommen, wäre Eden Hazard fit. Für den zehn Jahre älteren Belgier, vor der Saison für 100 Millionen Euro vom FC Chelsea gekommen, ist die Saison aufgrund einer Wadenbeinverletzung gelaufen. Ein bitterer Ausfall, keine Frage. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Real nur acht der 15 Spiele mit Hazard für sich entschied.

Der neue Superstar war kein "Gamechanger". Keiner war das, seit der auch an vermeintlich schlechten Tagen treffsichere Ronaldo das Weite suchte. Nicht Karim Benzema, der nach einer starken Hinrunde in ein Leistungsloch fiel und nur dreimal seit dem Jahreswechsel traf. Nicht Luka Jovic, dem Zidane trotz seiner Ablösesumme von 60 Millionen Euro bislang überwiegend nur Kurzeinsätze ermöglichte. Auch nicht Isco, dessen Leistungen seit Jahren schwanken, oder James Rodriguez, für den es mittlerweile schon ein Erfolg ist, überhaupt dem Kader anzugehören. Und schon gar nicht Gareth Bale, der als Sündenbock angesehen wird, weil er den Verein trotz der Forderung Zidanes nicht verließ, und jetzt als einer der Bestverdiener zwischen Tribüne und Bank pendelt.

Real 2020: Berechenbar und anfällig

Verheißungsvolle Talente wie Vinicius (19), dessen Landsmann Rodrygo (18) oder der Spanier Brahim (20) benötigen hingegen noch Zeit, um in eine Führungsrolle zu wachsen. Im Fall von Rodrygo und Brahim wäre Spielpraxis aber schon ein Anfang. Zidane vertraut aber lieber auf den erfahreneren Lucas Vazquez (28), der sich im Spiel ohne Ball immer reinhängt, im Spiel mit Ball aber wenig anzufangen weiß - und von der rechten Seite häufig Flanke um Flanke in den Sechzehner drischt. Ohne Abnehmer, versteht sich. Kopfballungeheuer Ronaldo ist eben nicht mehr da. Vazquez steht im Prinzip sinnbildlich für die Berechenbarkeit des Real-Spiels.

Die Probleme der Blancos lassen sich aber nicht nur auf das fehlende Ideenreichtum im Offensivbereich reduzieren, denn dafür präsentiert sich mit Ausnahme von Innenverteidiger Raphael Varane und Torhüter Thibaut Courtois auch ihre Hintermannschaft zu anfällig. Sei es das Mittelfeld, in dem derzeit nur noch Toni Kroos souverän wirkt, wenn Zidane ihn nicht wie gegen Manchester City überraschend draußen lässt.

Sei es Rechtsverteidiger Dani Carvajal, der die Gerüchte um eine Rückholaktion des Leih-Dortmunders Achraf Hakimi mit teils haarsträubenden Fehlern anheizt. Sei es Innenverteidiger Eder Militao, der nicht ansatzweise zeigt, warum Real vor der Saison 50 Millionen Euro für ihn an den FC Porto überwies. Und sei es Sergio Ramos, der die Kapitänsbinde trägt, mit seinen Leistungen auf dem Platz aber schon lange nicht mehr als Anführer vorangeht. Als "Schatten seiner selbst" beschreibt die Sportzeitung Marca aktuell den Abwehr-Routinier, der auch am Sonntag das erste Betis-Tor verschuldete.

Kapitän Ramos geht nicht voran - schon seit Sommer

Wie das Denkmal von Zidane bröckelt in der Gunst der Fans auch das von Ramos. Der 33-Jährige machte sich bereits vor der Saison unbeliebt, als er ein lukratives Angebot eines chinesischen Erstligisten als Druckmittel für eine Gehaltserhöhung nutzte. Mehr noch: Er drohte den Real-Bossen mit einem Wechsel, bis er schließlich auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz zurückruderte und alles als großes Missverständnis abtat.

In Madrid wird gemunkelt, heute ärgere sich so mancher im Verein darüber, dass Präsident Florentino Perez dem Andalusier nicht die Tür zeigte. Zidane soll sich damals vehement für einen Verbleib von Ramos, mit dem er selbst noch im Bernabeu zusammenspielte, stark gemacht haben. Er ist eben ein Kumpeltyp. Ein Diplomat, der nur selten unpopuläre Entscheidungen fällt. Ein Trainer, der in erster Linie verwaltet statt entwickelt.

"Taktisch", gab der Weltmeister von 1998 einmal selbst zu, "bin ich nicht der Beste". Das reichte zwischen 2016 und 2018 trotzdem zu drei Champions-League-Siegen in Folge, weil die individuelle Klasse in seinem Kader europaweit ihresgleichen suchte. Weil Ronaldo da war. Weil sich Spieler wie Ramos, Marcelo oder Luka Modric auf dem Gipfel ihres Schaffens befanden.

Die Gerüchteküche brodelt: Kommt Pochettino?

Ob Zidane aber befähigt ist, die fragile Real-Mannschaft von 2020 zurück an die nationale und internationale Spitze zu bringen, darf nach den Geschehnissen der vergangenen Monate und auch trotz des Supercup-Gewinns Anfang Januar über Stadtrivale Atletico durchaus angezweifelt werden. Zehn von 50 Partien in seiner zweiten Amtszeit gingen verloren. In seiner ersten benötigte er für diese Anzahl von Niederlagen 105 Partien.

Rund ums Bernabeu steigen nicht zuletzt deshalb schon die Spekulationen um eine erneute Trennung im Sommer. Es heißt, Zidane könnte sich einen Wechsel zu seinem Ex-Klub Juventus vorstellen. Und es heißt auch, Mauricio Pochettino könnte Zidane bei Real beerben. Der 48 Jahre alte Argentinier stand schon 2018 auf der Wunschliste von Perez, war wegen seines Engagements bei Tottenham Hotspur aber nicht verfügbar. Das ist heute anders. Mit ihm bekämen die Madrilenen einen Trainer, der für Entwicklung steht. Nicht für Verwaltung.

Die nächsten fünf Pflichspiele von Real Madrid

Datum

Uhrzeit

Wettbewerb

Gegner

13. März 2020

21 Uhr

Primera Division

SD Eibar (H)

17. März 2020

21 Uhr

Champions League

Manchester City (A)

21. März 2020

16 Uhr

Primera Division

FC Valencia (H)

5. April 2020

noch offen

Primera Division

Real Sociedad (A)

12. April 2020

noch offen

Primera Division

RCD Mallorca (H)

Mehr bei SPOX: Zidane: "Unser schlechtestes Spiel"

Lesen Sie auch