Ryan Gibson - der US-Superfan mit dem Bayern-Glasauge

"Es ist handgemalt, was extrem schwierig ist - viel schwieriger, als es vielleicht aussieht - seht Euch nur die Details an." Ryan Gibson spricht nicht etwa von einem Gemälde, einem Kleidungsstück oder einem Tattoo - er spricht mit Goal über sein Glasauge, welches das Logo von Bayern München genau da ziert, wo normalerweise die Pupille ist. "Jeder kann sich ein Bayern-Tattoo stechen lassen. Aber es ist nicht alltäglich, dass man den Klub sogar auf dem Auge trägt …"

Ryan verlor sein Augenlicht aufgrund eines Augenmelanoms, eine seltene Form von Krebs, die nur einen von 250.000 Amerikanern betrifft. Der 33-jährige ehemalige Navy-Soldat arbeitet im Sportmarketing-Bereich und nebenbei als Verkehrskontrolleur, wobei er die Autos durch seinen heimischen Schulbezirk in York, South Carolina, leitet.

Trotz seines Handicaps kann Ryan seinem alltäglichen Job noch nachgehen - "mein linkes Auto wurde drei- oder viermal so stark, nachdem ich mein rechtes verloren habe", sagt er. Bis zu seiner Operation zu Beginn des Monats verdeckte er das Auge mit einer Bayern-Augenklappe.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Doch seit Freitag hat er noch etwas viel Spezielleres, was direkt ins Auge springt. "Wenn mich die Leute auf mein Auge ansprechen, eröffnet das gleich zwei Gesprächsthemen. Zum einen kann ich über Bayern München sprechen, die im Sommer nach Charlotte kommen. Ich leite den ortsansässigen Fan-Club, vielleicht hilft mir das, mehr Tickets zu verkaufen."

"Auf der anderen Seite erhöht es die Alarmbereitschaft vor dem Augenkrebs. Das ist so eine seltene Krankheit, die sogar unwahrscheinlicher ist, als der Premier-League-Titel für Leicester City. Nur sehr wenige Leute wissen etwas darüber."

"Ich wollte keine Klage riskieren"

Doch Ryan ist nicht der einzige Fußballfan auf der Welt, der ein Glasauge seines Lieblingsklubs trägt. Auch Andrew Canavan, Anhänger von Newcastle United, trägt das Logo auf seiner Augenprothese. Dennoch ist Ryan wohl der einzige Supporter, dessen Auge handgemalt ist.

Anna Boyd-Jefferson, Ocularistin im Carolina Eye Prosthetics in Burlington North Carolina, ist diejenige, welche dieses Kunstwerk geschaffen hat. Der komplette Prozess nach der Diagnose - von Behandlungskosten und Operation über die Anschaffung der Prothese bis hin zu weiterführenden Scans - kostet einen Mann, der aufgrund eines bereits bestehenden Zustands an hohen Prämien, unversichert ist, locker mehrere zehntausend Euro. Dazu kommt die Absegnung des Auges durch den Klub selbst.

"Ich brauchte die Erlaubnis von Bayern, das Logo benutzen zu dürfen, nachdem der Klub der internationale Rechteinhaber im Bereich der medizinischen Ausrüstung ist. Und das ist technisch gesehen medizinische Ausrüstung. Ich wollte keine Klage riskieren, aber Bayern war sehr hilfsbereit. Nach dem Ende der OP bis zu meinem Nachsorgetermin am 3. Mai vergingen nur rund zwei Wochen."

"Ich bin in ihr Büro in New York gegangen. Die Jungs in München waren total überrascht, das war doch ein etwas ungewöhnliches Anliegen. Ich habe mir gedacht, vielleicht denken sie ich bin eine verrückte, einsame Person. Aber hey, immerhin prügle ich mich nicht vor dem Stadion."

"Ich hätte mir auch ein natürliches Auge machen lassen können und dies nur am Spieltag tragen - aber das ist nicht mein Ding. Ich werde dieses Auge jeden Tag im Jahr tragen."

Obwohl Ryan schon seit vielen Jahren Bayern-Fan ist - sein Vater wurde in Deutschland als Sohn eines US-Soldaten geboren und seine Familie in South Carolina hat deutsche Wurzeln - hat er das Team noch nie live gesehen. Dies dürfte sich im Sommer ändern, wenn die Bayern beim ICC-Turnier in Charlotte gegen Inter Mailand antreten.

Aber im Sommer steht ein weiteres Spiel an, auf das sich Ryan ganz besonders freut - das Testspiel zwischen Charleston Battery und dem schottischen Serienmeister Glasgow Rangers.

"Ich weiß nicht, bei wem ich mich einschleimen muss, um sicherzustellen, dass Dean Shiels noch bis dahin beim Klub spielt, aber er ist der einzige Spieler, den ich kenne, der in seiner Karriere mit einem Auge gespielt hat."

"Sie haben mich fast aus dem Krankenhaus geworfen"

"Er ist ein tolles Beispiel für Menschen, die ein Auge verlieren - macht einfach den Fernseher an, schaut Euch die Rangers gegen Celtic an und unterstützt so einen Jungen wie ihn. Er lebt das perfekte Leben als Leistungssportler. Er ist ein Top-Stürmer, und ich kenne Stürmer, die taugen nicht mal mit zwei Augen so viel."

Doch Ryans Bayern-Auge ist mehr als nur eine Hommage an seinen Klub. Es ist eine Erinnerung an die schwere Zeit, nachdem ein Routine-Augentest im Walmart eine etwas ernstere Erkrankung ans Licht gebracht hat.

"Wann auch immer mir etwas im Leben passiert ist, ist auch dem Klub etwas Großes passiert. Als ich die Diagnose bekam, haben sie einen großen Erfolg gefeiert. Das Rückspiel im Champions-League-Halbfinale gegen Juventus konnte ich nicht gucken, weil ich im Krankenhaus auf meinen Vorbesprechungstermin zu meiner OP gewartet habe. Sie haben mich fast rausgeworfen, weil ich in den ersten zwölf Minuten ununterbrochen geflucht habe."

"Wenn ich in Charlotte ins Hooligans (eine Sportsbar) gehe, spricht mich niemand auf Krebs an. Jeder redet einfach nur mit Ryan, dem Bayern-Freak. Ich kann mit Barca-Fans diskutieren und sie vergessen komplett, dass etwas nicht mit meinem Auge stimmt", sagte er. 

"Ich habe mich während jedem Schritt in diesem Krebsprozess voll auf die Bayern konzentriert. Nun kann ich damit sehr gut leben und muss nicht mehr an den Krebs denken", so der Super-Fan.

Lesen Sie auch