Sextoy-Betrug? Experte hat andere Theorie

Sextoy-Betrug? Experte hat andere Theorie
Sextoy-Betrug? Experte hat andere Theorie

Ist der amerikanische Jungstar Hans Niemann ein dreister Betrüger? Oder Opfer falscher Anschuldigungen durch den Weltmeister Magnus Carlsen?

Die Frage, die seit Wochen die Schach-Welt spaltet, ist inzwischen Gegenstand einer offiziellen Ermittlung des Weltverbands FIDE - und teils skurriler Spekulationen von Fans und Experten. Eine besonders wilde Theorie: Niemann könnte durch mit einem Schach-Computer verbundene Analperlen - eigentlich ein Sexspielzeug - geschummelt haben.

Ist da wirklich etwas dran? Dazu hat sich inzwischen ein Experte zu Wort gemeldet und die Situation eingeschätzt.

Sextoy-Betrug? Schach-Experte zweifelt

„Die Analperlengeschichte? Ist nicht ernst zu nehmen, glaube ich“, zweifelt der internationale Schachmeister Georgios Souleidis im Interview mit RTL/ntv an der Theorie. (NEWS: Kommentator sorgt für nächsten Eklat in der Schachwelt)

„The Big Greek“, wie sich Souleidis auf seinem Youtube-Kanal nennt, ist der Ansicht, dass der mutmaßliche Betrug weniger spektakulär gelaufen sein muss, sondern mit bis dato beispielloser Raffinesse.

„Es müsste eine völlig neue Methode sein“, betonte er. „Etwa ein sehr kleines elektronisches Gerät, das nicht gescannt werden kann“, denn bei Partien eines Präsenzturniers, wie jene zwischen Carlsen und Niemann, werden Spieler heutzutage durch Detektoren überprüft.

„Früher gab es ganz banale Methoden, etwa versteckte Smartphones auf einer Toilette“, erinnert sich Souleidis. „Oder Handzeichen von Trainern im Publikum, die über dritte Personen am Schachprogramm entsprechende Tipps bekamen. Wenn Niemann wirklich betrogen hat, müssten die Methoden deutlich elaborierter sein.“

Souleidis: Carlsen-Rivale Niemann ist „stark verdächtig“

Ob Niemann überhaupt betrogen hat, ist nicht bewiesen. Souleidis ist jedoch auf der Seite von Carlsen. „Die Auswertung deutet auf zwei Sachen hin: Entweder er ist ein unfassbar starker Spieler - oder er ist stark verdächtig“, schätzt er die Situation ein. „Da kann sich jeder seinen Reim drauf bilden.“

Seit dem spektakulären Rücktritt Carlsens verbrachte die halbe Schachwelt die letzten Wochen mit Analysen, verglich zahlreiche Partien Niemanns mit Zügen von Schachcomputern, die dem Menschen um ein Vielfaches überlegen sind.

Schach-Analystin Yosha Iglesias wies bei ihren Untersuchungen von Niemanns Zügen während einiger Partien eine bis zu 100-prozentige Korrelation mit denen der Schachcomputer nach. Einen Wert, der sensationell für einen menschlichen Spieler wäre und auf einen Betrug hindeutet.

In eine ähnliche Richtung hatte sich Carlsen geäußert: Die Fortschritte seines Gegenübers seien „ungewöhnlich“, Niemann sei „nicht angespannt und noch nicht einmal voll konzentriert auf das Spiel in kritischen Positionen“ gewesen. Und das, „während er mich mit Schwarz auf eine Weise ausspielte, wie es meiner Meinung nach nur eine Handvoll Spieler können“, erklärte der Schach-Superstar.

Jungstar ist vorbelastet - aber beteuert Unschuld

Doch wie geht es nun weiter? „Es ist unfassbar schwer, Betrug beim Präsenzschach nachzuweisen“, erklärt Schachexperte Souleidis. Denn es gebe keine Beweise, sodass man aktuell nur mit Indizien arbeiten könne. „Wenn man das in diesem Fall zweifelsfrei herausfinden will, müsste man diejenige Person komplett filzen“, machte Souleidis klar.

Wie Niemann kundtat, würde er sich darauf sogar einlassen. „Wenn sie wollen, dass ich mich völlig nackt ausziehe, werde ich es tun“, reagierte er auf die Betrugsvorwürfe. „Denn ich weiß, dass ich sauber bin.“

Der dänischstämmige Jungstar ist allerdings vorbelastet, muss, im Alter von zwölf Jahren wurde ihm Betrug beim Online-Schach nachgewiesen - er holte sich Hilfe von einem Freund mit einem iPad. Niemann hat auch weitere Mogeleien bei Online-Spielen zugegeben, als er 16 war, er habe sein Rating verbessern und auf stärkere Spieler treffen wollen. Niemann gibt sich zu diesem Thema nun reuig, spricht vom „größten Fehler meines Lebens“, für den er sich „zutiefst schäme“.

Nach eigenen Angaben sei seine neue Stärke jedoch das Resultat harter Arbeit, die er seit damals in sein Spiel investiert hätte, um die angeblichen Jugendsünden hinter sich zu lassen: „Das war meine Mission. Und deshalb habe ich aus dem Koffer gelebt und 260 Partien in einem Jahr gespielt, zwölf Stunden am Tag trainiert, weil ich etwas zu beweisen habe.“