Silverstone 1950: Das erste Formel-1-WM-Rennen vor 70 Jahren

Adam Cooper
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Am 13. Mai 1950 fand in Silverstone - übrigens an einem Samstag - das erste Formel-1-Weltmeisterschaftsrennen statt. Damals wurde der Grundstein für den Sport gelegt, den wir heute kennen. Bereits im Oktober 1948 hatte Silverstone erstmals einen Grand Prix ausgetragen. Eine offizielle Weltmeisterschaft gab es damals allerdings noch nicht.

Trotzdem schaffte man es so, sich zur ersten Adresse für Motorsport im Land zu machen. Der Mann, der auf die Idee kam, den Militärflugplatz als Rennstrecke zu nutzen, war Maurice Geoghegen. Dabei handelte es sich um einen Anwohner, der sich auf das Gelände schlich, um seinen Frazer Nash zu testen. Ende 1947 erzählte er seinen Motorsportfreunden in einer Kneipe davon.

Nach einigen Bieren kam man auf die Idee, in Silverstone richtige Rennen zu veranstalten - und schon am nächsten Tag gab es ein inoffizielles Event. Der Royal Automobile Club (RAC) war damals auf der Suche nach einem nachhaltigen Standort für seinen Grand Prix. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg hatte es einige Rennen in Großbritannien gegeben, die als Vorreiter gelten.

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1926 und 1927 fand je ein Grand Prix in Brooklands statt, und in den 30er-Jahren mehrere Events in Donington Park. Dort verwendete man allerdings den eigenen Namen, trug also den Großen Preis von Donington aus. Der letzte echte Großbritannien-Grand-Prix fand 1927 statt. Im Krieg wurden beide Austragungsorte für andere Dinge genutzt und standen danach zunächst nicht mehr zur Verfügung.

Stattdessen wurde über diverse andere Orte nachgedacht, bevor Silverstone als ernsthafter Kandidat ins Spiel kam. Im Sommer 1948 wurde ein befristeter Pachtvertrag unterzeichnet. Der Journalist Rodney Walkerley, zugleich Mitglied im British Racing Drivers' Club (BRDC) und RAC, erinnerte sich später, dass sich der vernachlässigte Flugplatz damals in keinem besonders guten Zustand befand.

Erstes Rennen 1948: Besser als nichts ...

"Es war ein trister Tag, als ich mit einigen Pressevertretern und dem RAC zum ersten Mal nach Silverstone kam", schrieb er und ergänzte: "Es war grau und regnerisch, und der übliche kalte Wind zog über den Flugplatz. Der vorherrschende Eindruck war, dass der Ort in einem desolaten Zustand war. Aber es war besser als nichts." Und so liefen die Vorbereitungen für das erste Event.

Ursprünglich bestand der Kurs größtenteils aus Umlaufstraßen mit zwei langen scharfen Kurven, die ins Infield mit den alten Landebahnen führten. Spannend: Die noch heute verwendeten Kurvennamen wie Stowe, Club, Abbey, Becketts und Copse gab es damals schon. Nicht mit heute zu vergleichen waren dagegen die sehr simplen Einrichtungen auf der temporären Strecke.

Trotzdem zog das erste große Motorsportrennen im Land nach dem Krieg 100.000 Zuschauer an. Das Teilnehmerfeld bestand damals aus Autos der Vorkriegszeit, deren Performance sich stark unterschied. Wirklich ernst waren dabei nur die Werks-Maseratis von Alberto Ascari und Luigi Villoresi zu nehmen. Ein mechanisches Problem bei Ascari sorgte dafür, dass der Sieg an Villoresi ging.

Start zum GP Großbritannien 1950 in Silverstone: Luigi Fagioli, Alfa Romeo 158, führt

Start zum GP Großbritannien 1950 in Silverstone: Luigi Fagioli, Alfa Romeo 158, führt <span class="copyright">Motorsport Images</span>
Start zum GP Großbritannien 1950 in Silverstone: Luigi Fagioli, Alfa Romeo 158, führt Motorsport Images

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Es war kein spektakuläres Rennen, aber es war der Beginn einer großen Geschichte. "Ich war als Zuschauer dabei", erinnert sich der langjährige Formel-1-Kommentator Murray Walker zurück. "Ich erinnere mich vor allem an die Euphorie, dass es überhaupt einen Grand Prix gab. Außerdem herrschte Begeisterung wegen der ausländischen Autos und Stars wie Ascari und Villoresi."

"Das restliche Teilnehmerfeld bestand aus ERA- und Vorkriegsautos. Es war deshalb magisch, dass wir auch einige moderne europäische Autos dabei hatten", so Walker. Wurde das Rennen damals noch unter den Namen RAC International Grand Prix ausgetragen, bekam es ein Jahr später offiziell den Titel Großer Preis von Großbritannien. Außerdem änderte sich im zweiten Jahr das Layout.

Budget für das erste WM-Rennen: 22.000 Pfund

Die Landebahnen verschwanden, und es bildete sich erstmals das "klassische" Silverstone-Layout. Es gab acht Kurven, von denen nur eine - Becketts - den Höchstgeschwindigkeits-Rhythmus wirklich unterbrach. Das Event 1949 war ein Erfolg, und als die FIA für 1950 die erste Weltmeisterschaft ankündigte, bekam Silverstone das Eröffnungsrennen und den Ehrentitel Großer Preis von Europa.

In der ersten Saison gab es sechs traditionelle Grands Prix in Europa: Großbritannien, Monaco, Schweiz, Belgien, Frankreich und Italien. Dazu kam das Indy 500, welches auf Drängen der US-Delegierten der FIA ebenfalls zur WM zählte. Argentinien, die Niederlande und Spanien standen auch auf der Liste, doch man war der Meinung, dass sieben Rennen zunächst ausreichend seien.

Ohne die Ferraris gab es keine echten Gegner für Alfa Romeo

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Ohne die Ferraris gab es keine echten Gegner für Alfa Romeo LAT

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Der Grand Prix in San Remo, der nicht zur WM zählte, war für Alfa das Comeback, nachdem man sich 1949 eine Auszeit genommen hatte. Fangio war der einzige Fahrer, weil sich Giuseppe Farina bei einem Unfall in Frankreich verletzt hatte. Somit war kein italienischer Fahrer am Start, was für Diskussionen sorgte. Alfa dachte wegen der negativen Presse sogar darüber nach, nicht am Rennen teilzunehmen.

Fangio, dessen Qualitäten damals noch nicht jeder kannte, musste das Team vom Gegenteil überzeugen. Standesgemäß gewann er das Regenrennen anschließend und unterschrieb danach einen Vertrag für den Rest des Jahres - inklusive der sechs europäischen WM-Rennen. Beim Auftakt in Silverstone traten die Italiener gleich mit vier der überlegenen 158-Boliden an.

Zu Fangio und dem wieder genesenen Farina kamen Luigi Fagioli und Gaststarter Reg Parnell, der Consalvo Sanesi ersetzte, der sich bei der Mille Miglia verletzt hatte. Alfa war 1948 und 1949 nicht in Silverstone gefahren, und von den Piloten kannte nur Farina die Stecke. Im August 1949 hatte er in einem Ferrari dort den zweiten Platz bei der International Trophy belegt.

Keine echten Gegner für Alfa Romeo

Trotzdem war es keine Überraschung, dass man alle vier Boliden in die erste Startreihe brachte, die damals aus vier Autos bestand. Farina landete in der Qualifikation vor Fagioli, Fangio und Parnell. Prinz Bira war in seinem Maserati erster Verfolger, doch die anderen Autos, inklusive der Lago-Talbots von Yves Giraud-Cabantous, Eugene Martin, Louis Rosier und Philippe Etancelin, waren praktisch in einem anderen Rennen.

Selbst Toulo de Graffenried, der 1949 in einem Maserati in Silverstone gewonnen hatte, lag fünf Sekunden hinter der Pole-Zeit von Farina. Das Warm-up sah damals noch etwas anders aus. Die vier Alfas fuhren von ihrem Standort in Banbury selbst an die Strecke - sehr zur Freude der Fans. 150.000 Zuschauer strömten an jenem Samstag nach Silverstone.

Der Tag wurde von zwei Rennen der 500er-Boliden eröffnet. Passenderweise siegte Wing Commander Frank Aikens auf dem ehemaligen Militärflugplatz. Sein Name ist heute nicht mehr vielen ein Begriff, doch er setzte sich damals gegen die zukünftigen Grand-Prix-Sieger Stirling Moss, der spät von einem Motorenproblem eingebremst wurde, und Peter Collins durch.

Giuseppe Farina konnte das Rennen in Silverstone gewinnen

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Giuseppe Farina konnte das Rennen in Silverstone gewinnen LAT

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Moss wollte ursprünglich sogar am Hauptrennen teilnehmen. Doch sein HWM-Formel-2-Team wurde vom RAC nicht zugelassen - sehr zum Frust von Teamchef John Heath. Stattdessen fuhr das Team ein Straßenrennen in Mons. Und so flog Moss nach seinem 500er-Rennen in Silverstone direkt weiter nach Belgien, wo er am Sonntag unter anderem gegen die Ferraris fuhr, die nicht nach Silverstone gekommen waren.

Ein weiteres Highlight vor dem Hauptrennen war eine kurze Demofahrt von Raymond Mays im neuen BRM, der noch kein Rennen gefahren war. Der Bolide war in einem Pavillon hinter den Boxen ausgestellt. Journalist Gregor Grant, der in jenem August das Autosport-Magazin gründete, gehörte zu den zahlreichen Skeptikern, die damals am BRM-Projekt zweifelten.

Jahre später schrieb er, der Auftritt von BRM habe "alle verwirrt und schien eine komplette Zeitverschwendung zu sein. Entweder ist es ein Grand Prix wert, dass man daran teilnimmt, oder nicht. Für BRM war das offensichtlich nicht der Fall. Warum sollte man [das Auto] dann vor mehr als 100.000 Zuschauern zeigen - inklusive des Königs und der Königin von England?"

Farina gewinnt, König muss früher los

Der königliche Besuch hob das Event noch einmal auf ein anderes Level. König und Königin kamen zusammen mit Prinzessin Margaret und den Mountbattens. Die Grenadiergarde spielte, und die VIP-Gäste aßen zu Mittag, sahen sich die Strecke an, wurden allen Fahrern vorgestellt und gingen anschließend in ihre neue Loge.

Um 15:00 Uhr begann die eigentliche Action. Farina blieb nach dem Start in Führung, aber Fangio und Fagioli blieben dicht an ihm dran. Bei den Tankstopps Mitte des Rennens wechselten die Positionen an der Spitze. Fangio führte eine Runde, aber nach einem Fehler fiel er wieder auf Platz zwei zurück. Er hatte bei Stowe einen Strohballen berührt. Kurz danach schied er mit einer defekten Ölleitung aus.

Der König begrüßte die Fahrer vor dem Rennen - sah den Zieleinlauf aber nicht

Der König begrüßte die Fahrer vor dem Rennen - sah den Zieleinlauf aber nicht <span class="copyright">LAT</span>
Der König begrüßte die Fahrer vor dem Rennen - sah den Zieleinlauf aber nicht LAT

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So fuhr der 43-jährige Farina anschließend einen komfortablen Sieg ein, nachdem er 63 der 70 Runden angeführt hatte. Im Ziel lag er 2,6 Sekunden vor Fagioli. Er kassierte acht WM-Punkte plus den Zähler für die schnellste Runde. Parnell hatte einen Unfall mit einem Hasen, der seinen Kühlergrill beschädigte. Er wurde mit einem großem Rückstand von 52 Sekunden Dritter.

Giraud-Cabantous und Rosier lagen in ihren Lago-Talbots zwei Runden zurück und nahmen die letzten Punkte mit. Bob Gerard war als Sechster der beste britische Privatier. Er setzte sich gegen seinen ERA-Kollegen Cuth Harrison durch, während die Maseratis von Bira und de Graffenried nicht ins Ziel kamen.

König Georg war bei der Pokalvergabe übrigens schon nicht mehr anwesend - sehr zu seinem Ärger. Er musste bereits vor Rennende gehen. Die obersten Polizeibeamten von Buckinghamshire und Northamptonshire hatten darauf bestanden, weil sie andernfalls nicht für die Sicherheit auf dem Rückweg garantieren konnten. Auch 1950 war der Verkehr in Silverstone bereits ein Thema ...

Mit Bildmaterial von LAT.

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