Reformen? Eine Revolution muss her!

Ein Kommentar von Nico Stankewitz
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Niersbachs Rücktritt wird nicht ausreichen, um den DFB-Skandal aufzuklären. (Bild: Getty Images)
Niersbachs Rücktritt wird nicht ausreichen, um den DFB-Skandal aufzuklären. (Bild: Getty Images)

Der DFB-Präsident ist zurückgetreten, aber er ist kaum die Schlüsselfigur der Affäre, die wahren Hintergründe müssten andere liefern. Und die wirkliche Ursache der Affäre geht weit über den DFB und das Sommermärchen hinaus.

Ein Kommentar von Nico Stankewitz

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Es ist eine filmreife Geschichte: Eine Handvoll Männer beginnt eine Mission, ihr Ziel ist es, die Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu holen. Sie beschließen, alles zu tun, was nötig ist, um ihr Ziel für ihr Land zu erreichen. Es klappt, die Welt feiert ein Fußball-Fest und die Akte wird geschlossen. Aber dann zerstreiten sich die Männer, es geht um Macht und Eitelkeit – mehr als neun Jahre später beschließt einer von ihnen, die anderen (und sich selbst) öffentlich bloßzustellen. Es gibt eine hässliche öffentliche Schlammschlacht und das erste Opfer der vermeintlichen Aufklärung ist der DFB-Präsident, der bei der Bewerbung und der Organisation immer dabei war und jetzt zurücktreten musste, obwohl er vermutlich nicht persönlich an Beeinflussung oder Bestechung von Delegierten beteiligt war.

Rücktritt ohne Nutzen


Der Rücktritt von Wolfgang Niersbach hat zwar eine riesige symbolische Wirkung in der öffentlichen Debatte, zu einer wirklichen „Aufklärung“ der Vorgänge um die WM-Vergabe dürfte sie kaum beitragen, Niersbach war immer ein Medienmensch mit den richtigen Freunden, nicht der Mann für die schmutzigen Tricks in den Hinterzimmern. Auch der selbsternannte „Aufklärer“ Theo Zwanziger, Günter Netzer, Horst Schmidt oder Franz Beckenbauer dürften kaum über das nötige Hintergrundwissen und die entsprechende Skrupellosigkeit verfügt haben. Der eigentliche Strippenzieher dürfte ein ehemaliges OK-Mitglied gewesen sein, den man den „Schattenmann“ hinter der Lichtgestalt Beckenbauer genannt hat: Fedor Radmann. Der heute 71-Jährige, eine der bestverdrahteten Figuren im Sportbusiness, gehörte schon zum OK der Olympischen Spiele 1972 in München, war über Jahrzehnte in der berüchtigten Abteilung „Internationale Beziehungen“ bei Adidas, sowie der Vermarktungsfirma ISL tätig – eine lange Zeit im mutmaßlichen Epizentrum der internationalen Sportkorruption. Wenn es im Vorfeld der WM-Vergabe jemanden gab, der ganz genau wusste, wen man wie „behandeln“ musste, um den Zuschlag zu bekommen, dann war es Radmann. Und wenn jemand bereit war, auch zu tun, was nötig war, dann war es ebenfalls Radmann, Beckenbauers „Mann fürs Grobe“, sozusagen. Wenn also jemand wirklich Aufklärung über sämtliche Tricks liefern könnte, müsste es der Wahl-Schweizer sein, aber dass er ein Interesse an Aufklärung haben könnte, ist kaum vorstellbar.

Die moralische Seite der Affäre? Mal ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn das WM-OK vor die Presse treten und zugeben würde, dass es Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe gegeben hätte? So etwa nach dem Motto: Wir wollten es nicht und es war nicht schön – aber es war die einzige Möglichkeit, die WM 2006 nach Deutschland zu bekommen? Man könnte sehr leicht auf die Idee kommen, dass es genauso gewesen ist damals. Wie die Öffentlichkeit darauf reagieren würde – entweder eine WM mit Schönheitsfehlern oder ein sauberes Land ohne Sommermärchen?

Ist Olympia sauber zu holen?

Und da wir in diesem Land gerade wieder in einen Bewerbungsprozess eintreten: Sind wir bereit, die Olympischen Spiele 2024 nach Hamburg zu holen? Die Vergabepraxis im IOC ist mindestens ebenso fragwürdig wie die der Fifa, wenn man etwa an die „Winterspiele“ in Sotschi oder Peking denkt. Ist Deutschland bereit, alles zu tun, was nötig ist, um die Spiele zu bekommen? Die wirkliche Lösung kann nur über eine echte Reform des Weltsports kommen, über Transparenz und Vergabeprozesse nach klar nachvollziehbaren Kriterien. Die Instrumente dafür liegen seit langem vor, Kriterien wie Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit, Menschenrechte, soziale Richtlinien und Umweltstandards. Nur kümmert das bis zum heutigen Tag niemanden, denn befolgt wurden diese Kriterien kaum, im Gegenteil bekamen mit Russland, China oder Katar genau solche Länder zuletzt Großveranstaltungen zugesprochen, wo ethische Kriterien eher keine Rolle spielen. Vermutlich reichen hier Reformen nicht, wir brauchen sehr dringend eine Revolution!

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