"Schwachsinn" - Babbel lehnt pauschalen Gehaltsverzicht ab

Reinhard Franke
Sport1

Das Coronavirus macht auch vor Australien nicht halt. Den Bürgern ist es nun offiziell bis auf Weiteres untersagt, Reisen ins Ausland zu unternehmen. 

Der ehemalige Bundesligatrainer Markus Babbel (unter anderem Hertha BSC und TSG Hoffenheim, spielte zudem für den FC Bayern, den Hamburger SV und den VfB Stuttgart) lebt nach seiner Beurlaubung beim australischen Klub Western Sydney Wanderers im Januar dieses Jahres weiter in Down Under. Im Mai wollte der 47-Jährige mit seiner Frau zurück nach Deutschland. Doch daraus wird wohl erstmal nichts. 


Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Im SPORT1-Interview spricht Babbel ganz offen über die Corona-Krise, seine persönliche Situation, Gehaltsverzicht von Fußball-Profis - und deren Vertrags-Probleme zum regulären Saisonende.

SPORT1: Herr Babbel, wie geht es Ihnen und wie blicken Sie auf die Situation in Europa? 

Markus Babbel: Meine Frau und ich sind noch relativ entspannt, natürlich kriegen wir und ich mit, was in Deutschland los ist. In Europa hat es nochmal andere Auswirkungen. Bei uns gibt es rund 300 Fälle. Es ist noch nicht so alarmierend, wobei jetzt auch wie in Europa Großveranstaltungen abgesagt werden und Fußballspiele nur noch ohne Zuschauer stattfinden. Die Rugby-Saison hat begonnen und auch da wird überlegt, ob Fans dabei sein dürfen oder nicht. Freunde von uns machen inzwischen wie in Deutschland Home-Office, Schulen und Kitas sind weiter offen. Der Australier hat relativ schnell reagiert. Es muss irgendwie weitergehen. 

SPORT1: Wie ist es in der Stadt? 

Babbel: Es war noch nie so ruhig wie im Moment. So wenig Menschen in Sydney habe ich selten zuvor gesehen. Einerseits ist es gespenstisch, weil ich das so nicht kenne, da die Stadt sonst tagsüber fast platzt vor Menschen-Massen. Andererseits genieße ich es aber momentan auch etwas, weil kein Mensch unterwegs ist. Ich kann meine Erledigungen machen, ohne in langen Schlangen in den Läden zu stehen. 

Verschiebung der EM war richtig

SPORT1: Erstmals in der Geschichte des Landes darf niemand nach Australien einreisen. 

Babbel: Es darf nur jemand einreisen, wenn diese Person dann 14 Tage in Quarantäne geht. Egal, woher man kommt. Deshalb musste ich auch den Flug von meinen Kindern stornieren, sie wollten in den Osterferien kommen. Aber 14 Tage Ferien mit Quarantäne zu verbringen macht wenig Sinn. Meine große Tochter ist gerade bei mir und da wird die spannende Frage sein, ob und wann sie wieder heim kann nach Deutschland. 

Alle aktuellen Meldungen, Entwicklungen und Auswirkungen auf den Sport durch die Covid-19-Krise im Corona-Ticker!

SPORT1: Am Dienstag wurde die Europameisterschaft auf Juni 2021 verschoben. Eine richtige Entscheidung?

Babbel: Absolut. Wenn die ganzen Termine in den verschiedenen Ligen noch nachgeholt werden sollen, dann braucht es ein Zeitfenster. Und wenn alles beibehalten wird, wie es war, ist es unmöglich, die Spiele alle nachzuholen. Das gilt ja für ganz Europa. Es ist auch für mich eine spannende Geschichte, wie und wann es weitergeht. Es ist höchst bizarr ...

SPORT1: Bizarr? 

Babbel: Ja, die Vorstellung, dass die restliche Saison vielleicht doch unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt wird. Andererseits muss man sich mal vor Augen führen, um wieviel Geld es dabei geht und wie viele Klubs existenzielle Probleme bekommen werden. Es ist schon jetzt eine Saison, die in die Geschichte eingeht. 

SPORT1: In Deutschland wird über Gehaltsverzicht von Profis diskutiert. Wie denken Sie darüber?

Babbel: Ich glaube, das hat Herr Söder (Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, d. Red.) gefordert. Ich tue mich da ein bisschen schwer und Horst Heldt hat es auch kritisiert. Man hat immer den Eindruck, dass den Fußballprofi nichts interessiert. Ich kenne genügend Spieler, die schauen über den Tellerrand hinaus. Dass die Spieler immer in eine Ecke gestellt werden nach dem Motto 'Sie verdienen gutes Geld und können ruhig etwas abgeben', ist mir zu billig.

SPORT1: Warum? 

Babbel: Es gibt genügend Profis, die wissen, was für ein Privileg sie haben und sich dementsprechend auch engagieren. Aber pauschal zu fordern, Fußballprofis können auf Gehalt verzichten, ist Schwachsinn. Diese Diskussion kann man führen, aber in der jetzigen Situation ist es völlig falsch, solch eine Aussage zu tätigen. Ebenso die von Frankreichs Präsident Macron: 'Wir sind im Krieg!' Mit solchen Scheiß-Parolen kommen wir nicht weiter. Wichtig ist, dass die Politik einen klaren Plan hat und wir als Bevölkerung diesen auch nachvollziehen und ihm folgen können. Alles andere sieht man danach, wie man das auffangen kann.

Babbel würde auf Gehalt verzichten

SPORT1: Aber Fußball-Profis würde ein Gehaltsverzicht nicht weh tun. 

Babbel: Wir reden immer von Profis, die unglaublich viel verdienen, aber es gibt auch Spieler, bei denen trifft das nicht zu. In der 2. und 3. Liga wird ordentlich verdient, aber nicht so viel, dass man auf 50 Prozent verzichten kann. Es gibt auch Spieler, die dann ein finanzielles Problem haben. Das darf man nicht unterschätzen.


SPORT1: Würden Sie auf Gehalt verzichten? 

Babbel: Ja. Mir geht es auch mit etwas weniger Gehalt noch gut. Wenn sich alles normalisiert hat und der Verein hat durch die Krise ein extremes Problem, dann würde ich natürlich dem Klub helfen und nachdenken, wie viel ich abgeben würde. In so einer extremen Situation, die noch nie dagewesene ist, sprechen wir von Solidarität und die muss dann auch jeder bereit sein mitzugehen. Wie viel jeder abgeben will, das bleibt jedem Einzelnen überlassen. Ich will nur keine pauschale Vorverurteilung. Die Spieler sind nicht so egoistisch und abgeneigt auf Geld zu verzichten, wie viele denken. Da wird keiner auf seinen Vertrag pochen. Mit so etwas hast du in hundert Jahren nicht rechnen können. Ich hoffe, dass es Stück für Stück besser wird und dass auch die Anzahl der Toten sinkt. 

SPORT1: Wird die Coronakrise die Fußballprofis und Trainer verändern? 

Babbel: Ich glaube nicht. So hart es jetzt auch klingen mag, aber es muss irgendwann nach so einer schweren Krise auch wieder weitergehen. Dann stehen sie wieder unter Stress im Fokus und es geht um Punkte und Titel, um Abstieg und internationale Plätze. Man muss dann auch wieder in den normalen Alltag übergehen, was auch gut ist. Von Vereinsseite ist das eine andere Geschichte, da kann es schon sein, dass man sich schüttelt und verinnerlicht, was so eine Krise für Auswirkungen hatte. Da werden die Bosse sicher überlegen, wie der Klub trotz solcher Ausnahmesituationen weiter stabil bleiben kann.

"Keine Angst in Vergessenheit zu geraten"

SPORT1: Uli Hoeneß sagte zuletzt im CHECK24 Doppelpass: "Im Moment müssen wir alle lernen, Geduld zu haben."

Babbel: Das hat er schön gesagt, aber ich glaube nicht, dass es wirklich von allen Menschen verinnerlicht wird. Es gab in der Vergangenheit oft Momente, als gesagt wurde, dass man in sich gehen müsse, und alle mehr reflektieren sollen, doch geändert hat sich nichts. Irgendwann bist du wieder in diesem Rad drin. Leider wird sich nur zu Beginn etwas ändern, doch dann holt uns die Normalität wieder ein. Ich hoffe, dass dies demnächst wieder sein wird. 

SPORT1: Ein Problem haben vor allem Spieler, deren Vertrag am 30. Juni endet. Dann könnte die Saison noch andauern. Wie sehen Sie dieses Problem? 

Babbel: Das wird eine schwierige Nummer, aber das betrifft ja nicht nur die deutschen Ligen. Ich bin gespannt, wie das geregelt wird. Keiner weiß, wann es weitergeht und der normale Rhythmus wieder beginnen kann. Vielleicht startet die neue Saison auch erst im Oktober. Keiner weiß es. Diese Dynamik hat keiner voraussehen können. Am Anfang wurde das alles noch als "normale Grippe" belächelt, aber plötzlich gibt es Angst und Panik, es gibt Hamsterkäufe und leere Straßen. Und sogar die ersten Ausgeh-Verbote. Ich weiß wirklich nicht, was am 30. Juni passieren wird, auch was das Thema Ablösesummen betrifft. Ein Beispiel: Ein Klub strauchelt, hat einen Spieler fest im Auge für einen bestimmten Betrag, doch durch die Coronakrise kann man diesen Betrag nicht mehr zahlen. 

Jetzt aktuelle Fanartikel der internationalen Top-Klubs bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE

SPORT1: Wie sehen Ihre Pläne aus? 

Babbel: Ich habe mit meiner Frau nach meiner Beurlaubung schon vorausschauend gedacht und für Anfang Mai unsere Flüge gebucht, weil wir wieder zurück wollen. Da dachten wir im Traum nicht an das Coronavirus. Jetzt hängen wir erstmal fest, wenngleich es schlimmere Orte als Sydney gibt. Meine Tochter will Ende März wieder zurück nach Deutschland. Vielleicht schickt Heiko Maas (deutscher Außenminister, d. Red.) einen Flieger für sie. Für die Australier ist die aktuelle Situation aber schon ein Desaster. Erst die Buschbrände und nun die Corona-Krise. Man ist extrem auf die Touristen angewiesen und die sind jetzt nicht da. 


SPORT1: Und was machen Sie beruflich? Richtig planen können Sie nicht ...

Babbel: Das stimmt, ich versuche, die Situation mit meiner bayrischen Ruhe entspannt zu sehen. Es ist, wie es ist. Ich kann es nicht ändern. Ich hatte vor dem Coronavirus ein Angebot aus dem Ausland, nicht aus Deutschland, aber ich stand nicht zu 100 Prozent dahinter. Momentan herrscht Ruhe, weil keiner weiß, wie es weitergeht. Das Virus hat uns alle im Griff. Ich bin froh, dass ich kein Politiker bin. Das ist momentan der Worst Case. Ich habe aber keine Angst, in Vergessenheit zu geraten. Nicht nur ich bin in der Warteschleife, sondern viele andere Trainer auch. 

Lesen Sie auch