Als sich die Rivalität in einer Kartenexplosion entlud

Udo Muras
·Lesedauer: 7 Min.

Wieder mal im Herbst heißt es Borussia Dortmund gegen FC Bayern, der Kracher steht zum 103. Mal in der Bundesligahistorie an.

Zum 17. Mal ist es das absolute Spitzenspiel Erster gegen Zweiter, kein Gipfeltreffen gab es häufiger. (Bundesliga: Borussia Dortmund - FC Bayern München, Samstag 18.30 Uhr im LIVETICKER)

Doch dieses Duell lieferte noch mehr Rekorde und Superlative, die Bayern denken beispielsweise noch immer gern an das 11:1 im November 1971 - ihr höchster Bundesligasieg. Damals spielte der kommende Meister gegen den kommenden Absteiger.

Diese Zeiten sind vorbei, im 21. Jahrhundert wurde die Partie allmählich größten deutschen Duell, das nicht immer nur schöne Schlagzeilen schrieb. Vor 20 Jahren gab es in der Woche vor Ostern ein Kartenfestival, das die Bundesliga noch nie gesehen hatte und seither nie mehr sah.

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Hitzfeld kehrt zu Ex-Klub zurück

Die Ausgangslage: Bayern unter dem ehemaligen BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld hatten 1999 und 2000 die Meisterschaft gewonnen und strebten den Hattrick an. Sie tanzten noch auf zwei Hochzeiten und kamen gerade mit einem 1:0 in der Champions League aus Manchester zurück.

In jenen Tagen glänzten sie nicht gerade, spielten eher zweckmäßigen Fußball und waren keineswegs souverän. Nach 27 Spieltagen hatten sie schon acht Niederlagen kassiert, weshalb die Meisterschaft 2000/2001 noch richtig spannend war.

Der BVB, Meister 1995 und 1996 und Champions-League-Sieger 1997, war noch nicht die unumstrittene zweite Kraft. Er hatte sich nach einer Krisensaison mit Fastabstieg gerade wieder erholt und lag unter Jungtrainer Matthias Sammer, damals 33, nur einen Punkt hinter den Münchnern auf Platz 2.

Auch Leverkusen und Schalke waren in Schlagweite zum Rekordmeister, der sich an diesem 7. April 2001 keine Niederlage leisten konnte. Das Westfalenstadion war mit damals 68.600 Zuschauerplätzen ausverkauft. Wer auf beste Samstagabendunterhaltung gehofft hatte, wurde freilich enttäuscht.

Rivalität zwischen Stars entlädt sich

Im Nachhinein war das "Programm" nicht ganz jugendfrei. Die sich über die Jahre aufgeschaukelte Rivalität (Möller gegen Basler und Matthäus, Kahn gegen Lehmann, Herrlich und Chapuisat, Sammer gegen Hitzfeld) entlud sich an diesem schwarzen Samstag in ungekannter Intensität. Wobei sich die Beobachter hinterher nicht einig waren, wer oder was schlimmer war: die Unfairness der Spieler oder die Leistung des Schiedsrichters?

Hartmut Strampe aus Handorf in Niedersachsen stellte in 93:08 Minuten Spielzeit zwei Rekorde auf: er zückte 14 Karten (für 13 Spieler), davon elf gegen eine Mannschaft - die Bayern. Da war das eigentliche Ergebnis (1:1) nach Toren von Roque Santa Cruz (6.) und Fredi Bobic (52.) fast schon Nebensache. Das Spiel geriet spätestens nach 35 Minuten aus den Fugen, als Strampe Bayerns Verteidiger Bixente Lizarazu vom Platz stellte.

Der hatte schon Gelb, weil er nach sieben Minuten mit der Hand auf den Ball gefallen war, offenkundig ohne jede Absicht. Nach seiner Notbremse musste er dann vom Platz.

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Aus Sicht des sich vor Empörung überschlagenden Bayern-Managers Uli Hoeneß war das die erste "von über 50" Fehlentscheidungen Strampes, dem der kicker damals die Note 5 gab. Zitat: "Er lag bei den persönlichen Strafen oft richtig, sonst allerdings mit eklatanten Fehlentscheidungen."

Bobic trifft nach Evanilson-Handspiel

Mit zehn Mann retteten die Bayern ihren Vorsprung in die Pause. Den durften sie dank zweier Fehlentscheidungen des Gespanns in Schwarz, das eine Großchance und ein Tor des BVB wegen Abseits annullierte, noch sieben Minuten behalten. Dann traf Bobic, das war nun ein irreguläres Tor, wie das Fernsehen nachwies, weil Vorbereiter Evanilson zuvor Hand spielte.

Die Bayern tobten, das Stadion kochte, nun wollten die Fans den Meistersturz. Nach 55 Minuten war er zum Greifen nahe: Bayern-Kapitän Stefan Effenberg ließ Evanilson auflaufen, setzte dabei noch den Ellenbogen ein. Strampe zückte wegen Tätlichkeit Rot, schon der siebte Platzverweis in Effes Karriere. Der Sünder gab sich nicht sehr reuig: "Ich rechne mit einem Freispruch."

Neun Bayern rechneten derweil damit, dass sie nicht mehr gewinnen konnten und igelten sich ein. Igel haben Stachel und wenn sie pieksen, tut es weh. Immer wieder lagen Borussen auf dem Boden, manche freilich machten eine Kunst daraus.

"Der Herr Addo zum Beispiel gehört in den Zirkus", attestierte Hoeneß BVB-Stürmer Otto Addo schauspielerische Fähigkeiten. Strampe hatte es wahrlich nicht leicht an diesem Tag und versuchte sich mit den Instrumenten des Schiedsrichters Respekt zu verschaffen: er zückte Karten.

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Bayern: Acht Gelbe Karten und zwei Platzverweise

Vor allem gegen die Bayern. Die Liste der Verwarnten liest sich wie die Mannschaftsaufstellung: Kahn, Kuffour, Linke, Salihamidzic, Jeremies, Scholl, Elber, dazu der eingewechselte Sagnol. Lizarazu und Effenberg waren, wie erwähnt vom Platz geflogen. Beinahe schämen mussten sich Abwehrchef Patrik Andersson und Roque Santa Cruz, dass sie gänzlich unbefleckt vom Platz kamen.

Zum Bundesligarekord machten die Partie letztlich die Verwarnungen für die Borussen Addo und Sunday Oliseh und der Platzverweis für Evanilson (grobes Foulspiel an Joker Sergio) in letzter Minute.

Herr Strampe und die Wilde 13 - so hätte man den Spielfilm, der am 7. April 2001 im deutschen Fernsehen in den TV-Zeitschriften betiteln können. Doch im Fußball weiß man ja nie was kommt - und das konnte wirklich niemand ahnen.

Das Nachspiel und der mediale Widerhall waren entsprechend heftig. Uli Hoeneß drang mit hochrotem Kopf in die Schiedsrichterkabine ein, schließlich hatten die Bayern vor dem nächsten Gipfel gegen Schalke vier gesperrte Spieler (für Thomas Linke und Jens Jeremies war es die fünfte Gelbe).

Hoeneß stürmt in Strampes Kabine

Strampes Assistent Bernd Hauer plauderte aus, Hoeneß habe erst wieder rausgehen wollen wenn der Bericht unterschrieben sei. Was er darin lesen wollte, wurde nicht publik, aber er riet Strampes Gespann sie bräuchten Effenbergs Rote Karte "gar nicht erst aufzuschreiben, weil er sowieso nächste Woche wieder spielen würde."

Dem war nicht so, schon am Montag fällte das Sportgericht die Urteile: Effenberg bekam zwei Spiele Sperre, Evanilson drei. Hoeneß, der öffentlich forderte darüber nachzudenken "ob man Herrn Strampe mal eine Zeit lang aus dem Verkehr zieht", kam nochmal davon, "weil nicht zwingend eine Diffamierung oder Beleidigung des Schiedsrichters" darin gesehen wurde, wie der Kontrollausschussvorsitzende Horst Hilpert wissen ließ. Das roch nach Bayern-Bonus.

An Kritik und Beleidigungen hatte es dennoch keinen Mangel an diesem schwarzen Abend.

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BVB-Keeper Lehmann: "Das war heute dumm gegen doof"

Michael Zorc, schon damals BVB-Manager: "Die Bayern haben häufiger die Beine Rosickys als den Ball getroffen. Dass sie Addo diffamieren, ist pure Arroganz."

Otto Addo: "Die Bayern haben gefoult wie wild."

BVB-Torwart Jens Lehmann: "Das war heute dumm gegen doof."

Oliver Kahn: "Jeder Rempler wurde bestraft."

Ottmar Hitzfeld: "Bei jedem kleinen Foul gab es Gelb."

Volker Roth, Schiri-Boss: "Das was Hoeneß macht, ist die bekannte Methode, von den Unzulänglichkeiten der eigenen Spieler abzulenken. Für Hartmut Strampe war es ein sehr schweres Spiel, denn es wurde kein Fußball gespielt."

Es folgte ein Rauschen im Blätterwald, das einige Tage anhielt. Von "Holzaktion statt Fußball" (Westfälische Rundschau) bis "Der Klassiker als Symbol des Verfalls" (Kieler Nachrichten). Langsam flaute die Erregung ab. Uli Hoeneß rief am Montag bei Addo an und verkündete: "Es ist alle wieder in Ordnung. Man darf doch nicht wochenlang alles auf die Goldwaage legen, was gesagt wurde."

Franz Beckenbauer, damals Bayern-Präsident, regte einen Runden Tisch von Ligavertretern und Schiedsrichtern an, weil sich die Probleme gehäuft hätten. Den gab es nicht. Das Schlusswort gebührt Strampe: "Spaß gemacht hat’s nicht!" Er blieb noch zwei Jahre Bundesligaschiedsrichter, ein Bayern-Spiel pfiff er nie mehr.