Kühn: "Es gilt zu zeigen, wer Herr im Haus ist"

Robin Wigger
Sport1

Julius Kühn ist das, was man im Handball als "Waffe" bezeichnet.

Der Melsunger ist ein Mann für die einfachen Tore - jene Würfe aus dem Rückraum, die nicht viel Vorarbeit benötigen. Im Härtetest gegen Island gelang Kühn nicht alles, zweimal trug sich der Hüne aber auch in die Torschützenliste ein (Die Handball-EM ab 9. Januar im LIVETICKER bei SPORT1).

In der Turnier-Generalprobe gegen Österreich startete Kühn zwar nicht, war mit drei Treffern aber viertbester Torschütze, darunter ein Rückraum-Kracher nach einer Auszeit von Christian Prokop.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Seine Teamkollegen schätzen seine Fähigkeiten ohnehin. "Julius verfügt über eine Qualität, die nicht viele Spieler haben - dass er aus dem Nichts über den Block ein Tor machen kann", schwärmt Paul Drux bei SPORT1: "Das wird ganz wichtig sein, dass wir die Tore bekommen."


Im Interview mit SPORT1 sprach Kühn über seine Fähigkeiten, die Belastung im Handball und den Bundestrainer.

SPORT1: Herr Kühn, Sie haben das letzte Turnier verletzungsbedingt verpasst. Verspüren Sie deswegen eine besondere Motivation - zumal Sie ja auch wissen, wie sich eine erfolgreiche EM anfühlt?

Julius Kühn: Auf jeden Fall. Ich verspüre sehr viel Lust, gerade auf so ein internationales Turnier. Bereits beim letzten Lehrgang in der Kroatien-Woche habe ich mich pudelwohl gefühlt.

SPORT1: Sind durch die Ausfälle im Rückraum Ihre Fähigkeiten noch mehr gefragt als gedacht?

Kühn: Die einfachen Tore sind sehr wichtig. Da habe ich auch mit dem Trainer darüber gesprochen, dass er gerade das auch von mir fordert und erwartet. Trotzdem macht es auch eine gute Mischung aus. Wir haben viele Spieler, die im Eins gegen Eins stark sind, die auch über den Schlagwurf treffen können. Meine Stärke ist es eben, über den Rückraum zu kommen. Wenn wir das alles zusammenbringen, dann können wir sehr, sehr erfolgreich sein.


Jetzt aktuelle Handball-Fanartikel kaufen - hier geht's zum Shop | ANZEIGE

SPORT1: Verspüren Sie deswegen auch mehr Druck, da sie womöglich mehr im Fokus stehen?

Kühn: Ein bisschen Druck hat man immer, wenn man für die Nationalmannschaft spielt. Das ist ganz klar. Aber wir kennen uns alle damit aus, haben alle schon einmal für Deutschland gespielt. Gerade bei so einem Turnier muss man, wenn man etwas erreichen möchte, dem auch standhalten, dem gewachsen sein. Ich fühle mich sehr gut.

"Wir sind zu allem im Stande"

SPORT1: Sie haben eben bereits angesprochen, dass Sie sehr erfolgreich sein können.

Kühn: Daraus muss man keinen Hehl machen: Wir sind zu allem im Stande. Aber es ist nicht so einfach, wie es gesagt ist. Wir müssen erst einmal die Vorrunde sehr gut überstehen, möglichst mit der vollen Punktzahl daraus gehen. Ein Halbfinale ist immer möglich. Wenn man dort angelangt ist, hat man auch 2016 gesehen, was dann passieren kann.


SPORT1: Ihre Auslosung wird als machbar angesehen, bis zum möglichen Halbfinale warten wohl nur Spanien und Kroatien als echte Kracher.

Kühn: Ich sehe es nicht als so leicht an, wie es alle betiteln. Bei einer EM sind alle Spiele eng und schwer. Es ist egal, ob der erste Gegner die Niederlande ist, wir danach gegen Spanien spielen und dann Lettland kommt. Letztendlich weiß man bei so einem Turnier: Alle Spieler sind heiß, auch die der gegnerischen Nationen. Wir haben vor zwei Jahren bei der EM in Kroatien gesehen, dass dann auch solche Mannschaften im Stande sind, großartige Leistungen zu bringen. Dann kann so ein Spiel mal ganz schnell eng werden. Wir Spieler haben das auch schon alle mal durchgemacht, dass die Hand ein bisschen zittriger wird. Deswegen gilt es für uns, das direkt zu vermeiden und zu zeigen, wer Herr im Haus ist.

SPORT1: Im Zuge der Absagenwelle ist auch das Belastungsthema wieder aufgekocht. Wie stehen Sie dazu?

Kühn: Die Belastung ist immens, da braucht man nicht drüber diskutieren. Ich habe mit Kai Häfner noch drüber geredet, da haben wir zusammengefasst: Mit unseren Freundschaftsspielen haben wir elf Spiele in 25 Tagen. Das ist schon ein ordentliches Pensum, wenn man noch berücksichtigt, dass noch ein paar Flugreisen dazwischen sind. Aber: Allen Mannschaften geht es so. Da brauchen wir gar nicht versuchen, uns irgendwie rauszunehmen. Letztendlich muss jeder damit klarkommen. Normalerweise ist es ja unsere Stärke gewesen, dass wir über die Breite des Kaders kommen können. Das soll auch wieder unser Trumpf sein.

Kühn muss für die Uni büffeln

SPORT1: Wie hat sich Christian Prokop seit seinem Amtsantritt verändert?


Kühn: Ich kann aktuell nur Positives darüber berichten. Man merkt schon, dass sich ein bisschen was geändert hat. Die letzte EM war für uns alle nicht ganz so leicht. Da wurde ja viel drüber gesprochen, viel geschrieben. Dann bin ich eine längere Zeit raus gewesen aufgrund meines Kreuzbandrisses. Beim letzten Lehrgang habe ich aber gemerkt, dass es eine ganz andere Stimmung ist. Es ist mehr ein Miteinander, es wurden ein paar Dinge angepasst. Alle Spieler fühlen sich damit pudelwohl. Dem Betreuerstab geht es damit genauso. Wir fühlen uns alle gut gestimmt.

SPORT1: Wie vertreiben Sie sich die spielfreie Zeit - an der Darts-Scheibe oder bei Siedler von Catan?

Kühn: Beim Darts bin ich auch immer mit vorne dabei. Da versuche ich, mich wieder einzubringen. Ein paar der Jungs haben auch eine Nintendo Switch dabei. Dazu muss ich aber sagen: Ich muss nebenbei auch noch lernen fürs Studium, weil Ende März Klausuren anstehen. Es ist aber immer ein bisschen schwierig, sich an den spielfreien Tagen zu motivieren, etwas für die Uni zu machen. Letztendlich muss man es dann doch irgendwie hinbekommen.

SPORT1: Und wie ist es um Ihre fußballerische Fähigkeiten bestimmt?

Kühn: Nachdem ich mich verletzt habe, habe ich kein Fußball mehr zum Aufwärmen gespielt. Ich weiß nicht, ob das zulasten der jungen Mannschaft ist oder es eher besser ist, wenn ich nicht Fußball spiele.

Lesen Sie auch