Serie A: Das ist Palermos verrückter Präsident

US Palermo hat einen neuen Präsidenten. Paul Baccaglini, seines Zeichens Exzentriker, Tattoo-Liebhaber und ehemaliger TV-Satiriker übernimmt den Traditionsklub aus Sizilien. Den krisenerprobten Rosanero will der Vorsitzende der Lemon Party aber mehr bieten als eine ordentliche Prise Humor.

US Palermo hat einen neuen Präsidenten. Paul Baccaglini, seines Zeichens Exzentriker, Tattoo-Liebhaber und ehemaliger TV-Satiriker übernimmt den Traditionsklub aus Sizilien. Den krisenerprobten Rosanero will der Vorsitzende der Lemon Party aber mehr bieten als eine ordentliche Prise Humor.

"Freunde, Mitbürger, Italiener, in diesen schwierigen Zeiten der Wirtschaftskrise habe ich, Paul Baccaglini, beschlossen, ins Feld zu ziehen und eine neue Partei zu gründen, die euch allen erlauben wird, zu knutschen. Wählt die Lemon Party."

Im Jahre 2009 beginnt mit dieser Videobotschaft eines nicht einmal 25-Jährigen Americano-Italieners eine neue politische Zeitrechnung im Stiefelstaat - zumindest, wenn es nach dem Willen des Satirikers und seiner TV-Sendung "Le Iene" (die Hyänen) geht.

Acht Jahre später klingelt es um 01:41 Uhr am Morgen des 7. März an der Wohnungstür von eben jenem Paul Baccaglini. Es sind seine ehemaligen Arbeitskollegen, die von ihm einen ganz speziellen Gefallen einfordern. Denn Baccaglini hat es tatsächlich geschafft - er wird Präsident, auch wenn er vorerst nur den Vorsitz über den US Palermo und nicht über ganz Italien bekommt.

Halbnackte Pastabilder und Horst Schlemmer

Einige Stunden später richtet er seine erste Ansprache an die krisengebeutelten Rosanero. "Ich bin hier, um meine Energie und meine Liebe in diese Stadt zu übertragen", verkündet Baccaglini und präsentiert bei seiner Einführungs-PK voller Stolz eine frisch gestochene Version des Vereinswappens auf seinem von Tattoos überzogenen Körper.

Ein Nippelblitzer dieser Art ist für den exzentrischen Ex-TV- und Radiomoderator keineswegs ungewöhnlich. Bereits wenige Minuten nach Bekanntgabe des neuen Präsidenten kursieren im Internet Bilder vom 33-Jährigen, wie er halbnackt mit Zitronen vor seinen Brustwarzen für seine Lemon Party wirbt oder nur mit einer Küchenschürze bekleidet Spaghetti verspeist.

In Italiens Sportwelt ist die Amtsübernahme des ehemaligen MTV-Moderators die Nachricht der letzten Woche. Von außen betrachtet ein Szenario, als würde Horst Schlemmer den Hamburger SV übernehmen. Baccaglini bezeichnete sich in der Vergangenheit gerne mal selbstironisch als einen Mann, dem man das Hirn geraubt habe. Das Motto seiner Partei "Limonare e limonare" lässt sich am besten mit "Knutschen und noch mehr Knutschen" übersetzen. Wer könnte es dem Mann eines brasilianischen Models verdenken?

Vom "Sträfling" zum Geschäftsmann

Baccaglinis Vergangenheit sollte jedoch nicht täuschen. Der Präsident von Unione Sportiva Città di Palermo gibt sich inzwischen deutlich seriöser: "Die Fotos, die ihr gesehen habt, habe ich im Alter von 20 Jahren gemacht, aber ich schäme mich nicht dafür. Manche halten mich für einen Drogensüchtigen, andere für einen Sträfling, aber ich habe mich in der Finanzwelt bewiesen. Meine Glaubwürdigkeit stammt von Ergebnissen."

Baccaglini hat sich schon zu seinen Zeiten in der Unterhaltungsbranche ein zweites Standbein geschaffen. Er hat ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium mit Fokus auf Trade-Geschäfte. Die Vereinsübernahme erlaubt ihm nicht sein Ruf als Entertainer, sondern sein Werdegang im Finanzsektor. Baccalini ist Mitbegründer der Fondsgesellschaft Integritas Capital, mit der als Repräsentant Ende April endgültig die Vereinsanteile vom zurückgetretenen Ex-Präsidenten Maurizio Zamparini übernehmen wird.

Der Trainerkiller bleibt

Der einstige "Trainerkiller", der in seiner Amtszeit 35 Trainer in 14 Jahren entlassen hat, lernte Baccaglini im letzten Jahr im Zuge von Finanzgeschäften kennen und hält große Stücke auf den eigens ausgesuchten Nachfolger: "Paul ist ein junger Kerl, der sich bereits erfolgreich in der Finanzwelt behauptet hat und große Ambitionen mit unserem Verein hegt. Er möchte mit Palermo in den internationalen Wettbewerb und wird dabei helfen, dass wir ein neues Stadion und ein neues Trainingszentrum errichten können."

Von europäischen Sternstunden sind sie in Sizilien auf Platz 18 derweil weit entfernt. Das dürfte auch Baccaglini klar sein, der selbst bis auf seine Basketballjugend bei Padova keinerlei sportlichen Hintergrund vorzuweisen hat. Nicht zuletzt deshalb soll der 75-jährige Zamperini der neuen Vereinsspitze als sportlicher Berater zur Seite stehen. Ziel sei es, langfristig Strukturen wie bei Juve, der Roma oder Inter aufzubauen, ließ der Ex-Präsident während der vergangenen Woche verlauten.

Operation "Vergiftet Totti"

Die krisenerprobten Fans der Rosanero stehen dem neuen Aufbruch skeptisch gegenüber. Sie sorgen sich angesichts der mangelnden Fußballerfahrung ihres Präsidenten. Baccaglinis TV-Vergangenheit stört dabei noch weniger, als die nach wie ungeklärten Details der Vereinsübernahme.

Als Fondsgesellschaft geht es für Integritas Capital trotz aller Leidenschaftsbekundungen beim Investment US Palermo in erster Linie um die Rendite. Gezahlt hat das Unternehmen bisher aber noch nicht. Ende April soll die Übernahme erst perfekt gemacht werden. Selbst dann ist noch nicht klar, welche Anteile die Fondsgesellschaft von Zamperini genau erwirbt. Alles in allem ein undurchsichtiger Deal.

Baccaglini überspielt all das mit seinem ganz eigenen Humor. Zuletzt erklärte er vor seinem ersten Heimspiel gegen den Tabellenzweiten seinen nicht ganz ernstgemeinten Plan zum Sieg: "Was wir vor der Partie gegen die Roma machen? Ich rufe einfach meine ehemalige Kollegin von Le Iene, Ilary Blasi, an. Sie soll ihren Ehemann Francesco Totti vergiften."

Am Abgrund zur Serie B

Geholfen hat es offenbar wenig. Der inzwischen 40-jährige Totti saß in Palermo zwar 90 Minuten auf der Bank, dennoch hagelte es eine deutliche 0:3 Pleite für die Rosanero.

Sieben Punkte Rückstand hat die Mannschaft von Trainer Diego Lopez derzeit auf einen Nichtabstiegsplatz. Vom Investorenziel in drei bis fünf Jahren europäisch zu spielen, kann nicht die Rede sein. Baccaglini will sich acht Spieltage vor Saisonende aber noch nicht geschlagen geben: " Wo wir spielen werden? Ich hoffe in der Serie A, das ist sicher noch erreichbar. Wenn nicht, haben wir auch einen Plan B."

Wie der aussieht? Unklar. Kuschel- oder gar Schmusestimmung herrscht in Palermo im Moment kaum, doch dafür gibt es ja die Lemon Party. Was aber auch immer in den nächsten Monaten und Jahren beim bisherigen Chaosklub aus Palermo kommen mag, eine gehörige Portion Selbstironie a la Baccaglini wird dabei nie schaden.

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