Aus der Rente zur EM: Italiens Geheimwaffe

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Aus der Rente zur EM: Italiens Geheimwaffe
Aus der Rente zur EM: Italiens Geheimwaffe

Eigentlich war der Job von Gianni Vio - wie er selbst sagte - längst Großvater zu sein, als der 66-Jährige einen Anruf von Roberto Mancini bekam.

"Ich wurde direkt von Mancini kontaktiert", wird Vio von The Athletic zitiert: "Wir trafen uns in Bologna, unterhielten uns und schüttelten uns die Hand. Ich habe im letzten September angefangen, (mit der Nationalmannschaft) zu arbeiten."

Der italienische Nationaltrainer hatte sich extra für die Europameisterschaft einen echten Standard-Experten geholt, der 4830 verschiedene Möglichkeiten kennen soll, wie ruhende Bälle ausgeführt - oder fast schon zelebriert - werden können. Im letzten Gruppenspiel gegen Wales zeigte sich eine der vielen Varianten beinahe erfolgreich, nur der Pfosten verhinderte ein ausgefallenes Tor. Im Duell mit der Schweiz wurde ein Treffer nach einer Ecke aberkannt.

Vio war einmal mehr seinem Ruf als Geheimwaffe gerecht geworden. Standards können Spiele und Turniere entscheiden - das ist nichts Neues.

Eigene Standard-Trainer oder -Experten haben trotzdem die wenigsten Klubs und Nationalmannschaften. Vio ist einer der ganz wenigen seiner Zunft - und in der Öffentlichkeit ein weitgehend unbekannter Name. Das liegt wohl auch daran, dass der Italiener nicht aus dem Fußball-Kosmos kommt.

Ein Banker wird zum Standard-Experten

Seine berufliche Laufbahn hatte lange Zeit nichts mit dem runden Leder zu tun, sondern vielmehr mit Zahlen. Vio arbeitete als Banker bei einer Unicredit Bank in Mestre, einem Vorort von Venedig. Fußballverrückt war auch damals schon - was in Italien aber alles andere als ungewöhnlich ist.

Vio wollte aber nicht nur Fan sein und nahm an Kursen an der italienischen Trainerschule Ivy League in Coverciano teil, ein Ort vor den Toren von Florenz. Dort traf er auf Maurizio Sarri, der damals bei der Banca Toscana arbeitete. Noch so ein Banker, der im Fußball-Business landete. Sarri ist längst als großer Trainer bekannt geworden - und als Kettenraucher.

Sarri wurde außerdem für ein schwarzes Buch bekannt, in dem er 33 Spielzüge für Standards stehen hatte. Darüber kann Vio nur lächeln, der Standards schnell zu seiner Spezialität machte. Er hat über die Jahre angeblich nicht weniger als 4830 Spielzüge für ruhende Bälle entwickelt.

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Vio: "Es ist, als hätte man einen weiteren Stürmer"

Die Abschlussarbeit von Vios Trainerschein trug den Namen: "Standards: der 15-Tore-Stürmer". Seine Arbeit stützte er auf Erfahrung in der viertklassigen Serie D bei Il Quinto di Treviso, einer Mannschaft aus einer italienischen Region, die eigentlich eher für den Anbau von Radieschen bekannt ist.

Doch warum der Titel? Weil ruhende Bälle wie ein zusätzlicher Stürmer sein können, der in einer Saison um die 15 Tore macht. Das Beste daran: Dieser Stürmer kann sich nicht verletzen.

Um Standards derart erfolgreich zu machen, muss allerdings einiges zusammenpassen. "Alles, was ich sagen kann, ist, dass man die Spieler, die man hat, analysieren und Lösungen finden muss, die auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten sind", sagte Vio kürzlich einer venezianischen Zeitung: "Es gibt Spieler, deren Spielverständnis besonders ausgeprägt ist. Auf höchstem Niveau kommt mir da Sergio Ramos in den Sinn. Wo auch immer sie den Ball hinlegen, Sie können darauf wetten, dass er einen Weg finden wird, ihn zu erreichen. Das Timing ist das Wichtigste, wenn es darum geht, einen Standard zu veredeln."

Im Jahr 2004 schrieb Vio ein Buch über seine große Leidenschaft. Er tat sich dafür mit dem Psychologen Alessandro Tettamanzi und brachte es unter dem Namen "That Extra 30 Percent", heraus - diese zusätzlichen 30 Prozent also.

Warum 30 Prozent? "So viel können Standards die Torausbeute einer Mannschaft verbessern", erklärt Vio in dem Buch. "Es ist, als hätte man einen weiteren Stürmer."

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Ein Buch als Eintrittskarte in den Profifußball

Das Buch stellte sich als Vios Eintrittskarte in den Profifußball heraus. Eines Tages landete es auf dem Schreibtisch von Walter Zenga, einem ehemaligen Nationaltorhüter von Italien und einer Inter-Legende. Mittlerweile war Zenga als Trainer tätig und coachte Roter Stern Belgrad.

Zenga war von dem Buch fasziniert und schrieb Vio eine Mail. Die entsprechende Adresse fand er hinten im Buch.

Zenga und der Angestellte der UniCredit-Bank tauschten viele Ideen aus und schließlich, als Zenga bei Al-Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeitete, ließ er Vio einflogen. Er sollte seinem Team einen 20-tägigen Lehrgang rund um Standards geben.

In der Folge bot Zenga Vio die Chance, seine Expertise in der Serie A einzubringen. Als der Ex-Keeper zum sizilianischen Klub Catania wechselte, nahm er Vio einfach mit. Der Standard-Fachmann flog donnerstags ein und reiste sonntags ab.

Catania erzielte in der kommenden Saison 17 seiner 44 Tore (38,6 Prozent) nach ruhenden Bällen. Ein verdammt treffsicherer Extra-Stürmer. Nationale Aufmerksamkeit erregte ein 3:0-Sieg gegen den SSC Neapel, als zwei Tore nach Standards fielen. Bei einem der Treffer gegen Torino wenige Wochen danach bildeten vier Spieler von Catania eine Mauer vor dem gegnerischen Keeper. Ein Spieler zog zur Verwirrung sogar seine Hose herunter - das hatte Vio laut eigener Aussage aber nicht angeordnet.

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Aus dem Ruhestand zur EM

Zenga konnte seine Geheimwaffe nicht länger verstecken und Vio wurde in Italien zu einem gefragten Mann. Er arbeitete für den AC Florenz und mit dem AC Mailand. Später wurde er Berater bei DC United in der US-amerikanischen MLS und bei den englischen Klubs Brentford und Leeds United.

Fast zwei Jahrzehnte nachdem Vios Buch auf dem Schreibtisch von Zenga lag, war der Standard-Spezialist - der längst nicht mehr als Bänker arbeitete - eigentlich im Ruhestand. Doch Mancini holte den Großvater zurück in das Fußball-Geschäft, um bei der EM eine Geheimwaffe zu haben, die andere Teams nicht haben. Sie ist ein Grund mehr dafür, dass Italien in diesem Jahr tatsächlich der große Wurf gelingen könnte.

Nach der Gruppenphase gilt die Squadra Azzurra als Top-Favorit. Am Samstagabend treffen die Italiener im Achtelfinale auf Österreich. Man darf auf die Standards gespannt sein. (Italien - Österreich ab 21.00 Uhr im LIVETICKER)

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