Reds-Legende: Von diesem Bayern-Spieler schwärmt Liverpool

Maximilian Lotz
·Lesedauer: 9 Min.

Er ist eine echte Liverpool-Legende - John Barnes.

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Der 57-Jährige spielte von 1987 bis 1997 bei den Reds und gewann an der Anfield Road unter anderem zwei Meisterschaften und zweimal den FA-Cup.

In 406 Pflichtspielen traf Barnes 107-mal für den Klub an der Merseyside. Zudem absolvierte er 79 Länderspiele für die Three Lions (zehn Tore).

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Trotz seiner Fußballerrente beobachtet der ehemalige Spielmacher das Geschehen bei seinem Ex-Klub weiter haargenau.

Im SPORT1-Interview (zur Verfügung gestellt von sportwettentest.net) spricht Barnes über Jürgen Klopp, Thiago, Mohamed Salah als möglichen Nachfolger von Robert Lewandowski beim FC Bayern München und das Champions-League-Spiel gegen RB Leipzig. (Champions League: RB Leipzig - FC Liverpool, Dienstag 21 Uhr im LIVETICKER)

SPORT1: Herr Barnes, was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für die aktuelle Formkrise des FC Liverpool?

John Barnes: Die Verletzungen. Schlüsselspieler sind verletzt. Wir haben eine unverwechselbare Art zu spielen, wobei jede Position mit jeder anderen Position interagiert. Wenn man die Tatsache sieht, dass uns zwei unserer wichtigsten Innenverteidiger fehlen, die bei Ballbesitz das Spiel gestalten, wirkt sich das auf die Vorwärtsbewegung unserer Innenverteidiger und auf die Mittelfeldspieler aus. Da unsere wohl besten und wichtigsten Mittelfeldspieler Fabinho und Jordan Henderson hinten spielen müssen, fehlen die einflussreichsten Mittelfeldspieler. Das heißt, uns fehlen nicht nur zwei, sondern vier einflussreiche Spieler. Die drei vorne spielen wirklich gut und reagieren darauf, wie das ganze Team spielt, wenn Fabinho und Henderson im Mittelfeld, sowie Virgil van Dijk und Joe Gomez oder Joel Matip dahinter spielen würden. Die unverwechselbare Spielweise und die Tatsache, dass - wenn man so will - vier Spieler fehlen, bedeuten, dass die Innenverteidiger nicht mehr so viel nach vorne gehen wie gewöhnlich.

SPORT1: Gibt es eine Lösung für die aktuellen Probleme?

Barnes: Für mich gibt es keine einfache Lösung, weil die Spieler für den Rest der Saison verletzt ausfallen werden. Aber es ist eine einfache Erklärung.

Barnes: Thiago würde besser zu Manchester City passen

SPORT1: Thiago wechselte im Sommer vom FC Bayern zum FC Liverpool, wirkt aber noch nicht richtig angekommen bei den Reds. Wie beurteilen Sie seine Situation?

Barnes: Wir müssen uns daran gewöhnen, wie Thiago spielt. Thiago ist ein anderer Spielertyp. Wir haben uns in den vergangenen drei Jahren daran gewöhnt, einen speziellen Stil zu spielen. Allem voran ist Thiago ein fantastischer Spieler. Er ist sehr gut am Ball. In mancher Hinsicht und wenn man sieht, wie Manchester City spielt, würde er aufgrund seiner Spielweise vielleicht besser zu Manchester City passen. Deswegen liebte ihn Guardiola so bei Bayern München und bei Barcelona. Liverpool ist dabei, sich eine andere Spielweise anzueignen im Vergleich zu der der vergangenen drei Jahre, die sehr stark und physisch war. Nun merken sie, dass sie sich an einen Spieler wie Thiago anpassen müssen. Er ist sehr trickreich, sehr gut auf engem Raum. Aber es braucht Zeit für die Spieler und für ihn, sich aneinander zu gewöhnen. Natürlich ist Thiago ein großartiger Spieler. Und tatsächlich hat er persönlich das schon für Liverpool gezeigt. Aber bis wir uns an seinen Stil gewöhnt haben und er genau weiß, was wir wollen, gibt es Startschwierigkeiten. Das ist alles."

SPORT1: Muss Jürgen Klopp aufgrund des aktuell fehlenden Erfolgs etwas an seiner Arbeit ändern?

Barnes: In den zwei Jahren zuvor haben sie zwei Spiele verloren, eines in der Champions League und eines in der Liga - also warum sollte er etwas ändern? Er ist offensichtlich erfolgreich gewesen mit dem, was er gemacht hat. Im Zusammenhang mit den Spielern, dem Alter der Spieler, dem Kommen und Gehen und der Anpassung haben wir eine andere Spielweise. Wir hatten bisher keinen Spieler wie Thiago, der ein Problem lösen kann, wenn wir nicht in der Lage sind, uns durchzusetzen. Das bedeutet, dass wir unsere Spielweise komplett ändern müssten, damit sie zu Thiago passt. Oder Thiago müsste sich ändern, um zu Liverpool zu passen. Es geht wirklich nur darum, sich aneinander zu gewöhnen. Klopp wollte alle Eventualitäten abdecken. Es gibt Zeiten, in denen wir mehr Kreativität benötigen. Und die bringt Thiago mit. Aber man kann nicht sagen: Das machen wir jetzt und wir vergessen, was wir in der Vergangenheit gemacht haben. Die Balance ist wichtig. Über allem steht die Verletzungssituation von van Dijk und den Abwehrspielern. Wenn Thiago im Mittelfeld mit Henderson und Fabinho spielen würde, würde das die Anpassung erleichtern. Es tut mir Leid für Thiago, weil er in ein Liverpool-Team kommt, das aufgrund der Verletzungen nicht mehr das gleiche ist, wie zuvor.

SPORT1: Klopps Auftritte in TV-Interviews haben zuletzt für Wirbel gesorgt. Wie beurteilen Sie seine Auftritte?

Barnes: Im Fußball geht es ums Gewinnen. Wenn du gewinnst, ist die Leistung der Trainer perfekt. Wenn wir gewinnen und er sagt, Alissons Füße waren etwas kalt, dann wäre das kein Problem. Aber wenn wir verlieren, machen wir ein Problem daraus. Die TV-Auftritte von Trainern interessieren mich nicht. Wir können sie interpretieren, wie wir es wollen, abhängig davon, ob man gewinnt oder verliert. Mich interessiert, was Trainer und Spieler auf dem Platz leisten. Ich erinnere mich an José Mourinho bei Chelsea, als er die ganze Zeit gewann, war er die gleiche Person und jeder liebte ihn.

Barnes über Kabak: Klopp kauft keine schlechten Spieler

SPORT1: Was ist für den FC Liverpool in Bezug auf Titel in dieser Saison noch möglich?

Barnes: Wir sind noch immer in der Champions League und wir sind individuell noch immer stark genug für ein K.o.-Spiel. Der Meistertitel ist wahrscheinlich ein bisschen weiter weg, da es Manchester City so gut macht. Aber ich denke, Liverpool wird es unter die ersten Drei schaffen und sie haben in der Champions League eine Chance. Aber das kann man nie sagen, denn du kannst auf Bayern München, Barcelona oder Real Madrid treffen und ausscheiden.

SPORT1: In der Champions League trifft Liverpool auf RB Leipzig. Kann Julian Nagelsmann mit seinem Team Liverpool gefährlich werden?

Barnes: Natürlich können sie gefährlich werden, denn in Bezug auf Stabilität und defensiver Stärke ist das kein Liverpool-Team. Van Dijk, Gomez und Matip werden nicht spielen. Stattdessen werden zwei Mittelfeldspieler dort spielen oder die beiden neuen Ben Davies oder Ozan Kabak, der von Schalke kam. Sie sind neu, wir wissen nicht, wie sie spielen werden. Die Leipziger werden spüren, dass sie eine Chance haben. Natürlich haben wir die drei vorne, wir können angreifen und Tore schießen. Das dürfte für Leipzig gefährlich werden. Aber die Tatsache, dass die defensive Stabilität nicht da ist, verleiht Leipzig Hoffnung.

SPORT1: Glauben Sie, dass sich Kabak beim FC Liverpool durchsetzen kann?

Barnes: Ich weiß nicht viel über ihn. Er kam von Schalke, ich habe nicht viel von Schalke gesehen. Wir haben ihn noch nicht spielen sehen. Aber natürlich kauft Jürgen Klopp keine schlechten Spieler. Sie machen ihre Hausaufgaben bei diesen Spielern. Wenn es nicht Januar gewesen wäre, hätte er sich wohl um Kalidou Koulibaly oder einen anderen Spieler, für den man 60 oder 70 Millionen Pfund Ablöse zahlen müsste, bemüht. Ich weiß nicht viel über Kabak, aber ich nehme an, dass er ein guter Spieler ist, wenn er zu Liverpool kommt. Ich hoffe, dass er einer ist.

SPORT1: Die Vertrage des Offensivtrios um Mohamed Salah, Roberto Firmino und Sadio Mané laufen jeweils bis 2023. Fürchten Sie deren Abgänge?

Barnes: Wer weiß? Das ist Fußball. Sie könnten bleiben, sie könnten gehen. Ich bin nicht Teil des Klubs, ich bin als Botschafter für den Klub tätig. Natürlich kommen und gehen Spieler. Es lief gegen uns, dass sich Diogo Jota verletzt hat, denn er hat es wirklich gut gemacht. Dadurch konntest du mal einem der drei eine Pause geben. Manchester City hat 20 Spieler, wenn jemand ausfällt, können sie einen anderen bringen und immer noch in der gleichen Art und Weise spielen. Wir brauchen unsere besten elf, besten 13. Wenn wir vier verlieren, können wir das nicht kompensieren. Ich würde mich freuen, wenn die drei bleiben, aber im Fußball weiß man nie, was passiert. Sie sind 28, 29 Jahre alt. Gini Wijnaldum versucht, seinen letzten Vertrag zu sichern, darum unterschreibt er keinen neuen und könnte gehen. Ich weiß, dass wir sie für diese Saison noch haben und dass sie 100 Prozent geben werden. Um das, was nächstes Jahr kommen wird, werden wir uns dann kümmern.

Salah kein Lewandowski-Nachfolger

SPORT1: Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge schwärmte zuletzt von Mohamed Salah. Könnte Salah zu Bayern passen?

Barnes: Wir schwärmen von Lewandowski - kommt er zu Liverpool? Juventus, Real Madrid schwärmen von verschiedenen Spielern, das bedeutet nicht, dass sie dorthin gehen. Natürlich kann Salah überall spielen. Er ist ein sehr guter Spieler. Allerdings ist der Grund für Salahs und Manés Tore Liverpools Spielweise. Sie haben mit Firmino einen zentralen Angreifer, der zurückgezogen spielt und ihnen die Räume ermöglicht. Robert Lewandowski macht das nicht, er ist ein zentraler Stürmer, der die Tore schießt. Die anderen bereiten für ihn vor. Wenn Salah zu Bayern gehen würde, würde er nicht so viele Tore schießen, denn er würde für Lewandowski vorbereiten. Und wenn Salah die Tore schießen würde, würde Lewandowski weniger schießen. Jeder Fußballer muss die Art von Fußball wählen, die am besten zu ihm passt. Ich denke, wenn Salah zu Bayern gehen würde, wäre das kein Erfolg. Es hängt davon ab, was man als Erfolg bezeichnen würde. Er könnte noch immer Titel gewinnen und gut spielen, aber nicht so viele Tore wie bei Liverpool schießen, wegen der Art und Weise wie Liverpool spielt.

SPORT1: Könnte Salah möglicherweise Lewandowskis Nachfolger werden?

Barnes: Nein, denn Salah spielt nicht als zentraler Angreifer. Wenn Salah dort für Liverpool spielen würde, würde er nicht so viele Tore schießen wie als Rechtsaußen. Mané ist auch kein zentraler Angreifer. Wenn Salah auf Lewandowskis Position spielen würde und er zwei Flügelspieler mit einem anderen Spielertyp hätte, wäre Salah nicht der Spielertyp dafür und würde nicht so viele Tore schießen. Liverpools Spielweise passt perfekt zu den Spielern. Deswegen würde auch Jordan Henderson niemals für Manchester City oder Arsenal spielen. Deswegen sage ich immer zu den Spielern, seid vorsichtig, wohin ihr geht, denn ihr müsst euch für die Art von Fußball entscheiden, die zu euch passt.

SPORT1: Wie lautet Ihr Tipp für das Achtelfinale zwischen Liverpool und Leipzig?

Barnes: In den vergangenen beiden Jahren hätte ich ziemlich genau sagen können, wie es läuft und wie Liverpool spielen wird, da wir so konstant waren. Aber in diesem Jahr wissen wir es von einer Woche auf die andere nicht. Wir haben Tottenham geschlagen und gut gespielt und dann gegen Burnley und Brighton verloren. Wir können wirklich nicht wissen, wie das Spiel gegen Leipzig laufen wird. Aber mit Hin- und Rückspiel erwarte ich, dass Liverpool weiterkommt. Jürgen Klopp wird bei seinen Spielern den vollen Fokus darauflegen. Es wird aber ein ziemlich enges Spiel.

SPORT1: Welchen Einfluss hat es, dass das Hinspiel in Budapest ausgetragen wird?

Barnes: Während dieser Pandemie hat Liverpool zwei Heimspiele verloren. Ich denke nicht, dass es irgendetwas bedeutet, ob man zuhause, auswärts oder in seinem eigenen Stadion spielt. Du spielst in einem leeren Stadion, ohne Fans. Ich denke nicht, dass das ein Vor- oder Nachteil ist.