Santa Cruz ganz offen: So denke ich heute über meine Bayern-Zeit

Reinhard Franke
Sport1

Roque Santa Cruz war ein Liebling der Bayern-Fans.

1999 kam der aus Paraguay stammende Fußballer als 18-Jähriger zum Rekordmeister und spielte bis 2007 bei den Münchnern. Danach war Santa Cruz bis heute bei sieben Klubs aktiv, unter anderem bei Manchester City.

Seit 2016 steht er wieder bei seinem Heimatverein Club Olimpia aus Asunción unter Vertrag, den er 2019 mit 38 Jahren zur Meisterschaft schoss.

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In einem seiner seltenen Interviews spricht der Stürmer jetzt bei SPORT1 über seine aktuelle Situation, den FC Bayern und Uli Hoeneß.

SPORT1: Herr Santa Cruz, Sie haben Ihren Heimatverein Olimpia Ende des vergangenen Jahres zum Titel geschossen und das mit 38. Wie war das für Sie?

Roque Santa Cruz: Das ist eine spezielle Situation für mich, weil ich das auch nicht erwartet habe. Ich spiele schon sehr lange und habe nicht gedacht, dass ich mit so viel Erfolg und auf diese Art und Weise noch spielen kann. Dieser Titel war ein großes Geschenk. Ich hatte befürchtet, dass der Fußball auch wegen meiner ganzen Verletzungen früh vorbei sein würde.


SPORT1: Ist das ein Spaß, mit 38 noch Fußball spielen, oder ist das oft eine Qual?

Santa Cruz: Es ist nicht einfach. Man muss viel mehr Zeit in den Fußball und natürlich in den Körper investieren. Es ist anstrengender, zu regenerieren. Aber ich liebe den Fußball, ich liebe auch den Druck, den wir bei Olimpia haben, um Spiele zu gewinnen und Meister zu werden. Ich freue mich einfach, noch Fußball spielen zu können.

SPORT1: Zuletzt ist Emmanuel Adebayor neu zum Klub gekommen. Jetzt ist es ein Sturm im Rentenalter, oder?

Santa Cruz: (lacht) Wir haben schon bei Manchester City zusammengespielt und sind seitdem gut befreundet. Natürlich ist es eine schöne Sache, dass er jetzt in Paraguay spielt und die Möglichkeit hat, um die Kultur meines Landes zu erleben. Emmanuel ist ein großartiger Spieler, der in der besten Liga gespielt hat. Jeder hier will ihn sehen und deshalb glaube ich auch und erwarte, dass wir viele gute Taten von ihm sehen werden. Und natürlich, dass wir mit ihm weiter sehr erfolgreich sein können. Aber es ist schwierig, unser Klima mit der Hitze ist nicht so einfach zu verkraften, Emmanuel wird einige Zeit brauchen, um seine Art und Weise, Fußball zu spielen, einzubringen. Aber es ist eine großartige Sache für unseren Verein, dass er zu uns gekommen ist.


SPORT1: Und wie erleben Sie diesen bunten Vogel? 

Santa Cruz: Das ist er wirklich. Er spricht aber noch kein Spanisch, obwohl er sechs Monate in Madrid (Real Madrid, d. Red.) gespielt hat. Er kann noch nicht so richtig die Sprache, aber er lacht viel, es ist sehr einfach, mit ihm umzugehen. Die anderen Spieler sehen in ihm ein Vorbild, weil sie wissen, was er alles geschafft hat im Fußball.

"Beste Zeit als Fußballer"

SPORT1: Lassen Sie uns auch über den FC Bayern sprechen. Wie denken Sie zurück an diese Zeit zu Beginn Ihrer Profikarriere?

Santa Cruz: Es war für mich die beste Zeit als Fußballer. Ich verfolge immer noch, was bei den Bayern passiert mit meinen Freunden und den ganzen Leuten, die ich in dieser Zeit kennen gelernt habe. Ich bin ein Fan des Klubs, von der Art und Weise, wie dort mit Erfolg umgegangen wird und wie man diesen erreicht. Ich habe noch immer guten Kontakt zu vielen Freunden von damals, von daher kann ich es nur wiederholen: Es bleibt für mich eine unvergessene Zeit, mit den besten Momenten meines Lebens, die ich niemals missen möchte.


SPORT1: Zu wem haben Sie noch Kontakt bei den Bayern?

Santa Cruz: Zu einigen ehemaligen Spielern natürlich. Ich bin noch gut befreundet mit Giovane Elber, mit Martin Demichelis, mit Claudio Pizarro und Hasan Salihamidzic. Ich versuche immer wieder, zu erfahren, wie es den Jungs geht. Auch will ich natürlich wissen, was Lothar (Matthäus, d. Red.) und Stefan (Effenberg, d. Red.) machen und natürlich Mehmet Scholl. Damals war für mich alles neu, ich bin sehr dankbar, dass diese Spieler mir damals sehr geholfen haben bei der Eingewöhnung. Sie haben sich alle sehr um mich gekümmert, haben alles versucht, damit ich auch eine gute Zeit in München habe, wo ich eigentlich allein auf mich gestellt war. Von daher habe ich natürlich großen Respekt und viel Liebe übrig für unser Team von einst.

SPORT1: Hasan Salihamidzic ist im dritten Jahr in verantwortungsvoller Position bei den Bayern. Wie kriegen Sie das mit? 

Santa Cruz: Ich freue mich sehr, dass er das alles so hinbekommen hat. Ich hatte immer das Gefühl, dass er sich total mit dem Klub identifiziert. Ich glaube, dass er sich auch vorbereitet hat auf alles, was ihn erwartet. Ich glaube auch, dass er gerade jetzt den Erfolg genießen kann, weil er anerkannt ist. Er hat eine große Leidenschaft für den Verein und den Fußball. Ich bin sehr glücklich, dass er diese Momente mit Bayern hat. Ich verfolge immer noch alles, was mit Brazzo und der Mannschaft und im ganzen Verein passiert. Das ist weiterhin hochspannend.


"Alle haben Respekt vor Bayern"

SPORT1: Wie sehen Sie die generelle Entwicklung beim FC Bayern? Haben die internationalen Gegner ihre Angst verloren? 

Santa  Cruz: Das glaube ich nicht. Egal in welcher Situation die Bayern in der Champions League sind, es wird immer wieder etwas passieren und alle haben Respekt vor Bayern und der Historie von Bayern. Egal, in welchem Wettbewerb sie spielen, keiner will Bayern als Gegner haben, das hat sich auch nicht geändert. Das ist ein großer Fußballklub.


SPORT1: Vermissen Sie München?

Santa Cruz: Ja. Ich spreche immer wieder mit der Familie über München und meine Zeit dort, weil meine Kinder alles in dieser Stadt sehen wollen, was ich erlebt habe. Ich spreche immer wieder davon, dass es eine schöne Stadt ist und was es für schöne Ecken in München gibt. Ich möchte unbedingt wieder dorthin.

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SPORT1: Oliver Kahn ist ab 2021 der neue Chef bei Bayern. Ist er der richtige Mann?

Santa Cruz: Ja, das ist er. Er ist genau so eine gute Wahl wie Salihamidzic. Das sind Leute, die diese Kultur und die Tradition vom FC Bayern in sich haben. Diese Kultur und die ganzen Vorbilder des FC Bayern wie Karl-Heinz Rummenigge, wie Uli Hoeneß, wie früher Franz Beckenbauer und so weiter, machen den Verein aus. Kahn ist eine große Figur bei Bayern, er hat auch gut gearbeitet und sich bestmöglich vorbereitet, um jetzt bei Bayern neu einzusteigen und eine große Rolle zu spielen. Er ist der richtige Chef bei diesem großen Klub.

Angst vor Oliver Kahn? "Schon"

SPORT1: Hatten Sie früher als ganz junger Spieler in der Kabine Respekt und ein bisschen Angst vor Oliver Kahn? 

Santa Cruz: Schon. Ich hatte etwas Angst vor Kahn. Er hatte so eine souveräne Art, wie er gearbeitet hat, wie ein Besessener, die war beeindruckend. In jedem Training. Ich hatte großen Respekt vor ihm. Natürlich konnte ich auch viel von ihm lernen. Ich war ein ganz junger Bursche und er war schon ein großer Torwart.


SPORT1: Wer war der größte Clown in der Bayern-Kabine?

Santa Cruz: Wir hatten damals Spieler in der Truppe wie Schweini (Bastian Schweinsteiger, d. Red.), er war noch jung und man hat mit ihm auch immer viel lachen können. Wir hatten immer eine gute Stimmung in der Umkleide. Jeder war positiv und wir haben immer gelacht. Sammy Kuffour war auch einer, der den Clown gemacht hat.

SPORT1: Sie wurden oft als "der schöne Roque" bezeichnet. Hat Sie das genervt?

Santa Cruz: Nein, eigentlich nicht. Denn ich habe mich nie so gesehen. Ich glaube, dass es als junger Bayern-Spieler, der auch noch Südamerikaner war, einfacher war, bei den Frauen schön zu sein. Deswegen trägt man diese Sache auch mit einem Lachen. Ich fühlte mich aber natürlich geschmeichelt.

SPORT1: Wie oft hören Sie noch den Song "Ich, Roque", den Sie zusammen mit den Sportfreunden Stiller aufgenommen haben? 

Santa Cruz: Immer noch oft. Schon allein deshalb, weil das Lied bei unseren Heimspielen im Stadion läuft und auch im Radio immer noch. Meine Kinder hören den Song auch gerne. 

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SPORT1: Würden Sie noch mal mit einer Band einen Song machen oder war das ein einmaliges Ding?

Santa Cruz: Oh nein, nicht noch mal. Wir hatten damals viel Spaß, es war eine schöne Sache und in dieser Zeit war es okay, es zu machen. 

SPORT1: War das damals für Sie sehr hart, als ganz junger Spieler nach Deutschland zu kommen?

Santa Cruz: Am Anfang nicht, weil ich den Fußball einfach liebte. Ich habe den Verein schon gekannt und als ich erstmals in Deutschland war, wollte ich nur trainieren, trainieren, trainieren. Ich wollte einen Platz für mich in der Mannschaft finden und habe an nichts anderes gedacht. Natürlich lernte ich auch die Sprache. Erst einige Jahre später habe ich über die ganze Kultur nachgedacht und realisiert, dass es eigentlich ganz anders ist als bei uns in Südamerika. Aber da ich so viel Fußball gespielt habe, habe ich das gar nicht so gemerkt.


SPORT1: Wer hat Ihnen damals bei der ersten Zeit geholfen?

Santa Cruz: Es waren nur Giovane (Elber, d. Red.), Paolo Sergio und Lizarazu, die spanisch sprachen. Oder auch Michael Ballack. Aber ich habe auch mit Thorsten Fink in der Anfangszeit viel gemacht. Ich habe eigentlich immer wieder Leute getroffen, die mir geholfen haben und mit denen ich in München viel unternommen habe, um mich in der Stadt zurechtzufinden. Ich habe immer wieder jemanden gefunden, der sich um mich gekümmert hat.

SPORT1: Wie war Ihr Verhältnis zu Uli Hoeneß?

Santa Cruz: Top. Er war wie ein Vater für mich. Er hat mir in der Anfangszeit bei Bayern nicht nur geholfen, damit ich auch mental stärker werde, sondern ich habe bei ihm auch viel über das Leben gelernt. Ich wollte da schon etwas erfahren über das Leben später nach der Karriere. Ich musste im Kopf stark sein, weil ich so besser mit meinen Verletzungen umgehen konnte. Vor allem in diesem Punkt der Lebensphilosophie hat Herr Hoeneß jedem Spieler unheimlich geholfen. 

SPORT1: Gab es mal ein gemeinsames Frühstück bei Hoeneß? Der ehemalige Bayern-Profi Lars Lunde hat einst bei Familie Hoeneß gewohnt. 

Santa Cruz: Ein Frühstück gab es nicht, wir sind aber ein paar Mal zusammen zum Essen gegangen.


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SPORT1: Und wie war das für Sie?

Santa Cruz: Es war immer schön, aber ich habe auch Respekt vor ihm. Er war eine Art Lichtgestalt für mich und sehr wichtig. Als Bezugsperson, nicht nur in der Zeit bei Bayern, sondern auch danach. Natürlich war er nicht immer nur nett zu mir, er konnte auch ganz schön hart sein, ich konnte wirklich viel lernen. Ich habe Herrn Hoeneß so manchen Ausraster nie übel genommen, weil ich wusste, dass er mir helfen wollte. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis.

SPORT1: Welche Rolle hat Hoeneß einst bei Ihrem Wechsel zu den Bayern gespielt? 

Santa Cruz: Er war derjenige, der nach Paraguay kam, um mich persönlich Fußball spielen zu sehen. Ich glaube, das war gar nicht so einfach, mich von meinem Verein wegzulotsen. Herr Hoeneß war sehr wichtig, weil sein Wort damals einfach schon Gewicht hatte. Keine Entscheidung lief ohne ihn. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken.


SPORT1: Sie waren damals 18, als Sie zu Bayern kamen, haben anfangs fünf Tore erzielt. Aktuell ist bei Bayern ein junger Spieler namens Joshua Zirkzee. Er ist auch 18 und hat schon drei Tore geschossen. Kennen Sie ihn?

Santa Cruz: Ja, natürlich. Ich verfolge die Spiele und muss sagen, dass der Junge das schon sehr gut macht. Auch, dass die Verantwortlichen ihn langsam an die erste Elf ranführen wollen, ist richtig. Zirkzee ist stark im Kopf und topfit. Da kann man berechtigt die Hoffnung haben, dass er das Gesicht der Zukunft wird. 

SPORT1: Wollen Sie irgendwann zurück zum FC Bayern?

Santa Cruz: Meine ganze Familie fragt mich die ganze Zeit, was ich nach dem Fußball machen will, aber wenn es so weitergeht, dann spiele ich noch ein paar Jahre. Ich weiß noch nicht, was ich mache. Ich kann mir aber vorstellen, nach der Karriere zurück nach München zu kommen. Ich will dann Zeit haben, um meine Freunde zu besuchen, die mir die Möglichkeit gegeben haben, im Fußball es zu mehr zu bringen. Ich freue mich schon sehr auf diesen Moment. 

SPORT1: Aber bei Bayern würden Sie keinen Job wollen?

Santa Cruz: Ich habe darüber noch nicht nachgedacht. Wie gesagt, ich habe dort so viele schöne Erfahrungen gemacht, ich bin sehr dankbar für alles, was der FC Bayern mir ermöglicht hat. Für immer. Ich werde das nie vergessen.

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