Randale gegen RB Leipzig - Borussia Dortmund am Pranger

Auf der Dortmunder Südtribüne wimmelte es von Anti-RB Leipzig-Transparenten

Es ist eine Schande, was sich am Wochenende in und um das Westfalenstadion in Dortmund ereignet hat. BVB-Chaoten wüteten gegen Anhänger von RB Leipzig. Borussia Dortmund ist jetzt gefordert. Eine Einordnung von Moritz Piehler.

Wie viele andere Bundesligisten so hat auch der BVB einen Teil gewaltbereiter Anhänger, die bereits wiederholt aufgefallen sind. In Dortmund hatte man in der Vergangenheit vor allem immer wieder Probleme mit Fans aus dem rechten Sektor. Wie bei vielen anderen Teams gibt es auch hier herbe Kritik am Geschäftsmodell von RB Leipzig. Was sich jedoch am vergangenen Wochenende gegen Leipzig im Dortmunder Stadion abspielte, hatte eine neue Dimension. Und der BVB muss sich nun einigen unbequemen Fragen stellen.

Leipziger Fans sind Abneigung gewohnt

Die Leipziger Fans sind es nun wahrlich gewohnt, in jeder Liga durchgängig beschimpft zu werden und bei Auswärtsspielen beleidigt und ausgepfiffen zu werden. Man könnte da noch dafür argumentieren, dass die Rivalität zwischen Vereinen eben Teil des Fußballspektakels ist und in gewisser Weise sogar vermarktungsfördernd.

Man könnte es auch auf der philosophischeren Ebene einer Auseinandersetzung zwischen Traditionsvereinen und Retortenteams sehen, wobei sich da ein jeder Fan eines börsennotierten Unternehmensclubs eventuell ein, zwei unangenehmen Selbsterkenntnissen zu stellen hätte. Doch was Teile der Dortmunder Anhängerschaft am Samstagabend boten, ging weit über jedes Gefrotzel hinaus. Was auf Transparenten und Plakaten auf der Südtribüne zu lesen war, muss hier nicht wiederholt werden, erfüllte teils aber durchaus den Tatbestand eines Gewaltaufrufs, vom guten Geschmack ganz zu schweigen.

Selbsternannte Traditionsverteidiger

Schlimmer noch, was im Vorfeld des Spiels vor dem Stadion passierte. Dort wurden die anreisenden Leipzigfans mit Steinen und Flaschen beworfen, zehn Menschen wurden verletzt, darunter auch vier Polizisten. Die Auswärts-Fans und die Polizei beschrieben die Szenerie als extrem bedrohlich und hasserfüllt.

Zuvor war die Anfahrtsroute des Mannschaftsbus geändert worden, nachdem es Hinweise auf eine geplante Attacke durch BVB-Hooligans gegeben hatte. Womöglich ein Grund, weshalb sich der Hass an anderer Stelle entlud, andererseits aber auch Indiz dafür, dass die Polizei das Gewaltpotenzial – trotz Bitte des Leipziger Fanprojektes um Polizeischutz – völlig unterschätzte.

Bundesinnenminister Thomas DeMaizière fand deutliche Worte für das Verhalten der selbsternannten Traditionsverteidiger: “Wer Steine und Getränkekisten auf Polizisten wirft und nicht mal auf Familien und Kinder Rücksicht nimmt, ist in Wahrheit kein Fußballfan und gehört nicht ins Stadion, sondern hinter Schloss und Riegel.“

Noch läuft die Auswertung der Kameraaufnahmen, die Polizei rief zur Einsendung weiterer Hinweise auf, was der BVB unterstützend retweetete. Von Seiten des Vereins gab es nach dem nebensächlichen 1:0 Sieg eine Entschuldigung bei den Leipzigern durch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: Man sei schockiert über dieses nicht zu tolerierende Verhalten und arbeite mit Hochdruck an der Aufklärung, versprach der Vereinsboss.

Die Frage muss allerdings erlaubt sein, ob sich der BVB nicht schon im Vorfeld etliche Versäumnisse in Sachen Fanbetreuung erlaubt hat. Bereits in der Woche zuvor gab es exzessive Pyrotechnik beim Auswärtsspiel in Mainz im Dortmunder Block, dabei ist der Verein noch auf Bewährung nach den Pyro-Aktionen beim DFB-Pokalfinale im vergangenen Jahr.

Und trotz Bemühungen aus der Fanszene und durchaus auch vom BVB selbst in den letzten Jahren, wird der Verein das Nazi-Problem auf den eigenen Rängen einfach nicht los. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen, wird von Vernetzung der BVB-Fans mit ultrarechten Gruppierungen berichtet.

Die Frage bleibt, ob sich der Verein ausreichend gegen diese Gruppierungen im eigenen Lager positioniert hat, oder ob mittlerweile die verschiedenen Fangruppierungen das Sagen in der Kurve haben. Zudem muss sich Watzke, der sich vor der Begegnung redlich daran beteiligt hatte, die Partie zum Kampf der Systeme aufzubauschen, nun fragen lassen, ob er nicht seinen Teil zur Eskalation beigetragen hat.

Sowohl der Fanverband aus Leipzig, als auch der Fanclub „Bornaer Bullen“ äußerten harsche Kritik gegenüber den Verantwortlichen. Zu keiner Zeit sei ein Sicherheitskonzept in Dortmund zu erkennen gewesen. Auch Watzke persönlich sei mitverantwortlich für die aufgeheizte Stimmung.

Löscharbeiten stehen an

In einer offiziellen Stellungnahme verlangte der Ost-Verein “lückenlose Aufklärung” im Interesse der gesamten Bundesliga. Watzke erhält aus der Liga Rückendeckung von ungewohnter Stelle, denn ausgerechnet Schalkes Christian Heidel sprach den Chef des Erzrivalen von einer Mitverantwortung an den Vorfällen frei. Dessen Äußerungen zu RB Leipzig hätten nichts mit den Ausschreitungen vom Samstag zu tun. „Kritik muss erlaubt sein, solange sie sachlich bleibt,“ so Heidel. Dagegen forderte DFB-Präsident Reinhard Grindel einen „Aufstand der Anständigen“ als Reaktion auf die Ausschreitungen, nicht nur auf Funktionärsebene. Eine klare Distanzierung von psychischer und physischer Gewalt müsse auch in den Kurven Konsens sein.

Im Statement nach dem Spiel hatten sich Watzke und BVB-Präsident Reinhard Rauball selbst sehr deutlich positioniert. „Wer seine Meinung nicht durch Argumente, sondern durch rohe Gewalt und plumpe Beleidigungen ausdrückt, kann, darf und wird nicht Teil der BVB-Familie sein“, war auf der BVB-Homepage zu lesen.

Bleibt abzuwarten, ob es dem Verein gelingt, aus diesen hehren Ansprüchen mehr als leere Worthülsen zu machen. Sowohl in den Konsequenzen für die Verursacher der Angriffe, als auch intern innerhalb der Fanszene. Grundsätzlich sollte sich ein jeder Vereinsverantwortliche in der Liga nach den Vorkommnissen in Dortmund aber noch einmal vor Augen führen, welche Auswirkung populistische Reden haben können. Es liegt auch an ihnen, bereits bestehende Feuerstellen im eigenen Verein zu erkennen und nicht weiter anzuheizen. Beim BVB stehen nun erstmal dringende Löscharbeiten an.

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