Die Schnitzer-Story: Wie das BMW-Kultteam die Motorsportwelt eroberte

Sven Haidinger
·Lesedauer: 4 Min.

Der Name Schnitzer hat die BMW-Motorsport-Geschichte geprägt wie kein anderer. Über ein halbes Jahrhundert lang waren Schnitzer Motorsport und BMW gemeinsam auf den Rennstrecken der Welt unterwegs und feierten grandiose Erfolge in den verschiedensten Kategorien.

Da die Münchner den Werksvertrag nach 57 Jahren der Zusammenarbeit nicht mehr verlängerten, geht eine Ära zu Ende, was bei vielen Fans und einigen Piloten für Unverständnis sorgte. Doch wie kam es überhaupt zu dieser legendären Verbindung zwischen dem Team aus Freilassing und den Münchnern? Und wie eroberte man danach die Motorsport-Welt?

(Zum Thema: Gibt's noch Hoffnung auf eine Rettung von Schnitzer Motorsport?)

Die Erfolgsgeschichte des von Josef und Herbert Schnitzer gegründeten und über viele Jahrzehnte von ihrem Halbbruder Karl "Charly" Lamm geleiteten Traditionsrennstalls beginnt Mitte der 1960er-Jahre. Im Jahr 1963 kaufen die Brüder Josef und Herbert Schnitzer einen unfallbeschädigten Fiat, den die beiden Kfz-Mechaniker in Eigenregie restaurieren und bei Rennen einsetzen.

Schnitzer und Lamm: So bauten die Brüder das Team auf

Es ist die Geburtsstunde der Motorsport-Aktivitäten im Hause Schnitzer. Während Josef seine Rennkarriere vorantreibt, konzentriert sich Bruder Herbert auf den Verkauf: 1964 wird Schnitzer Vertrieb für Neu- und Gebrauchtwagen der Marke BMW.

Zwei Jahre später wird Josef Schnitzer in einem von ihm getunten BMW 2000ti Deutscher Tourenwagenmeister und holt den ersten Titel nach Freilassing. Das soll der der Beginn einer einmaligen Titelsammlung sein. Zunächst feiert man neben der deutschen Tourenwagenmeisterschaft auch in der Europa-Bergmeisterschaft - unter anderem mit dem späteren Teamchef Walter Brun im Cockpit - erste Titelgewinne.

1971 stößt Charly Lamm - Halbbruder der Schnitzers - zum Team: Im Alter von 16 Jahren agiert er zunächst als helfende Hand, dann mit immer umfangreicheren Aufgaben, schließlich als Teammanager und oberster Entscheidungsträger. Eine wichtige Rolle kommt auch Lamms Zwillingsbruder Dieter Lamm zu, der bis zu seinem Tod 2014 für die technischen Abläufe und die Logistik verantwortlich ist.

Drama um Josef Schnitzer

1975 wird Jacques Laffite Formel-2-Europameister in einem Formel-Rennwagen mit Schnitzer-Antrieb. Und so geht es weiter: Sportwagen, Tourenwagen, Prototypen, GT-Racing - die Liste der Triumphe, die Schnitzer und BMW im internationalen Rennsport feiern, ist lang und beeindruckend.

Da macht auch das Jahr 1978 keine Ausnahme: Harald Ertl sichert Schnitzer in einem BMW 320 turbo souverän den Titel in der Deutschen Rennsport-Meisterschaft. Doch ein Drama überschattet die Saison: Josef Schnitzer verunglückt bei einem unverschuldeten Verkehrsunfall bei der Anreise nach Zolder tödlich.

In den 1980er-Jahren wird Schnitzer drei Mal Tourenwagen-Europameister. Zu dieser Zeit beginnt auch die Serie von insgesamt neun Siegen im Tourenwagenrennen auf dem "Guia Circuit" in Macau.

Die goldene Schnitzer-Ära

Zwischen 1989 und 2010 triumphiert Schnitzer fünf Mal beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring und hat damit wesentlichen Anteil daran, dass BMW bis heute Rekordsieger bei diesem Langstreckenklassiker ist. Gleiches gilt für das 24-Stunden-Rennen in Spa-Francorchamps, das Schnitzer ab 1985 ebenfalls fünf Mal gewinnt.

Dazu kommen die Titel mit dem Italiener Roberto Ravaglia 1987 in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft und 1989 in der DTM sowie mit dem Deutschen Joachim Winkelhock 1995 und dem Venzolaner Johnny Cecotto 1998 in der Deutschen Supertourenwagen-Meisterschaft.

Zu den großen Höhepunkten der Partnerschaft zählt zweifellos auch der Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1999 mit dem legendären BMW V12 LMR. Mit diesem von Williams designten Prototypen gewinnt Schnitzer im selben Jahr auch das 12-Stunden-Rennen von Sebring.

Marquardt leitet Schnitzer-Abstieg ein

2001 sichert sich das Team den Titel in der GT-Wertung der American-Le-Mans-Series (ALMS). Von 2005 bis 2009 tritt Schnitzer als BMW-Werksteam in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft WTCC an und feiert sensationelle 25 Siege sowie insgesamt 57 Podiumsplatzierungen.

Im Jahr 2012 kehrt Schnitzer als Werksteam mit BMW in die DTM zurück - und gemeinsam feiert man ein triumphales Comeback-Jahr, mit dem Fahrertitel für Bruno Spengler, dem Teamtitel für Schnitzer und dem Herstellertitel für BMW. Bis 2016 ist Schnitzer in der DTM aktiv, mit der erfolgreichen Bilanz von 25 Siegen und 88 Podiumsplätzen, ehe man von BMW-Motorsportdirektor Jens Marquardt abgezogen wird.

Nach diesem Dämpfer setzt Schnitzer seine Aktivitäten im GT-Sport fort und tritt unter anderem in der International GT-Challenge (IGTC) an. Unvergessen ist der Sieg mit Augusto Farfus im November 2018 beim GT-Weltcup in Macau. Es ist Charly Lamms letztes Rennen als Teamchef, bevor er die Leitung des Teams an Herbert Schnitzer Junior übergibt. Wenige Wochen später stirbt Lamm überraschend.

In der abgelaufenen Saison 2020 kehrt Schnitzer unter neuer Führung auf das Podium des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring zurück und holte mit dem BMW M6 GT3 den dritten Rang. Wenige Monate später dann die Hiobsbotschaft: Da sich BMW im Motorsport neu ausrichtet, wird die Partnerschaft mit Schnitzer nicht fortgeführt. Das Team steht vor dem Aus.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.