Setzt Barca für Setién die Saison aufs Spiel?

Lukas von Hoyer
Sport1

Die Ernennung von Quique Setién zum Trainer des FC Barcelona hatte viele Fußball-Fans und Experten überrascht, am meisten jedoch Setién selbst.

"Gestern war ich noch bei den Kühen in meinem Dorf spazieren, heute trainiere ich die besten Spieler der Welt", hatte der 61-Jährige bei seiner Vorstellung gesagt, bei der er von Barcas Fans gefeiert wurde.


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Knapp zwei Wochen später kassierte der Spanier, der in Barcelona auf Ernesto Valverde folgt, nun mit eben diesen besten Spielern der Welt seine erste Niederlage. Nach der enttäuschenden 0:2-Pleite am Samstag beim FC Valencia muss er sich nun die Frage gefallen lassen, ob das Starensemble der Katalanen das System seines Coaches verstanden hat.

"Es ist möglich, dass wir die Konzepte noch nicht so klar wie möglich vermittelt haben, oder manche Dinge anders verstanden werden müssen", gab Setién bei der Pressekonferenz nach der Partie im Estadio Mestalla zu.

Die Grundsätze seines Spielsystems dürften allerdings klar sein. Der frühere Profi, der unter anderem bei Atlético Madrid kickte, ist ein Verfechter des Ballbesitz-Fußballs.

De Jong als Sinnbild der Probleme

Das war in den in den ersten drei Spielen - dem knappen 1:0-Sieg gegen den FC Granada, dem noch knapperen 2:1-Sieg bei der drittklassigen UD Ibiza in der Copa del Rey und der Niederlage in Valencia - durchaus zu sehen, am Samstag kam Barca auf 74 Prozent Ballbesitz.

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867 Pässe spielte Barcelona, 800 davon kamen an. Trotzdem erarbeitete sich der aktuelle spanische Meister kaum Torchancen und erzielte keinen Treffer. Lionel Messi versuchte – wie so oft – das Spiel auf eigene Faust zu drehen. Von seinen elf Torschüssen fand jedoch keiner das Netz.

Wenn Messi seinem Team zumindest ein Unentschieden gerettet hätte, hätte er damit aber auch nur das Problem der Blaugrana übertüncht: Barcelona spielte unter Setién bislang kaum zwingend, fast nie schnell und selten gefährlich. Mittelfeldspieler Frenkie de Jong steht als Sinnbild dafür, dass die Spieler das System noch nicht verinnerlicht haben.

Der hochveranlagte Niederländer mit der unbestrittenen Veranlagung für den tödlichen Pass wirkte auf dem Rasen in Valencia ideenlos, zuweilen gar verwirrt. "Frenkie hat in den letzten Monaten auf die eine Art gespielt und nun sagen wir ihm, dass er etwas anders machen soll", erklärte Setién das Formtief des 22-Jährigen.


Anders soll heißen: So spielen, wie der FC Barcelona gespielt hat, als de Jong noch in der Jugendabteilung von Willem II Tilburg von seinem Debüt als Profi träumte. So spielen, wie der stolze Klub zuletzt unter dem Startrainer Pep Guardiola gespielt hat.

Sétien verehrt Guardiola und Cruyff

Setién ist ein großer Fan seines Landsmanns, der mittlerweile auf der Trainerbank von Manchester City sitzt. Zudem bewunderte er die Barca-Legende Johan Cruyff, durch die er die "Essenz des Spiels" erst verstanden habe, wie er einmal sagte.

Basis des Systems von Setién sollen die Offensive und der Ballbesitz sein. Ziel ist die Kontrolle über das Zentrum, die auch durch hohes Pressing erreicht werden soll. Der Trainer ist ein leidenschaftlicher Schachspieler, was sich auch auf dem Feld zeigt.

Im Fußball kann er seine Schachfiguren allerdings nicht einfach verschieben, das müssen sie schon selbst tun. Momentan scheint es allerdings so, als ob Setién Zeit braucht, um seine Ideen den Spielern zu vermitteln.

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Unglücklicherweise ist Zeit eine Ressource, die Barcelona nicht hat. In der Liga dürfen sich die Katalanen im Titelrennen keinen einen Ausrutscher mehr erlauben, zumal Konkurrent Real Madrid durch den Sieg bei Real Valladolid die Tabellenspitze von Barca übernommen und drei Punkte Vorsprung hat. In einem Monat steht zudem das Achtelfinale in der Champions League gegen den SSC Neapel an.

Die Entscheidung, Setién inmitten der Saison zum Coach zu machen, war eine mutige der Verantwortlichen, denn das anspruchsvolle System des Trainers war kein Geheimnis.

Stimmen die Ergebnisse nicht bald, dann sind die Saisonziele sind in ernsthafter Gefahr. Setiéns Job womöglich dann auch.

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