Serie A: Die Renaissance des Sami Khedira - und warum Joachim Löw sie ignoriert

Obwohl Joachim Löw vor den Länderspielen gegen Argentinien und Estland die Mittelfeldspieler ausgehen, ist ein Comeback von Sami Khedira für den Bundestrainer kein Thema. Dabei erlebt der bei Juventus Turin gerade unverhofft seinen zweiten Frühling.
Obwohl Joachim Löw vor den Länderspielen gegen Argentinien und Estland die Mittelfeldspieler ausgehen, ist ein Comeback von Sami Khedira für den Bundestrainer kein Thema. Dabei erlebt der bei Juventus Turin gerade unverhofft seinen zweiten Frühling.

Obwohl Joachim Löw vor den Länderspielen gegen Argentinien und Estland die Mittelfeldspieler ausgehen, ist ein Comeback von Sami Khedira für den Bundestrainer kein Thema. Dabei erlebt der bei Juventus Turin gerade unverhofft seinen zweiten Frühling.

Im Grunde ist das, was Sami Khedira dieser Tage so auf dem Rasen macht, nichts anderes als das, was Sami Khedira schon immer gemacht hat: Er rennt, er ackert, er antizipiert, er initiiert oder er unterbindet Angriffe. Wie ein zuverlässiger Box-to-Box-Spieler eben.

Der Unterschied zum Khedira vor einem Jahr: Er hinterlässt keinen ausgebrannten Eindruck. Er ist frisch und vor allem gesund. Das war in der vergangenen Spielzeit noch anders, als er nach der WM-Schmach mit Deutschland aufgrund zahlreicher Verletzungen mehr und mehr ins Abseits geriet.

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Sein persönlicher Tiefpunkt ereignete sich im Februar, als die Ärzte seines Arbeitgebers Juventus Herzrhythmusstörungen bei ihm diagnostizierten. Um einen chirurgischen Eingriff und eine damit einhergehende Sportpause von einem Monat kam er nicht herum. Dass ihn kurz nach seinem Comeback auch noch sein Knie zu einer weiteren Operation zwang, passte ins Bild.

Sami Khedira bei Juventus "wie in einen Jungbrunnen gefallen"

Aber der gebürtige Stuttgarter steckte nicht auf. Er bereitete sich gewissenhaft auf die neue Spielzeit vor, obwohl Juve eigentlich ohne ihn geplant und bei ausländischen Klubs angeboten hatte. Mittlerweile ist der Deutsch-Tunesier sogar wieder der, den sie in Turin vor seiner Seuchen-Saison 2018/19 so geliebt haben: der beherzte und laufstarke Kämpfer, der dem namhaft besetzten Angriff um Cristiano Ronaldo, Gonzalo Higuain und Co. den Rücken freihält und mit seiner Laufbereitschaft selbst in der Nähe des gegnerischen Sechzehners wildert.

Khedira spiele, als wäre er "in einen Jungbrunnen gefallen", schrieb die italienische Zeitung Corriere della Sera vor kurzem nach dem 2:0-Sieg des Serienmeisters gegen SPAL Ferrera.

Einen entscheidenden Anteil an Khediras überraschendem Comeback hat Maurizio Sarri, der Trainer der Alten Dame, der ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger Massimiliano Allegri noch immer zutraut, Stammspieler zu sein.

Sami Khedira vor Adrien Rabiot, Aaron Ramsey und Emre Can

"Sami wird oft unterschätzt", sagt der 60 Jahre alte Taktikfanatiker. In Sarris 4-3-3 bekleidet Khedira zumeist die halbrechte Achter-Position und überzeugt dort mit seiner Physis. Im Champions-League-Duell mit Bayer Leverkusen etwa gewann der Routinier 70 Prozent seiner Zweikämpfe.

Unverzichtbar für Sarri ist aber nur Miralem Pjanic, den er als "Schlüsselspieler" bezeichnet. Khedira streitet sich mit den beiden ablösefreien Neuzugängen Adrien Rabiot und Aaron Ramsey sowie Blaise Matuidi, Rodrigo Bentancur und Emre Can um die restlichen Plätze im Dreier-Mittelfeld.

Letztgenannter ist Khediras Aufstieg zum Opfer gefallen. Sarri strich Can aus dem Champions-League-Kader, woraufhin dieser erzürnt ankündigte, sich im Winter einen neuen Verein suchen zu wollen. Anders als der 32-Jährige gehört der sieben Jahre jüngere Can aktuell immerhin dem Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft an. Bundestrainer Joachim Löw lud den Weltmeister von 2014 seit dem Debakel in Russland nicht mehr ein. "Gerade auf der Sechs und der Acht", so Löw, "haben wir viele gute und junge Spieler."

Joachim Löw will Sami Khedira nicht zurückholen

Gegen Argentinien und Estland gehen ihm diese Spieler aber aus. Toni Kroos, Leon Goretzka und Ilkay Gündogan sagten verletzungsbedingt ab. Löw nominierte dafür Suat Serdar (Schalke 04), Sebastian Rudy (TSG Hoffenheim) und Robin Koch (SC Freiburg) nach. Khedira wollte er ebenso wenig begnadigen wie den ähnlich aufstrebenden Mats Hummels. Seine offizielle Begründung: "Ich habe ihnen gesagt, dass wir jüngeren Spielern Raum zur Entwicklung geben möchten."

Es liegt jedoch der Verdacht nahe, dass sich Löw schlichtweg nicht die Blöße geben und zwei Ausgebootete zurückholen möchte, deren Wort innerhalb der Mannschaft früher großes Gewicht hatte. Rudy ist auch schon 29, also auch nicht mehr der Allerjüngste, passt sich aber nun einmal den Vorgaben des Bundestrainers klag- und anspruchslos an. "Wir wissen, was wir an dem Sebastian haben", meinte DFB-Direktor Oliver Bierhoff vielsagend.

Für Pierre Littbarski ist der Umgang mit Khedira (77 Länderspiele) und Hummels (70 Länderspiele) ein Fehler. "Wenn ich Qualitätsspieler habe, sollte ich die Tür immer einen Spalt offen lassen", sagte der Weltmeister von 1990 bei einem Medientalk am Dienstag. Khedira habe etwa "bessere strategische Fähigkeiten" als Can: "Emre gehört sicher die Zukunft. Aber ich sehe Sami im Moment besser." Maurizio Sarri würde dem wohl nicht widersprechen.

EM-Qualifikation: Die Gruppe C im Überblick

Platz

Mannschaft

Spiele

S-U-N

Tore

Punkte

1

Deutschland

5

4-0-1

17:6

12

2

Nordirland

5

4-0-1

7:4

12

3

Niederlande

4

3-0-1

14:5

9

4

Weißrussland

5

1-0-4

3:10

3

5

Estland

5

0-0-5

2:18

0

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