Rettung des Fussballs? So funktioniert Salary Cap

Eric Böhm
Sport1

Die Coronakrise hat auch den Fußball fest im Griff.

Für viele Vereine könnte es in den kommenden Monaten um die Existenz gehen, die extreme Abhängigkeit von den TV-Geldern in Verbindung mit hohen Gehaltskosten könnte den Fußball zu einem drastischen Kurswechsel zwingen, um sein Überleben zu sichern.

Eine Variante, die deutlich weitergehen würde als das aktuelle Financial Fairplay, wäre das im US-Sport gebräuchliche Salary-Cap-System. Diese Gehaltsobergrenze brachte zuletzt Martin Kind bei SPORT1 erneut ins Gespräch.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

"Es gibt keine Denkverbote. Da gehört so ein Modell dazu. Ich bin für einen Salary Cap", sagte der Boss von Hannover 96 im CHECK24 Doppelpass.


Salary Cap in NFL, KHL, NBA und Co.

Aktuell gibt es den Salary Cap hauptsächlich in den großen US-Ligen wie NFL und NBA, oder auch in der MLS - wenn auch in sehr unterschiedlichen Ausprägungen.

Die chinesische Fußballliga, die KHL im Eishockey oder einige Rugbyligen setzen ebenfalls auf dieses System, um finanzielle Stabilität und Chancengleichheit zu gewährleisten.

Wie könnte das in der Bundesliga oder dem europäischen Fußball generell funktionieren? SPORT1 gibt einen Überblick über die bestehenden Varianten und analysiert eine mögliche Einführung im Fußball.

Alle aktuellen Meldungen, Entwicklungen und Auswirkungen auf den Sport durch die Covid-19-Krise im Corona-Ticker!

Echte Gehaltsobergrenze? Nicht zwingend

Im US-Sport hat jede große Profiliga einen Salary Cap, allerdings sind die Ausprägungen sehr unterschiedlich. Die NFL setzt zum Beispiel erfolgreich auf einen sogenannten harten Cap.

Das heißt, jedes Team darf nur eine bestimmte Summe (2020 knapp 200 Millionen Dollar) an Gehältern für seine 53 Spieler im Kader ausgeben. Dabei muss man jedoch zwischen dem Betrag, der für die Gehaltsliste zählt, und jenem, den der Spieler tatsächlich bekommt, unterscheiden. Mit Boni und Klauseln kann die Obergrenze zumindest gebeugt werden.

Deutlich mehr Spielraum für die reicheren Teams bzw. Eigentümer gibt es in NBA und MLB. Während sie ebenfalls eine harte Zahl haben (NBA 2019/20: 109 Millionen), darf diese durchaus überschritten werden, dann müssen die Teams jedoch eine Luxussteuer zahlen, die von der Liga an die "ärmeren" Kontrahenten ausgeschüttet wird. Zudem dürfen NBA-Teams über die Grenze gehen, um mit eigenen Spielern zu verlängern.

Der Salary Cap ist in den USA also keine klassische Gehaltsober- sondern eher eine Untergrenze, denn in der Regel müssen ca. 90 Prozent des Salary Cap auch für Gehälter ausgegeben werden, um ein übermäßiges Sparen und absichtliches Verlieren einzudämmen.

Jetzt aktuelle Fanartikel der Bundesliga bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE 

In anderen Ländern gibt es meist einen harten Cap - mit teils empfindlichen Strafen. So verlor ein Rugby-Klub in Australien sogar eine Meisterschaft wegen Verstößen.

Mögliche Vorbilder für den Fußball

Da die US-Fußballliga MLS mit Ligen weltweit um gute Spieler konkurrieren muss, gibt es dort eine andere Regelung, die eine mögliche Variante für den Fußball sein könnte.

Hier können bis zu drei Spieler verpflichtet werden, die nicht für den Salary Cap zählen, somit könnte man auch den im US-Sport unüblichen Ablösesummen Rechnung tragen.

Dieses System benutzt auch die KHL mit zwei solchen Spielern. Die KHL könnte als ein Zusammenschluss von Teams aus verschiedenen Ländern zudem ein Vorbild für die Durchsetzung eines Salary Caps in den europäischen Wettbewerben Champions League und Europa League sein.


Die Probleme im Fußball

Genau da sind wir auch schon beim schwierigsten Punkt einer Gehaltsobergrenze im Fußball. Ein auf die Bundesliga begrenzter Salary Cap macht praktisch keinen Sinn, denn so könnten deutsche Vereine im Europapokal gleich die weiße Fahne hissen. Man stelle sich vor, Deutschland beschränkt die Gehälter, der FC Bayern muss einige Stars verkaufen, während PSG oder Liverpool munter weiter Geld ausgeben können.

Die einzig sinnvolle Regelung wäre demnach eine Gehaltsobergrenze, die Klubs einhalten müssen, wenn sie in den europäischen Wettbewerben antreten wollen. Davon abgesehen, dass so eine europaweite Einigung extrem schwierig herzustellen wäre, könnten reiche Vereine eine bestimmte Anzahl an Spielern für die CL melden, aber in der nationalen Liga munter weiter prassen und sich noch mehr Spieler holen.

Ein weiteres Problem: Wie würde das jenseits der ersten Ligen laufen? 2. Bundesliga oder 3. Liga müssten ja theoretisch ebenfalls eine geringere Obergrenze einführen. Wie passen sich dann Auf- und Absteiger an?

Auch die unterschiedlichen Währungen oder Regelungen zum Steuerrecht wären ein großes Problem für eine europäische Gehaltsobergrenze.

Eine mögliche Variante

Aufgrund der geschilderten Probleme ist ein harter Cap mit Summe X im Fußball kaum möglich. Stattdessen könnte man sich europaweit auf eine Quote einigen. Der Klub darf zum Beispiel maximal 70 Prozent seiner Einnahmen oder seines Umsatzes für Gehälter verwenden.

Einem solchen Kompromiss könnten unter Umständen finanzstarke Klubs zustimmen, weil sie dank ihrer höheren Einnahmen dennoch einen Vorteil hätten, wohingegen alle Vereine eine gewisse Barriere gegen finanzielle Engpässe hätten. In der aktuellen Coronakrise wäre es dann möglich, die Gehälter parallel zu den Einnahmen runterzufahren.


Natürlich wäre auch dieses System nicht perfekt und hätte seine Schwächen, zum Beispiel wie man "Einnahmen" des Klubs von Investoren, Mäzenen oder milliardenschweren Eigentümern definiert oder welche Sanktionen bei Verletzung der Regeln überhaupt möglich wären. Aber es ist eine Möglichkeit. Der US-Sport zeigt, dass eine gewisse Stabilität und Chancengleichheit erreicht wird - eine undurchdringliche Dominanz von wenigen Teams gibt es praktisch nicht, abgesehen von Ausnahmen wie zuletzt den New England Patriots in der NFL oder den Golden State Warriors in der NBA.

Durchsetzbar wäre dies aber nur mit Solidarität und einem Konsens jenseits von Gerichten oder Arbeitsrecht.

Lesen Sie auch