Der Unkaputtbare

Markus Bosch
Sport1

Roger Federer blieb ganz bei sich.

In einem dramatischen Fünf-Satz-Match hatte er soeben den US-Amerikaner Tennys Sandgren bezwungen und zog damit ins Halbfinale der Australian Open ein, indem er auf Novak Djokovic trifft.

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Dabei hatte der Ausnahmekönner, sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand, im vierten Satz gleich sieben Matchbälle abgewehrt. Allein diese Tatsache hätte für die meisten Tennis-Profis wohl ausgereicht, um einen lauten Jubelschrei, gespeist aus Adrenalin und Emotion, ins weite Rund der Rod-Laver-Arena rauszulassen. Federer aber blieb cool.


Federer spielte nach einem souverän gewonnenen ersten Satz ohne Rhythmus und unerwartet fehlerhaft. Im dritten Satz kassierte er wegen eines Fluchs sogar eine Verwarnung, zuvor hatte die Nummer drei der Weltrangliste bei einem Breakball für sich eine Rückhand ins Netz geschlagen.

"Ich sollte schon Ski fahren sein in der Schweiz. Aber du musst auch mal Glück haben. Wenn du sieben Matchbälle hast, hast du nichts unter Kontrolle", erzählte er anschließend am Mikrofon von Ex-Profi Jim Courier. "Er hat sein Match gespielt. Irgendwann ging der Druck bei mir weg. Ich habe es nicht verdient, bin aber trotzdem sehr glücklich."

Federer hat noch nie vorzeitig aufgegeben

Der 38-Jährige lieferte eine korrekte Einschätzung des vorangegangenen Matchs ab. Denn vor dem Tiebreak im vierten Satz lag statistisch gesehen seine Gewinnwahrscheinlichkeit bei nur noch 21 Prozent, in der Kategorie Winner lag Federer deutlich im Hintertreffen. Probleme an Leiste und Bein ließen Federer zwischenzeitlich chancenlos aussehen.

Auch ein Medical Timeout brachte zunächst nicht den erhofften Umschwung. Einige Fans hatten nach dem zweiten verlorenen Satz bereits mit einer Aufgabe von Federer gerechnet. Doch dies sollte sich als völlig unbegründet herausstellen, was eine unfassbare Zahl beweist: In den 1.511 zuvor gespielten Matches hat er noch nie verletzungsbedingt aufgegeben.

Stattdessen kämpfte Federer sich in die Partie zurück und überzeugte dabei mit jenen Eigenschaften, die ihn zur Legende reifen ließen. Zwei Sätze in Rückstand gegen einen vermeintlich unterlegenen Gegner? Für Federer, der im Kopf immer Punkt für Punkt spielt, kein Problem. Er bleibt ruhig und sucht nach Lösungen in seinem schier unerschöpflichen Reservoir an Techniken und Schlägen. Diese versucht er anschließend bestmöglich umzusetzen.


Dabei fällt Federer, der als junger Spieler ein echter "Hitzkopf" war ,nur äußerst selten mit emotionalen Ausbrüchen auf. Bis auf seinen Schwyzerdütsch-Ruf "Chum jetze" (deutsch: Komm jetzt; Anm. d. Red.) und einer gelegentlichen Jubelfaust bleibt Federer eigentlich immer bei sich. Verwarnungen wegen verbaler Obszönität wie gegen Sandgren oder Gemecker wie gegen Millman sind eine absolute Rarität und machen Federer dann doch zum Menschen.

Federer hat im Lauf seiner Karriere gelernt, dass ihm zu viele Emotionen beim Tennis schaden. Er fokussiert sich lieber auf sein Spiel und den nächsten Punkt.

"Wenn Sie sich für das Beste halten, werden Sie bestraft"

Ein weiterer Faktor, warum Federer auch mit 38 Jahren noch absolute Weltklasse verkörpert, ist seine Fähigkeit zur Weiterentwicklung. Zwischenzeitlich kassierte er gegen Rafael Nadal Niederlage um Niederlage. Federer schluckte seinen Frust und die Wut hinunter und arbeitete an Lösungen, bis er Nadal - zumindest außerhalb von Sandplätzen -  wieder schlagen konnte.

"Ein Tennisspieler muss seine Stärken und Schwächen kennen. Wenn sie ihre Schwächen ignorieren, wenn Sie sich für das Beste halten, werden sie bestraft", schilderte Federer seine Einstellung zum Thema Weiterentwicklung.


Zudem profitiert "Fedex" inzwischen natürlich auch von seinem großen Erfahrungsschatz aus über 1.500 Matches auf der Tour. Federer erklärte dazu: "Ich bin dankbar für alles, was ich erlebt habe. Es motiviert mich auch, bringt mich dazu, mir vorzustellen, wie ich mich selbst retten oder neu erfinden kann, um noch länger auf der Tour zu bleiben." Auch gegen Sandgren profitierte er davon, als er die Partie im fünften Satz doch noch zu seinen Gunsten entschied.

"Mythos Federer" als Schlüsselfaktor

Doch der wohl wichtigste Grund für die Wende zu Gunsten Federers ist der "Mythos Federer". Mit 20 Grand-Slam-Titeln und zahlreichen weiteren Rekorden verströmt der Schweizer eine ganz besondere Aura. Dazu wirkt sein Spielstil sehr elegant und sein Charisma kommt rund um den Globus gut an.

Auch die Fan-Unterstützung ist Federer bei nahezu jedem Turnier sicher. Im Zweitrunden-Duell gegen Lokalmatador John Millman, das er erst im Match-Tiebreak nach einem 4:8-Rückstand für sich entschied, jubelten ihm die Zuschauer mindestens genauso zu wie ihrem Landsmann.


Kommt nun ein auf großer Bühne unerfahrener Federer-Gegner in die Situation, dass er tatsächlich die Chance hat, den "Maestro" aus dem Turnier zu werfeb, spielen all diese Faktoren eine Rolle. Was zuvor scheinbar mühelos war, wird in der entscheidenden Phase plötzlich unglaublich schwer. Denn wohl jeder Spieler außerhalb der Top 20 hat im Kopf, wie sehr ein Sieg über das Tennis-Denkmal Federer die Karriere verändern kann. Mit einem Schlag wäre das Rampenlicht plötzlich da.

Federer dagegen kennt jegliche Druck-Situation. So wehrte er 2003 in Cincinnati gegen einen gewissen Scott Draper in der ersten Runde schon einmal sieben Matchbälle ab und gewann.

Federer mit imposanter Halbfinal-Statistik

Obwohl der Druck auf Federers Schultern liegen müsste, zwingt ein enger Spielstand auf einmal seinen Gegner zum Nachdenken. Ein Faktor, der auch bei Nadal und Novak Djokovic oftmals ins Spiel kommt und auch ein Grund für die Dominanz der "Big 3" in den vergangenen Jahren ist.


Auch Sandgren kam gegen den sichtbar angeschlagenen Federer ins Grübeln und ließ gleich sieben Chancen zur Sensation liegen, stattdessen gewann wieder einmal Federer.

Der Schweizer hat seit Wimbledon 2003 unglaubliche 73 Prozent aller Halbfinals bei Grand-Slam-Turnieren erreicht.

Eine märchenhafte Statistik, die Federer auch durch seine besonderen Fähigkeiten in scheinbar ausweglosen Situationen erreichen konnte.

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