Serie A: Darum ist Barca so heiß auf Martinez

SPOX

Der FC Barcelona mag während der Coronokrise das Bild eines zerstrittenen Haufens abgeben, den Katalanen mag das Wasser finanziell bis zum Hals stehen. Doch auf einen Stürmer von Inter Mailand können sich bei Barca alle einigen. Was den Toro Lautaro Martinez so besonders macht.

16 Tore hat Lautaro Martinez in dieser Saison in 31 Partien für Inter Mailand bisher erzielt. Das schicksalhafteste Spiel für den Stürmer und seinen Verein könnte aber eines werden, in dem der 22-Jährige nicht traf.

Lautaro Martinez und Inter Mailand scheiterten durch das unglückliche 1:2 gegen den FC Barcelona am 10. Dezember 2019 in der Champion League, Ansu Fatis später Treffer ließ die Italiener im Fernduell mit Borussia Dortmund den Kürzeren ziehen. Spätestens nach Martinez' Leistung in diesem Spiel ahnte nicht nur Lionel Messi, dass sein junger Landsmann und Nationalmannschaftskollege auch beim FC Barcelona der Zukunft sein idealer Sturmkollege sein könnte.

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FC Barcelona erlebt die ganz große Lautaro-Martinez-Show

Lautaro Martinez hatte gegen Barcelona nicht getroffen, ansonsten aber wieder die ganz große Lautaro-Show abgezogen: Immer wieder hatte er aus der Tiefe des Raums seine Hochgeschwindigkeitsdribblings angesetzt, immer auf der Suche nach einer Lücke, einem Mitspieler oder eben einem Zweikampf. Er hatte Bälle gejagt, die eigentlich nicht mehr zu jagen waren. Einmal nahm er die Kugel auf Kopfhöhe sauber mit dem Fuß an und zog ansatzlos einen Gegenangriff an.

Fünfmal hatte er Richtung Tor gezielt, zwei Treffer wurden ihm wegen Abseits aberkannt. Vor dem 1:1 hatte er den Ball an der Strafraumgrenze mit dem Rücken zum Tor mit viel Geschick, Können und noch mehr Einsatz seiner gesamten rückwärtigen Körperseite gegen den klammernden Jean-Clair Todibo abgeschirmt. Als Todibo zwei Mitspieler zu Hilfe kamen, war die Schussbahn für Martinez' heransprintenden Sturmpartner Romelu Lukaku frei.

Lautaro Martinez, 1,74 Meter groß, 72 Kilo schwer, Spitzname El Toro, der Stier, hatte mal wieder gezeigt, dass er ein Spieler ist, der Fußball arbeitet, gleichzeitig Feinmechaniker und Schwerarbeiter. "Er ist spektakulär.

Er galt immer als großartiger Spieler, aber jetzt ist er explodiert", analysierte Messi Wochen später im Interview mit Mundo Deportivo und zählte detailliert die Stärken seines Landsmanns auf: "Er ist stark, gut im Eins-gegen-Eins, schießt Tore und geht gegen jeden in den Zweikampf". Er sei ein kompletter Spieler mit großer Ausdauer. Kurz: ein idealer Spieler für den FC Barcelona, der Mannschaft für komplette Spieler. Zu haben wäre er bis zum 15. Juli 2020 für eine festgeschriebene Ablösesumme in Höhe von 111 Millionen Euro.

Inter-Legende Diego Milito war Lautaro Martinez' Mentor

Lautaro Martinez war nicht immer Torjäger. Begonnen hat er in der Jugendmannschaft seiner Heimatstadt Bahia Blanca als Verteidiger. Wie sein Vater, der es als Linksverteidiger bis in die zweite argentinische Liga brachte. Als Lautaro elf war, schickte sein Trainer ihn weiter nach vorne. "In gewisser Weise habe ich nie aufgehört, wie ein Verteidiger zu denken. Für mich ist es normal, jeden Ball zu jagen und jeden Gegner zu attackieren. Ich habe immer so gespielt", sagte er im Dezember 2019 in einem langen Interview der Repubblica.

Mit 17 feierte der Torjäger mit dem Herzen eines Verteidigers, der Daddeln an der Playstation schon als Kind als Zeitverschwendung hielt und in seiner Freizeit lieber Basketball spielt, beim Racing Club sein Profidebüt. "Ich war stark und rabiat. Voller Energie, immer bereit, es mit jedem aufzunehmen", sagte Lautaro. Bei Racing landete er, weil er kein Elternteil enttäuschen wollte: Vater Mario hält es mit den Boca Juniors, Mutter Karin Vanesa Gutierrez mit dem Erzrivalen River Plate. "Mit Racing habe ich das Problem gelöst", offenbarte Lautaro in der Repubblica.

Bei seinem Profidebüt Anfang November 2015 wurde Martinez für Diego Milito eingewechselt. Dessen Doppelpack bei seinem wohl größten Spiel, dem 2:0 im Champions-League-Finale 2010 von Madrid gegen den FC Bayern München, hatte der zwölfjährige Lautaro gebannt vorm Fernseher verfolgt. Milito wurde bei Racing zum Mentor von Lautaro Martinez.

Gerade 18 geworden, fragten Real Madrid und Atletico Madrid an. Doch er wollte seine Familie noch nicht verlassen, fühlte sich noch nicht bereit für Europa. 2018 versuchte auch Borussia Dortmund sein Glück. Martinez entschied sich jedoch für Inter, der BVB verpflichtete Paco Alcacer.

Bei Inter in der Tradition von Crespo, Milito und Icardi

Inter Mailands Legendengalerie ist voll von Argentiniern, auch der Rekordspieler ist Gaucho: Javier Zanetti, heute Vizepräsident des Klubs. Hernan Crespo, Rodrigo Palacio, Julio Cruz, Diego Milito, Mauro Icardi waren torjagende Publikumslieblinge.

Inter war für Lautaro Martinez im Sommer 2018 somit eine logische Herzenswahl - auch wenn er zunächst wenig spielte und noch weniger traf: Der damalige Trainer Luciano Spalletti fand in seinem recht statischem 4-2-3-1-System nur schwer Platz für den ungezügelten Neuankömmling, der persönlich beleidigt scheint, wenn sich Gegenspieler seinen weiten Laufwegen in den Weg stellen.

Bis heute sieht es manchmal so aus, als ob Lautaro Martinez - stiergleich eben - am liebsten mit dem Kopf voran durch die Abwehrreihen stürmen würde. Oder die Gegner abschütteln oder zur Not auch einfach mitreissen würde. Manchmal gelingt dies dann auch sogar gegen Gerard Pique und Mats Hummels - wie vor seinem Champions-League-Toren in Barcelona und Dortmund im Oktober respektive November 2019. Manchmal versperrt ihm dieses Übermaß an Adrenalin aber noch den Weg zum Tor.

In der Vorsaison 2018/2019 stand Lautaro Martinez vor allem aber noch Mauro Icardi (27) im Weg. Durch den Kapitän und Torjäger Nummer eins Inter Mailands konnte auch Lautaro Martinez nicht einfach durchlaufen. Als sich Icardi im Sommer 2019 mit nervtötendem Lamento zu PSG verabschiedete, holten die mittlerweile von Antonio Conte trainierten Nerazzurri für 65 Millionen Euro Romelu Lukaku von Manchester United als prominenten Ersatz. Und die Shows begannen.

Lautaro Martinez bildet bei Inter ein Traumduo mit Lukaku

Während die meisten Trainer nicht abkommen wollen vom Quasidogma der Solosturmspitze, lässt der ebenso gewiefte wie sture Antonio Conte auch Inter Mailand aus seiner 3-5-2-Grundordnung spielen. So erschuf Conte, gewollt oder nicht, eines der spannendsten Sturmpärchen des Fußballs der Jetztzeit.

Hier Romelu Lukaku, 26, und doch schon längst ein Veteran des Weltfußballs, ein großer, mächtiger Neuner, Typ schneller Bulldozer mit langen Beinen und unwiderstehlichem Zug zum Tor. Dort Lautaro Martinez, 22, Typ furchtloser Rabauke, gesegnet mit Herz, Lunge, Technik und einem donnernden Schuss. Zusammen erzielten die beiden bis zur Unterbrechung 39 von insgesamt 69 Tore der von Conte wachgebrüllten Mailänder.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Traumduo aber bald schon wieder gesprengt werden könnte, ist hoch. Das öffentliche Loben Martinez wurde nach seiner Show bei der Niederlage im Dezember zu einer Art katalanischer Freizeitsportbeschäftigung. Und endete auch nicht in der Coronakrise. Selbst Luis Suarez, den Lautaro irgendwann beerben könnte, reihte sich in die Schar der Lobenden ein. Barca mag zwar sonst gerade ein ziemlich zerstrittenes Bild abgeben, dem Klub mag finanziell das Wasser bis zum Hals stehen, doch Lautaro Martinez würden dann doch alle gerne in Blaugrana sehen.

Lautaro Martinez: Daten in der Saison 2019/2020

Wettbewerb

Einsätze

Tore

Vorlagen

Kreierte Chancen

Pässe in Strafraum

Erfolgr. Dribblings %

Serie A

22

11

1

20

26

44,44

Champions League

6

5

0

7

5

38,89

Coppa Italia

2

0

1

2

4

75

Europa League

1

0

0

0

2

0

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