Barca-Star Rakitic: "Ich danke allen Schalkern"

Reinhard Franke
Sport1

Seit Donnerstagabend rollt in der spanischen Liga wieder der Ball.

Ivan Rakitic, 2018 Vize-Weltmeister mit Kroatien, hat dabei gleich einen Grund, stolz zu sein. Seit 2014 spielt er beim FC Barcelona. Am Samstag könnte der 32-Jährige bei RCD Mallorca (La Liga: RCD Mallorca - FC Barcelona ab 22 Uhr im LIVETICKER) sein 300. Pflichtspiel für die Katalanen bestreiten. 

Im SPORT1-Interview spricht der Mittelfeldstratege unter anderem über Barca, seine Situation, seinen früheren Verein Schalke 04, Lionel Messi und seine Zukunftspläne. 

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

SPORT1: Herr Rakitic, wie fühlen Sie sich vor dem Auftakt mit Barca?

Ivan Rakitic: Ich bin gespannt, wie es wird. Wir sind bereit. Zum Glück geht es wieder los. Die ganze Welt hat auf die Bundesliga geschaut, und wir waren schon ein bisschen eifersüchtig, weil wir auch starten wollten. Aber es hat mich sehr gefreut, dass es in Deutschland mit dem Re-Start so gut geklappt hat. Deswegen gab es auch für uns leichter grünes Licht. Wir sind alle sehr aufgeregt und haben große Lust auf Fußball.  


SPORT1: Wie haben Sie bisher die Coronakrise erlebt?

Rakitic: Es war für uns etwas ganz Neues, wir waren alle überrascht. Als wir vom Trainingsgelände nach Hause geschickt wurden, dachten wir alle, dass es nach rund zwei Wochen wieder okay sein wird. Aber wir hatten uns getäuscht. Ich habe versucht, die schwere Zeit zu genießen. Denn als Fußballprofi hast du nicht oft die Möglichkeit, so intensiv zu Hause sein zu können und komplett für die Kinder da zu sein. Wir haben Hausaufgaben zusammen gemacht und zwischendurch viel gespielt. Es war eine aufregende und doch auch schöne, ruhige Zeit. Wir werden die vergangenen Monate nie vergessen. Aber ich bin wirklich froh, dass es jetzt wieder mit Barca losgeht.

SPORT1: Haben Sie in der Corona-Zeit die Rolle als Vater neu erlebt?

Rakitic: Neu nicht und doch war es anders und schön, dass ich jeden Tag morgen das Frühstück vorbereiten konnte. Oder musste. (lacht) Wir haben zusammen gekocht und gebacken. Die ganz normalen Alltagsdinge eben. Das Wetter war schön, so konnten wir alle viel im Pool und im Garten sein. Auch unsere beiden Hunde waren happy. Es war in dieser Zeit für die Kinder wichtig die Nähe zu den Eltern zu spüren.

La Liga ist zurück! DAZN gratis testen und internationalen Fußball live & auf Abruf erleben | ANZEIGE 

SPORT1: Wie haben Sie sich fit gehalten?

Rakitic: Ich habe schon seit einigen Jahren mein Gym zu Hause, konnte also täglich trainieren. Das war hart, hat aber auch Spaß gemacht. Ich habe so vier Kilo verloren. Ich wollte die Zeit bestmöglich nutzen und auch etwas für meinen Körper tun. Meine Frau hat mich dabei sehr gepusht, wir haben viele Sachen zusammen gemacht. Meist wenn die Kids Mittagsschlaf gehalten haben. Es gab auch mal eine Night-Session, wenn sie abends im Bett waren. Manchmal waren es wie zu Zeiten von Felix Magath zwei, drei Einheiten am Tag. (lacht) Und nun fühle ich mich viel besser.

SPORT1: Haben Sie Magath immer noch im Kopf?

Rakitic: Er war kein Schleifer, aber er ist der einzige Trainer, der es geschafft hat, dass man immer wieder an ihn denkt. Das schaffen nicht viele und ich denke positiv an die Zeit unter Magath zurück. Ich bin ihm unheimlich dankbar, weil ich viel von ihm gelernt habe. Seine Erfolge und die Tatsache, dass man an ihn zurückdenkt, sind einzigartig.

SPORT1: Sie sind seit sechs Jahren bei Barca. Wie blicken Sie zurück?

Rakitic: Wenn mir vor sechs Jahren, als ich unterschrieben habe, jemand gesagt hätte, dass ich so lange bei Barca sein werde, dann hätte ich es nicht geglaubt. Ich kann am Samstag mein 300. Pflichtspiel machen. Ich bin zudem der Ausländer mit den viertmeisten Einsätzen in der Vereinsgeschichte. Das ist schon etwas Spezielles und macht mich stolz. Ich habe mit Barca alle Titel gewonnen und bin sehr zufrieden, wie es all die Jahre lief für mich. Ich hoffe, es kann so weitergehen und dass wir auch in dieser Saison noch Titel gewinnen können.


SPORT1: Wie hat sich Barcas Spiel verändert?

Rakitic: Verändert hat sich, dass viele Mannschaften mittlerweile anders gegen uns spielen. Die Art und Weise und die Spielidee von Barca hat sich nicht verändert. Auf jeden Fall bringen neue Trainer ihre Ideen mit, aber im Großen und Ganzen ist unsere Philosophie fest verankert. Mit den Spielern, die jetzt schon zehn oder zwölf Jahre im Verein sind, kann man auch nicht so viel ändern. Unser Spiel ist weiterhin sehr interessant. Was Barca seit Jahren auf dem Platz zeigt, hat Respekt verdient.

SPORT1: Sie haben noch bis 2021 Vertrag. Zuletzt soll es Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen und den Bossen gegeben haben. Sie sagten "Ich bin kein Kartoffelsack". Wie meinten Sie das?

Rakitic: Ich wollte keine schlechte Stimmung und bin auch niemandem böse, denn ich habe nach wie vor ein super Verhältnis zu allen Leuten im Klub und bin unglaublich dankbar für die bisherige Zeit bei Barca. Es geht einfach darum, dass man mit mir nach der langen Zeit, die ich jetzt da bin, offen über alles redet. Ich will Klarheit, in welche Richtung es geht. Ich spüre jetzt, dass wir einen gemeinsamen Weg einschlagen wollen. Ich habe kein Problem damit, dass es in den vergangenen Jahren viele Schlagzeilen um meinen Namen gab. Ich bin immer offen für Gespräche mit den Verantwortlichen und mag es lieber, als es über Dritte zu erfahren. Ich bin nach wie vor sehr glücklich bei Barca. Auch meine Frau fühlt sich sehr wohl in Barcelona.

SPORT1: Was haben Sie vermisst?

Rakitic: Ich weiß, wie das Fußballgeschäft läuft und dass wir Spieler auch Objekte sind und dass die Bosse das Beste für den Klub rausholen müssen. Aber ich habe das Recht, selbst zu entscheiden, was passiert und in welche Richtung ich gehen will. Nur das wollte ich noch mal klarstellen. 


SPORT1: In welche Richtung soll es denn für Sie gehen?

Rakitic: Immer glücklich zu sein. Ich will weiter mit einem Lächeln zum Training fahren und auch so wieder zurück. Dann ist alles gut. Sobald das nicht so sein kann, müssen wir uns zusammensetzen. Und natürlich möchte ich regelmäßig spielen wie alle anderen Kollegen auch. Ich möchte weiter ein wichtiger Teil von Barca sein und Fußball genießen. Das ist der Fall, denn sonst hätte ich zu Hause nicht so hart an mir gearbeitet. Ich bin absolut bereit für die restlichen Spiele und möchte Vollgas geben. 

SPORT1: Diesen Sommer würde Barca noch eine Ablöse für Sie bekommen. Können Sie sich auch etwas anderes vorstellen?

Rakitic: Ich möchte nicht zu weit vorausschauen. Die Leute im Verein wissen, dass Barca für mich der perfekte Klub ist. Ich habe immer einen Vertrag unterschrieben, um ihn auch zu erfüllen. Das will ich nach wie vor. Und ich will mich gebraucht fühlen im Klub.

SPORT1: Also werden Sie über den Sommer hinaus bei Barca bleiben?

Rakitic: Das ist so geplant. Durch Corona wird vieles für uns Spieler und für die spanischen Klubs ganz neu sein. Wenn etwas stört, muss man reden. Aber die Idee ist, dass ich noch länger hierbleiben möchte. Mein Kopf und mein Herz sind klar bei Barca. Auch in der nächsten Saison. 

SPORT1: Lionel Messi sagte, dass die Coronakrise vielleicht gar nicht so schlecht ist für Barca, weil das Team vor der Pause nicht auf dem hohen Level war. Sehen Sie das ähnlich?

Rakitic: Wenn Leo so etwas sagt, hat er sicher auch recht. Alle, die ihn kennen, wissen, dass er ein fußballverrückter Mensch ist, der immer alles analysiert und alles immer zu 100 Prozent perfekt haben möchte. Wir müssen ganz viele Sachen verbessern, wenn wir die Meisterschaft und die Champions League gewinnen wollen. Es war auch nicht einfach für uns im Januar nach dem Trainerwechsel wieder Gas zu geben. Wir hatten keine Zeit, mit dem neuen Coach viele Details zu besprechen, weil es Schlag auf Schlag ging. Und vielleicht kam Corona für uns zur rechten Zeit, damit wir uns sammeln und Gedanken machen konnten. Es musste wieder Klarheit rein bei Barca. 

SPORT1: Haben Sie das Gefühl, dass alle im Klub hellwach sind, wenn Messi etwas anspricht, und bei Ihnen manch einer erstmal still ist?

Rakitic: Das kann sein, ist aber okay, denn dieses Standing hat Leo sich erarbeitet. Diese Kraft und die Möglichkeit zu haben mit den Leuten zu kommunizieren, ist schon besonders. Er will nicht übertrieben viel, aber wenn er dann etwas sagt, dann weiß man, worum es geht. Sein Wort ist wichtig. Er ist seit 15 Jahren im Klub, hat alles gewonnen und ist der beste Spieler der Klub- und vielleicht sogar der Fußballgeschichte. Wenn Leo etwas sagt, muss man schon gut zuhören, weil er immer hungrig ist und auf 100 Prozent sein will. Alles, was er sagt, ist nur im Sinne von Barca. 

SPORT1: Beschreiben Sie Ihr Verhältnis zu Messi…

Rakitic: Es ist sehr gut. Er hat mich vom ersten Tag an super aufgenommen. Wir hatten immer ein gutes Feeling auf und neben dem Platz. Ich bin sehr stolz, dass ich all die Jahre mit ihm zusammenspielen konnte und wir viele Fights und Titel gewonnen haben. Die Spiele und auch den Alltag mit ihm zu genießen, ist schon sehr speziell. 


SPORT1: Und ist Messi auch privat so, dass alle bei ihm erstmal aufhorchen?

Rakitic: Er ist schon der Superstar, das ist einfach so. Überall. Da müssen wir ehrlich sein, das ist auch gut so. In der Mannschaft ist er völlig normal. Er macht die gleichen Witze, macht die gleichen Dinge in der Kabine und ist als Kapitän immer offen, wenn man mit ihm sprechen will. Der Respekt gegenüber Leo ist schon etwas Spezielles. Er liebt und lebt den Fußball und geht immer voran. 

SPORT1: Vor der Coronakrise waren Sie kein Stammspieler mehr. Wie weh hat das getan?

Rakitic: Das hat schon weh getan. Ich war in den ersten fünf Jahren der Spieler mit den meisten Spielen. Dass es zuletzt keine Kommunikation mit den Bossen gab und auch keine Erklärung bezüglich meines Standings, war nicht so schön. Vor allem, dass die Auftritte von uns nicht wirklich gut waren und dennoch nicht umgestellt wurde, hat mich gewundert. Mit dem neuen Trainer wurde es dann Stück für Stück besser. Ich bin immer ruhig geblieben und bin jetzt gespannt auf das, was kommt. 

SPORT1: Kommen wir zu einem Ihrer früheren Klubs. Wie sehr haben Sie Schalke 04 noch im Blick?

Rakitic: Schalke ist noch absolut präsent bei mir, ich habe noch viel Kontakt zu ehemaligen Mitspielern wie Gerald Asamoah, Mladen Kristajic, Manuel Neuer. Oder über Instagram zu Kevin Kuranyi, der kürzlich in Barcelona war. Ich hatte auch zuletzt etwas Zeit, mir einige Spiele von S04 anzuschauen. Leider hat es in der Rückrunde mit den Resultaten nicht so geklappt. Ich bin aber überzeugt, dass man mit David Wagner die Kurve kriegt und nicht bis zum letzten Spieltag zittern muss. Ich wünsche dem Verein viel Glück und hoffe, dass es wieder so läuft wie zu Beginn der Runde. Es ist immer schön zurückzuschauen, ich hatte dort eine super Zeit. Ich danke allen Schalkern.


SPORT1: Niko Kovac war Ihr Nationaltrainer. Er will im Sommer wieder einsteigen. Was wünschen Sie ihm?

Rakitic: Ich wünsche Niko den größtmöglichen Erfolg. Ich traue ihm auch alles zu, egal in welcher Liga, weil er ein super Trainer ist. Er ist ein Fußballverrückter, versucht immer 100 Prozent bereit zu sein. Niko mag es nicht, wenn man ihn überrascht oder wenn er keine Lösung parat hat. Das war ihm schon immer unglaublich wichtig. Zudem hat er ein perfektes Umfeld und ein perfektes Trainerteam. Ich habe die Zeit mit ihm in der Nationalmannschaft sehr genossen, weil er einer der besten Kapitäne war, die ich hatte. Als Mensch, aber auch als Trainer hat er bewiesen, dass er auf höchstem Niveau arbeiten kann. Und ich hoffe natürlich für ihn, dass er im Sommer wieder bei einem Klub einsteigen kann. Ich mag lieber mit ihm reden, wenn er wieder zu 100 Prozent im Geschäft ist und glaube auch, dass der Fußball ihn braucht. Ich würde ihm jedes Team und jede Liga zutrauen, weil er das Potenzial für noch viel mehr hat.

SPORT1: Haben Sie noch Kontakt?

Rakitic: Wir haben jetzt während der Pause ein zwei Mal telefoniert, sind im Kontakt. Niko war schon immer eine besondere Person für mich. Als ich mit 19 Nationalspieler wurde, hat er auf mich aufgepasst und dafür bin ich ihm unheimlich dankbar.

SPORT1: Wird die Bundesliga langweilig? Viele sagen Bayern und der BVB sollten in einer eigenen Liga spielen.

Rakitic: Bayern marschiert wieder vorne weg. Ich glaube, man sollte stolz sein, solch einen Verein in der Bundesliga zu haben, der immer die Möglichkeit hat, die Champions League zu gewinnen. Die Chancen gegen die Münchner zu gewinnen sind nicht so groß. Aber da muss ich den Verantwortlichen auch gratulieren, dass sie es so hingekriegt haben über die Jahre. Als ich auf Schalke spielte, waren die Duelle gegen die Münchner immer besonders. Bayern ist eben Bayern. Ich fände es sehr schade, wenn dieser Verein in einer eigenen Liga spielen würde. Da würde die Bundesliga an Wert verlieren. Denn sie sind mit noch drei vier anderen Mannschaften top in Europa.

SPORT1: Letzte Frage: Würden Sie eigentlich Ihre Karriere gerne in Spanien beenden oder ist auch eine Rückkehr in die Bundesliga noch mal möglich?

Rakitic: Ich bin offen für alles, möchte aber nicht zu weit nach vorne schauen. Ich möchte jetzt den Moment genießen nach der schweren Zeit mit Corona. Alle, die mich kennen, wissen, wie fußballverrückt ich bin.

Lesen Sie auch