Primera Division: Verletzt, übergewichtig und betrunken im Training: Ronaldinhos Barca-Aus

SPOX

Mit 40 Jahren ist Ronaldinho auf dem Tiefpunkt angekommen. In Paraguay droht dem ehemaligen Weltfußballer eine lange Haftstrafe. Der Absturz begann beim FC Barcelona, wo er am Ende nur noch auf Parties für Aufsehen sorgte.

Seite 1: Ronaldinho: Der schleichende Verfall bei Barca

Es sind traurige Bilder, die man zuletzt von Ronaldinho gesehen hat. Übergewichtig und unfit wirkte er schon seit längerem, doch auch finanziell scheint dem Brasilianer sein dauerhaftes Partyleben zuzusetzen. Anfang März wurde er in Paraguay verhaftet, weil er mit gefälschtem Ausweis eingereist war, um seine neue Biografie zu promoten.

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Die Einnahmen dafür hat Ronaldinho offenbar nötig, sonst hätte er sich kaum dem Risiko in Zeiten von Corona ausgesetzt. Zumal sein brasilianischer Pass schon Ende 2018 eingezogen worden war, weil er bis heute ein damals verhängtes Bußgeld von 2,2 Millionen Euro nicht bezahlt hat.

So feierte der einstige Weltstar seinen 40. Geburtstag hinter Gittern, ehe er nach 32 Tagen auf Kaution freigelassen wurde und seitdem mit seinem Bruder und Manager Roberto Assis als einzige Gäste in einem Nobelhotel auf den Prozess wartet. Bis zu fünf Jahre Haft drohen Ronaldinho wegen angeblicher Verwicklungen in kriminelle Machenschaften. Es wäre der Tiefpunkt eines stetigen Abstiegs.

Ronaldinho bei Barca: Zweimal Meister, Champions-League-Sieger, Weltfußballer

Wenn man den Zeitpunkt sucht, an dem es für den früheren Weltstar abwärts ging, so landet man am Tag seines größten Triumphes: Im Mai 2006 führte Ronaldinho den FC Barcelona im Stade de France zum 2:1-Sieg im Champions-League-Finale gegen den FC Arsenal. Zudem gewann er mit dem Team von Trainer Frank Rijkaard zwei spanischen Meisterschaften in Folge und wurde zweimal unangefochten zum besten Fußballer der Welt gewählt. Der Mann mit dem Dauerlächeln, den schiefen Zähnen und dem emblematischen Surfergruß beim Torjubel war auf dem Höhepunkt angekommen.

Von da an ging es nur noch bergab: Der herausragende Akteur beim WM-Erfolg von 2002 konnte einer überalterten brasilianischen Nationalmannschaft keine Impulse geben, so dass die Selecao bei der WM in Deutschland schon im Viertelfinale an Frankreich scheiterte. Von diesem K.o.-Schlag erholte er sich lange nicht. "Danach hatte ich zu gar nichts Lust", gab der psychisch und physisch angeschlagene Ronaldinho später zu.

Zwar gab der Mittelfeldzauberer auch in der Saison 2006/2007 immer wieder Kostproben seines genialen Könnens, etwa in der Champions-League-Vorrunde mit einem Freistoß unter der Mauer hindurch ins Tor von Werder Bremen. Aber die Auszeiten, in denen R10 abtauchte, wurden immer länger. Ein Grund, warum Barca in den beiden folgenden Jahren völlig unnötig den Meistertitel an Erzrivale Real Madrid abschenkte.

Abschied von "Feldwebel" ten Cate der Anfang vom Ende

Hauptgrund für Ronaldinhos Absturz war der Abschied von Assistenzcoach Henk ten Cate zu Ajax Amsterdam. "Ten Cate hatte als Rijkaards Feldwebel gegolten und sein Abgang wurde zum Katalysator für den vollständigen Zusammenbruch der Disziplin in Barcelonas Kabine", schrieb Guillem Balague in seiner Pep-Guardiola-Biografie über den Niederländer, der Ronaldinho immer wieder vor der gesamten Mannschaft auf dessen Defizite hingewiesen und so angespornt hatte.

"Rijkaard und ten Cate bildeten ein perfektes Duo. Sie boten die allerbeste Guter-Polizist-/Böser-Polizist-Routine, aber wenn der Assistent nicht ab und zu mit der Faust auf den Tisch schlug, führte Rijkaards Nettigkeit ins Chaos."

Ten Cates Nachfolger wurde der ehemalige Barca-Profi Johan Neeskens, der bis zur EM 2000 Rijkaards Assistent bei der niederländischen Nationalmannschaft gewesen war. Schon bei der Elftal war dem Trainerduo deren lange Leine im Verhältnis zu den Stars vorgeworfen worden und auch bei Barca wurde sie zum Verhängnis.

Barca verspielt leichtfertig alle Titel in einer Saison

Der europäische Supercup 2006 in Monaco gab einen Vorgeschmack auf die kommenden zwei Jahre. Während sich UEFA-Cup-Sieger FC Sevilla konzentriert vorbereitete, feierten Ronaldinho und mehrere Teamkollegen mit Rijkaards Billigung die zahlreichen Auszeichnungen bei der UEFA-Gala bis in den frühen Morgen. Am Tag des Spiels weilte der Superstar bei einem Werbetermin, während seine Mitspieler im Fürstentum shoppen gingen. Am Abend gab es folgerichtig eine 0:3-Abreibung.

Dieser Negativlauf setzte sich fort mit der Niederlage bei der Klub-WM gegen Internacional Porto Alegre, dem Achtelfinal-Aus in der Champions League gegen den FC Liverpool und dem Pokal-K.o. im Halbfinale gegen Außenseiter Getafe, bei dem man nach einem 5:2 im Hinspiel noch 0:4 unterging. Und in der Liga verspielte Barcelona die dritte Meisterschaft in Folge gegen den alles andere als überragenden Erzrivalen aus Madrid, der am Ende bei Punktgleichheit dank des gewonnenen direkten Duells den Titel holte.

Noch schlimmer für Ronaldinho wurde es in der Saison 2007/2008, in der Barcas Nummer 10 nur 26 mal zum Einsatz kam und kaum noch die gesamten 90 Minuten spielte. Eine seiner größten Demütigungen erlitt er am Tag vor Heiligabend 2007, als ihn die eigenen Fans im Camp Nou nach einer mal wieder enttäuschenden Vorstellung beim 0:1 gegen Real gnadenlos auspfiffen. Schon zu diesem Zeitpunkt war der einstige Publikumsliebling in der Öffentlichkeit aufgrund seiner permanenten Fehltritte abseits des Platzes unten durch.

Seite 2: Ronaldinho: Endlose Parties, betrunken beim Training

Ronaldinho: Auf der Massagebank den Rausch ausgeschlafen

Doch Ronaldinho machte weiter, was er wollte. Häufig kam er nach durchfeierten Nächten direkt zum Training oder fehlte unentschuldigt, offiziell wegen Magen-Darm-Grippe oder individuellen Einheiten im Kraftraum. Angeblich soll er dort aber nur regelmäßig auf einem Massagetisch seinen Rausch ausgeschlafen haben. Sogar eine Affäre mit Rijkaards Tochter Lindsay wird ihm nachgesagt.

Gut für Ronaldinho, dass Smartphones und besonders ihre Kameras qualitativ damals noch in den Anfängen steckten. Dennoch gab es immer wieder Bilder vom feiernden Ronaldinho. Subtiler machte es die seriöse La Vanguardia, die größte Zeitung Kataloniens: Sie zeigte nach einem weiteren schwachen Auftritt einfach als Statement auf der Titelseite ein Bild des Brasilianers mit nacktem Oberköper, auf dem die Fettpölsterchen eindeutig zu erkennen waren.

Sein stetig wachsender Bauchumfang und seine regelmäßigen Zwangspausen sorgten für dauerhaften Gesprächsstoff. Aufgrund von anhaltenden körperlichen Beschwerden machte er ab Mitte März kein Spiel mehr. Allerdings veröffentlichte der FC Barcelona damals ein medizinisches Bulletin, wonach keine Verletzung zu diagnostizieren sei. "Barca stellt Ronaldinho bloß", kommentierte das Hausblatt El Mundo Deportivo.

"Was ist bloß aus dem echten Ronaldinho geworden? Es gibt ihn nur noch virtuell - er kickt bei YouTube. Beim FC Barcelona darf er nicht mehr spielen. Liegt sein Problem tatsächlich im rechten Oberschenkel? Oder höher?", fragte die FAZ damals zu Recht.

Ronaldinho: Im Trainingsspiel schon nach zehn Minuten ausgewechselt

Wie disziplinlos und untrainiert die Mannschaft zu dem Zeitpunkt war, macht eine Anekdote aus Balagues Buch deutlich: Bei einem Spiel gegen die in der vierten Liga spielende Reserve, dem Rijkaard teilnahmslos und Zigarette rauchend zuschaute, musste Ronaldinho schon nach zehn Minuten ausgewechselt werden, weil er nicht mehr konnte. Auch der Rest der Startruppe wurde so vorgeführt, dass einer von Rijkaards Assistenten den damaligen Trainer der B-Mannschaft, Pep Guardiola, nach kurzer Zeit bat, einen Gang runterzuschalten.

Die Meisterschaft war diesmal schon deutlich früher verloren, am Ende hatten die Blaugrana 18 Punkte Rückstand auf Meister Real und schafften als Dritter nur knapp den Einzug in die Champions League. Im Pokal schied man ebenfalls vorzeitig aus, so blieb nur noch die Königsklasse, um die verkorkste Saison zu retten.

Vor dem später verlorenen Halbfinale gegen Manchester United stellte Präsident Joan Laporta Rijkaard daher das Ultimatum, dass er nur mit einem erneuten Gewinn des Henkelpotts Trainer bleiben werde. Wie egal Ronaldinho allerdings dieses Alles-oder-Nichts-Spiel war, zeigte der angeblich Verletzte einmal mehr mit einer rauschenden Partynacht am Vorabend des Rückspiels - minutiös dokumentiert von einem anwesenden spanischen Journalisten.

Ronaldinho und Deco betrunken beim Training

Als Guardiola im Juni 2008 als neuer Chefcoach präsentiert wurde, machte er sich sofort daran, die Mannschaft nach seinen Ideen umzubauen: Mit mehr hungrigen Spielern aus La Masia und mit weniger satten Superstars, weshalb Deco und Ronaldinho den Verein verlassen sollten. Zudem wollte Guardiola Lionel Messi aus der zu diesem Zeitpunkt äußerst negativen Abhängigkeit von seinem Freund und Förderer Ronaldinho befreien, der ihm bei seinem Debüt 2005 per Lupfer das erste Tor als Profi aufgelegt hatte und nur wenige Häuser weiter im Vorort Castelldefels wohnte.

Aufgrund ihrer Verdienste sollten Ronaldinho und Deco eine allerletzte Chance erhalten, bestätigten in der Vorbereitung auf die neue Saison aber Guardiolas Vorbehalte. "Ronaldinho und Deco kamen betrunken zum Training. Deshalb wurden die beiden verkauft. Weil man Angst hatte, dass sie ein schlechter Umgang für Messi sind", berichtete der Ex-Stuttgarter und seinerzeitige Barca-Neuzugang Alexander Hleb.

So einigte man sich in beiden Fällen relativ geräuschlos, Deco ging zum Chelsea und Ronaldinho verließ Barcelona nach vier Jahren in Richtung AC Mailand. Die Italiener zahlten 21 Millionen Euro Ablöse, nachdem der Klub ein Jahr zuvor noch knapp viermal so hohe Angebote abgelehnt hatte. Bei den Rossoneri wurde er nicht besonders freundlich begrüßt. "Er bringt Milan nicht weiter. Wir brauchen Spieler mit einer anderen Einstellung", sagte Gennaro Gattuso.

Wie zum Beweis machte Ronaldinho weiter wie in Barcelona: Nach seinem Siegtor im Derby gegen Inter feierte er drei Tage durch und verschleuderte dabei angeblich 75.000 Euro. "Der Abstieg von Ronaldinho hat mich nicht überrascht", erinnerte sich sein damaliger Trainer Carlo Ancelotti. "Sein Talent stand nie in Frage. Aber sein körperlicher Zustand war immer bedenklich."

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