"Wie auf einer Rasierklinge": Vettel kämpft sich auf Platz zehn

Maria Reyer
·Lesedauer: 5 Min.

"Das Rennen wird dann wieder irgendein Murks sein", prophezeite Sebastian Vettel nach dem Qualifying am Samstag. Und so sollte es dann auch kommen. Im Grand Prix von Portugal mühte sich der Heppenheimer im Mittelfeld erneut ab und erkämpfte sich in den letzten Runden noch einen Punkt. F1 2020 live im Paddock-Ticker!

"Nein, ich freue mich nicht über einen Punkt. Ich bin nicht hier für einen Punkt", stellt der Deutsche nach der Zieldurchfahrt im 'RTL'-Interview klar. Er konnte sich von Startplatz 15 aus zunächst nicht behaupten und fiel in der turbulenten Anfangsphase des Rennens bis auf Rang 17 zurück.

"Ich hatte eigentlich einen guten Start und eine gute erste und zweite Kurve, und dann hatte ich nicht mehr wirklich einen Platz, wo ich hinkonnte." In dem ganzen Chaos sei es schwierig gewesen, die Reifen zum Arbeiten zu bringen.

Vettel: Die Renault haben gegen mich gearbeitet

"Ich glaube, es war für alle schwer, aber noch eine Stufe mehr für mich, so hat es sich zumindest angefühlt." Er habe ähnlich wie schon am Samstag "unheimliche Schwierigkeiten" gehabt, die Medium-Reifen zu Beginn auf Temperatur zu bringen. "Das Auto war das gesamte Rennen über sehr schwer zu fahren. Der Grip ist immer sehr plötzlich abgerissen. Es war sehr schwer, Vertrauen aufzubauen."

Die Konstanz habe daher gefehlt, es ging "auf und ab". Im Interview bei 'Sky' fügt er hinzu: "Es war sehr schwer mit dem Auto. Mal geht's eine Runde [lang], mal nicht, wie auf so einer Rasierklinge. Wenn ich es nicht ganz genau treffe, dann falle ich sofort richtig ab. Und bin dann direkt viel langsamer."

Der Deutsche wählte eine Einstoppstrategie und blieb bis Runde 27 auf der Strecke. Er konnte ein paar Kontrahenten überholen und profitierte von frühen Stopps der Konkurrenz, was ihn bis auf Platz sieben spülte. Nach dem Wechsel auf die harten Reifen landete er auf Platz 15.

<span class="copyright">Glenn Dunbar / Motorsport Images</span>
Glenn Dunbar / Motorsport Images

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"Wir waren dann natürlich wieder hinten drin und mussten dann da irgendwie raus. Das ist uns einigermaßen gelungen. Aber ich sag mal, das Rennen war jetzt nicht toll." In den letzten 15 Runden duellierte er sich mit seinem ehemaligen Teamkollegen Kimi Räikkönen und den Renault-Fahrern.

"Ein bisschen was wäre vielleicht noch drin gewesen. Die Renaults haben das am Ende zusammen verteidigt, deswegen war es schwer. Zufrieden in dem Sinne bin ich natürlich nicht." Den Alfa Romeo konnte er noch überholen, für Daniel Ricciardo hat es nicht mehr gereicht.

"Die zwei haben gemeinsam gearbeitet. Der Ocon hat dem Daniel dann Windschatten gegeben und DRS, und dann konnte ich die Gerade runter nicht wirklich was machen." Bei seiner Attacke war der Heppenheimer mit stumpfen Waffen unterwegs und wäre "zwei, drei Mal" fast abgeflogen.

"Seitwärts" statt in die richtige Richtung

"Ich hatte da einen Moment, wo das Vorderrad stehengeblieben ist und ich fast abgeflogen wäre, als ich versucht habe, ein bisschen näher dranzukommen. Dann habe ich Boden verloren und die letzten fünf Runden war ich dann zu weit weg."

Im Ziel fehlten ihm 1,140 Sekunden auf Ricciardo. "Ich weiß nicht, ob ich noch was sagen soll, aber besser nicht. Ich habe alles probiert", schmunzelt er. Wird er das Vertrauen in den SF1000 in seinen letzten fünf Rennen für Ferrari noch finden? Vettel offenbart, dass es derzeit "eher seitwärts" gehe, als in die richtige Richtung.

"Das Gefühl im Auto ist das ganze Jahr schon ein bisschen [ein] Murks. Ich komme da auf keinen grünen Zweig, aber ich probiere es weiter. Mir bleibt ja nichts anderes übrig, ich muss ruhig bleiben und versuchen, meine Dinge zu machen. Auch wenn es schwer ist jedes Mal, wenn es so ausgeht."

Das tut weh: Hamilton überrundet Vettel in Portimao

Das tut weh: Hamilton überrundet Vettel in Portimao<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Das tut weh: Hamilton überrundet Vettel in PortimaoMotorsport Images

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Nach dem Rennen in Portimao gesteht er auch, dass er innerlich zwiegespalten sei. Einerseits sei er zufrieden, weil er das Gefühl hatte, ein gutes Rennen gefahren zu sein. "Andererseits", sieht er auch ein, "ist es ja offensichtlich, dass das andere Auto deutlich schneller ist."

Nico Hülkenberg, der am Sonntag als RTL-Experte fungiert, analysiert: "Es ist merkwürdig, auf jeden Fall. Das ist aber von außen super schwierig zu beurteilen. Da schwingt ein wenig die Ratlosigkeit mit." Vettel selbst bestätigt, dass er nicht mehr machen könne.

"Auch wenn sich die Runden okay anfühlen, ist es trotzdem immer noch weit weg", muss der viermalige Weltmeister einsehen. Schon nach dem Qualifying am Samstag gestand er, dass er derzeit "kein Land" gegen Charles Leclerc sehe. Im Rennen wurde der Monegasse starker Vierter.

"Ob ich ein kompletter Idiot bin? Wage ich zu bezweifeln"

"Dort, wo ich die Zeit verliere, beiß' ich mir schon das ganze Jahr die Zähne aus. Ich will mal sagen, irgendein Idiot kommt vielleicht nie dahinter, aber ob ich ein kompletter Idiot bin? Das wage ich zu bezweifeln." Irgendwann müsse er auch wieder Glück haben und die Kurven richtig treffen, hofft Vettel.

Derzeit treffe er die Ecken "nie" oder "nur annähernd mit sehr viel Schwierigkeit". Bei Leclerc sehe das viel einfacher aus, gesteht Vettel. Das kratzt am Selbstvertrauen des Deutschen ("Das tut schon weh"). Schließlich sei er noch zu ehrgeizig.

"Meine eigenen Erwartungen sind höher, als die Erwartungen von außen. Das Geschwätz drumherum ist mir ziemlich wurscht, aber für mich selbst im Auto ist das natürlich schwer zu verarbeiten, weil dafür bin ich zu ehrgeizig und auch zu hungrig nach mehr."

Mehr sei im Moment für ihn aber einfach nicht drin, daher müsse er die Mission Ferrari "bis zum Ende des Jahres irgendwie rumkriegen und durchziehen".

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.