Sebastian Vettel: Istanbul-Rennen als Blaupause für F1-Zukunft?

Stefan Ehlen
·Lesedauer: 4 Min.

Der Türkei-Grand-Prix 2020 in Istanbul war überraschend, und das gleich in mehrerlei Hinsicht. Denn die kürzlich neu aufgebrachte Fahrbahn und das kühle Wetter sorgten für besondere Bedingungen, und für ein äußerst abwechslungsreiches Formel-1-Rennen. Eines, das der Rennserie als Lektion dienen könnte, meint Sebastian Vettel.

Er sagt: "Der Schlüssel für die Zukunft wird sein, ein Format zu finden, in dem solche Rennen ganz normal passieren." Die Formel 1 brauche vor allem wieder etwas mehr Unvorhersehbarkeit. "Es sollte Raum geben für etwas Anderes, dass man etwas probieren kann, was sich auszahlt", erklärt Vettel.

Genau das bot der Türkei-Grand-Prix: die Möglichkeit, unterschiedliche Strategien einzusetzen. Sieger Lewis Hamilton etwa wechselte nach einem kurzen Stint auf Regenreifen zu Intermediates und fuhr damit 50 Runden bis ins Ziel, andere Fahrer holten nochmals Intermediates, der Einsatz von Slicks wurde zumindest erwogen.

Vettel erstmals seit Wochen besser als Leclerc

"Hier war alles so offen", sagt Vettel. "Da kommt es ganz natürlich zu mehr Fehlern und mehr Spielraum, etwas anders zu machen." Das habe das Türkei-Rennen so interessant gemacht. "Du hast dann auch als Fahrer mehr Spielraum, den Unterschied zu machen."

Genau das ist Vettel in diesem Rennen gelungen. Mehr noch: Er hat sich erstmals seit Wochen sowohl im Qualifying als auch im Grand Prix gegen seinen Ferrari-Teamkollegen Charles Leclerc durchgesetzt, wenngleich er im Rennen von einem Fahrfehler Leclercs profitierte, um Dritter zu werden.

"Im Qualifying", sagt Vettel selbst, "hat es mir im Trockenen dieses Jahr bisher an Pace gefehlt. Dann hast du eine schlechte Ausgangslage und fährst ein ganz anderes Rennen. Dann bist du nicht vorne dabei, sondern in der Mitte oder hinten."

Ob Ferrari technisch nachgelegt hatte?

"Im Nassen ist es ein bisschen anders. Da kannst du Glück oder Pech haben, aber einen größeren Unterschied machen als im Trockenen. Wir waren schnell unter diesen Bedingungen."

Woran aber lag es, dass Vettel in Istanbul so gut auftreten konnte? War es Ferrari gelungen, den SF1000 technisch zu verbessern? Vettel winkt ab und sagt: "Wir hatten hier keine neuen Teile dabei. Das ganze Wochenende stand im Zeichen der Streckenbedingungen und des Wetters."

Der neue Asphalt in der Türkei sei besonders rutschig gewesen, hinzu sei das nasskalte Wetter gekommen. "Da hatte jeder mit den Temperaturen [in den Reifen] zu kämpfen", meint Vettel.

Sportdirektor: Kein Ferrari-"Trick" bei der Abstimmung

"Alle Autos sind gerutscht. Mit unserem Auto sind wir aber vielleicht ein bisschen besser klargekommen als der Rest des Feldes. Deshalb waren wir näher dran an der Spitze."

Einen besonderen "Trick" bei der Abstimmung habe Ferrari nicht gehabt, sagt Ferrari-Sportdirektor Laurent Mekies. "Es ist uns vielmehr gelungen, das Auto in ein besseres Einsatzfenster zu bringen."

Laut Vettel aber habe es vor allem auf Intermediates gut funktioniert. Mit Regenreifen sei Ferrari im Vergleich "schwach" gewesen. Und Vettel glaubt: Es hätte sich womöglich ausgezahlt, im Rennen noch "ein bisschen aggressiver" zu sein. Damit verweist der viermalige Formel-1-Weltmeister explizit auch auf die Reifenwahl.

Vettel hadert mit Reifenentscheidung

Vettel war mit Regenreifen in den Grand Prix gestartet, hatte dann auf Intermediates gewechselt und später erneut Intermediates geholt. "Ich hätte aber auch gerne noch Slicks verwendet", meint er.

"Niemand hat sich das getraut. Und da wir in einer guten Punkteposition waren, verstehe ich schon, dass man dabei bleiben will. Es war ja auch noch weiterer Regen vorhergesagt."

Ein bisschen aber hadert Vettel mit der Situation und meint: "Vielleicht hätte ich Trockenreifen holen sollen. Denn irgendwann war es quasi trocken und an anderen Stellen zwar noch feucht, aber es war stabil, und unsere Intermediates waren schon ziemlich runter. Slicks wären in einem solchen Fall schneller."

Ferrari kündigt Aufarbeitung an

"Aber hätte, wäre, wenn: Wir haben uns nicht getraut. Am Ende steht ein Top-3-Ergebnis. Sehr viel mehr hätten wir nicht erreichen können in diesem Rennen."

So sieht es auch Sportdirektor Mekies, der eine gründliche Aufarbeitung ankündigt, was den Ferrari-Ingenieuren vielleicht "ein paar schlaflose Nächte" bescheren könnte.

Er meint: "In einem solchen Rennen musst du viele schwierige Entscheidungen treffen. Unterm Strich versucht man, weniger Fehler zu machen als die Konkurrenz."

Wenn es am Ende doch regnet, dann ...

Was mit Trockenreifen möglich gewesen wäre, das sei "schwierig zu sagen", so Mekies. "Wir würden natürlich gerne eine Wiederholung des Rennens mit Seb auf Slicks sehen, um zu wissen, wie es ausgeht."

"Du denkst aber immer nur an das Bestmögliche in der jeweiligen Situation. Und das war unserer Meinung nach das Bestmögliche für das Ergebnis. Da spielen viele Faktoren eine Rolle."

"Wenn es am Ende noch einmal ein paar Regentropfen gibt, dann sehen wir ein ganz anderes Bild. Und das Risiko war da. Das haben wir bei unseren Entscheidungen berücksichtigt."

Leclerc als Kundschafter für Vettel

Apropos: Gleich zu Beginn des Rennens habe man Leclerc bewusst als "Kundschafter" eingesetzt. Leclerc wechselte bereits in Runde sechs von Regenreifen auf Intermediates, als erster Fahrer. Und dieser frühe Wechsel lohnte sich für Leclerc und auch für Vettel.

"Wir haben es mit Charles ausprobiert, weil er hinten und im Verkehr fuhr", sagt Mekies. "Mit ihm sind wir da mehr Risiken eingegangen. Bei Seb haben wir davon profitiert. Das war so gesehen ein gutes Teamwork."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.