Schweigt, Ihr Heuchler!

Auf der Dortmunder Südtribüne wimmelte es von Anti-RB Leipzig-Transparenten

Kommerz gegen Tradition. Leipzig gegen Dortmund. Plastik gegen lässig: Die gegenwärtige Diskussion im deutschen Profi-Fußball ist im Angesicht der totalen Kommerzialisierung an Heuchelei nicht zu überbieten. Eine Einordnung.

Während in der Vergangenheit der Millionentruppe des FC Bayern München von gegnerischen Fans regelmäßig angedroht wurde, die Lederhosen ausgezogen zu bekommen und sich danach Wut und Schmähgesänge gegen vermeintliche Retortenclubs wie Bayer Leverkusen oder SG Hoffenheim richtete, ist seit dem Aufstieg in die Bundesliga RB Leipzig im Fadenkreuz diverser Fangruppen. Der vom Red Bull Konzern finanzierte beachtenswerte Durchmarsch der Leipziger bis in die Spitzengruppe der Bundesliga hat den Verein aus Sachsen und seine Fans im wahrsten Sinne des Wortes zur Zielscheibe gewaltbereiter Hooligans gemacht.

Nun sind Rivalitäten von jeher Teil des Spitzensports und ein Forscherteam der Sporthochschule Köln konnte unlängst nachweisen, dass ein Erzrivale durchaus wichtig für die eigene Identität eines Fußballvereins und seiner Anhänger ist. Jeder Stadionbesucher hat bereits das Gegnerteam und seine mitreisenden Fans lautstark verspottet oder beschimpft. Diese Rivalität muss aber dort eine Grenze haben, wo es zu Gewalt oder dem offenen Aufruf zu Gewalt kommt.

Arbeiterkultur am Borsigplatz? Äh, nein!

Es stellt sich dabei die Frage, welche Verantwortung das Führungspersonal und die Kommunikationsstrategen einiger Bundesligisten in diesem Zusammenhang haben. Gerade die beiden großen Traditionsclubs Borussia Dortmund und Schalke 04 aus dem Ruhrpott inszenieren sich seit Jahren als “Malochervereine” und damit als Gegenentwurf zum Marktführer Bayern München oder dem aus einer Konzernzentrale gesteuerten Empor-kömmling RB Leipzig.  Einzelne populistische Aussagen von Dortmunds Clubchef Hans-Joachim Watzke im Vorfeld der Partie gegen Leipzig sind wohl der biergeschwängerten Atmosphäre einer Vereinsversammlung geschuldet, aber die lautstark betriebene Positionierung als erdverbundener Underdog der Liga klingt zwar auf den ersten Blick charmant, ist aber falsch und somit unglaubwürdig.

Der einzige deutsche börsennotierte Fußballverein ist mit einem Umsatz von rund 325 Mio. Euro und einem Jahresgewinn von über 28 Mio. Euro die klare Nummer zwei in der Bundesliga hinter den Bayern. Auch wenn die Mehrheit der Stimmrechte gemäß der 50+1 Regel beim Stammverein liegt, so hält der Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund nur noch 5.53% an der Profiabteilung.  Die Mehrheit des Aktienkapitals liegt bei Großkonzernen und im Streubesitz. Um auch in der Champions League mithalten zu können, werden an die Spitzenverdiener im Team gern Jahresvergütungen im zweistelligen Millionenbereich gezahlt. Das ist im internationalen Vergleich völlig üblich, hat aber mit der Arbeiterkultur vom Borsigplatz ungefähr soviel zu tun, wie eine Pöhler-Kappe mit dem gerne mal im weißen Pelzmantel stolzierenden Aubameyang. Überhaupt zeigt das Beispiel des Gabuner Nationalspielers, dass die Fans inzwischen viel mehr Verständnis für die Mechanismen des modernen Profifußballs haben, als es so mancher Vereinsboss wahrhaben will. Niemand neidet Aubameyang seine goldenen Luxussportwagen oder Shopping-Ausflüge im Privatjet, solange er die wichtigen Tore für den BVB erzielt.

Fantasie ist gefordert

Darüber sollten sich auch die Verantwortlichen auf Schalke Gedanken machen.  Nur weil die Schalke-Fans sicher nicht aus der einkommensstärksten Region Deutschlands kommen, sind sie auch nicht vollkommen verblödet und naiv. Oder warum veranstaltet die Marketingabteilung  der Blau-Weißen regelmäßig eine gemeinsame Mannschafts-Fahrt in einen Kohlestollen, wo waschechte Ruhrpottler wie Holger Badstuber und Klaas-Jan Huntelaar mit schwarz geschminkten Gesichtern den Social-Media Kameras des Vereins vom Zusammenhalt unter Tage berichten. Huntelaar hat in seinen sieben Jahren bei Schalke an die 50 Mio. Euro verdient (eine Menge Kohle!), da braucht es schon große Fantasie, einen Zusammenhang mit einem Bergwerkskumpel herzustellen, der nach einem Monat harter Arbeit wenn es noch kommt vielleicht 2.500 EUR netto nach Hause bringt.

Traditionen im Sport sind großartig und sollten gepflegt werden. Der penetrante Verweis auf die bodenständige Herkunft bei einigen Traditionsvereinen ist angesichts der totalen Kommerzialisierung des heutigen Profifußballs absurd und dient offensichtlich dazu, gewohnte Pfründe abzusichern und aufstrebende Neuvereine auf Distanz zu halten. Nach ein oder zwei Vodka mit Red Bull verwischen die Grenzen zu den Erzrivalen schnell, das funktioniert sogar im Schatten des Signal-Iduna-Parks.

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen