SMS und E-Mail an Lewis Hamilton: So lief die Fake-News-Affäre wirklich ab!

Christian Nimmervoll
motorsport.com

Ein besonders dreister Fall von Fake News hat am Mittwochnachmittag in der Formel 1 beinahe den Kalten Krieg zwischen Red Bull und Mercedes eskalieren lassen. Denn der sechsmalige Weltmeister Lewis Hamilton hat auf seinen Social-Media-Kanälen ein Posting abgesetzt, in dem Helmut Marko im Zuge der aktuellen BlackLivesMatter-Diskussion in ein schiefes Licht gerückt wurde. Völlig zu Unrecht, wie inzwischen klar ist.

Was war passiert? Hamilton hatte kurz vor Mittag (MESZ) ein Story-Posting abgesetzt, in dem er sich direkt an Marko wandte: "Helmut, es macht mich traurig, dass du den Kampf schwarzer und farbiger Menschen um Gleichberechtigung als 'Ablenkung' betrachtest. Ehrlich gesagt tut mir das ziemlich weh. [...]" Und er stellte hinterher: "Wach auf. Dieser Sport muss sich ändern."

Der Mercedes-Fahrer bezog sich mit seinem Statement auf angebliche Marko-Aussagen, auf die er offenbar via Internet aufmerksam gemacht wurde. Der Red-Bull-Motorsportkonsulent soll demnach gegenüber RTL gesagt haben, dass sich sein Fahrer Max Verstappen ganz darauf konzentriere, in Spielberg zu gewinnen, während sich Hamilton von der Rassismusdiskussion ablenken lasse.

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Woher die Blog-Plattform, über die Markos Aussagen verbreitet wurden, die Zitate hatte, war zunächst unklar. Auch unserer Redaktion. Tatsächlich hatte RTL am 5. Juni mehrere kurze Video-Interviews mit dem 77-Jährigen geführt. Aber in keinem einzigen davon äußerte sich dieser auch nur entfernt zu Hamiltons Engagement für die BlackLivesMatter-Bewegung.

Warum wir erst nicht berichtet haben und jetzt doch

Weil Hamilton der Fake-News-Website (die an dieser Stelle bewusst nicht namentlich genannt wird) ohnehin schon den Traffic ihres Lebens beschert hatte, wollte unsere Redaktion die Story zunächst nicht zusätzlich befeuern, indem wir das Thema mit einer Veröffentlichung würdigen. Aufgrund zahlreicher Leseranfragen haben wir dann aber doch Kontakt zu den Beteiligten aufgenommen.

Marko berichtet am Telefon, dass ihn der "Aufreger" am Mittwoch gleich "vier Stunden" auf Trab gehalten hat. Losgetreten wurde die Angelegenheit aus seiner Perspektive mit einem Anruf von Vicky Lloyd, der Pressesprecherin von Red Bull Racing in Milton Keynes. "Sie hat mich gefragt, was ich in dem Interview wirklich gesagt habe", erinnert sich Marko.

Der Österreicher, während der Coronavirus-Pandemie viel bei der Waldarbeit und froh, dass es mit der Formel 1 bald wieder losgeht, war ob der Vorwürfe gegen ihn völlig perplex: "Ich wusste gar nicht, wovon sie spricht. Dann kam das alles ins Rollen. Ich bin aus allen Wolken gefallen." Und: Es sei ein "riesen Aufwand" gewesen, die Sache aus der Welt zu schaffen.

Von da an glühten die Telefone, "gleichzeitig bei mir, bei Red Bull und bei RTL", sagt Marko. RTL wurde gebeten, die Archive zu durchforsten, was er bei dem Interview wirklich gesagt hat, denn: "Ich kann mich ja auch nicht im Detail an jedes einzelne Interview erinnern, das ich irgendwann einmal gegeben habe", so der Red-Bull-Motorsportkonsulent.

Als klar war, dass die fragliche Plattform seine Zitate nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen oder schlampig übersetzt hatte, sondern dem ersten Anschein nach mehr oder weniger frei erfunden, "hat Horner dem Hamilton eine SMS geschickt", berichtet Marko. "Daraufhin hat der sein Posting gelöscht."

Interessant: Marko hat Hamiltons E-Mail-Adresse ...

Marko selbst schickte dem Mercedes-Superstar etwas später eine E-Mail, "auf die er auch geantwortet hat". Über den Inhalt der ausgetauschten E-Mails möchte der Österreicher nicht sprechen. Da er sagt, die Sache habe sich, was das betrifft, "in Wohlgefallen" aufgelöst, kann man davon ausgehen, dass sich Hamilton bei ihm entschuldigt hat.

Dass Marko im Internet für ein paar Stunden in die Rassismus-Ecke gestellt wurde, zeigt, wie gefährlich die Dynamik der angeblich "sozialen" Netzwerke sein kann. Hamilton macht er deswegen aber keinen Vorwurf: "Der ist da emotional stark involviert. Er ist als Rennfahrer ja nicht verpflichtet zu recherchieren, ob das stimmt oder nicht. Insofern ist seine Reaktion für mich verständlich."

Weniger Verständnis hat Marko für die Plattform, die die Fake-Zitate ursprünglich verbreitet hat: "Wir gehen jetzt rechtlich gegen die vor", kündigt er an. "Das war schon mühsam. Mir war nicht klar, was man da anrichten kann und wie schnell sowas geht. Man kann das als Beispiel dafür nehmen, dass eine allzu hysterische Betrachtungsweise der ganzen Sache nicht zuträglich ist."

Die Betreiber der Plattform haben den fraglichen Artikel inzwischen offline genommen und eine Entschuldigung an Marko und Red Bull veröffentlicht. Auf Anfrage von 'motorsport.com' erklärt der Betreiber: "Es war ein bedauerlicher Fehler von einem unserer Mitwirkenden. Für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigen wir uns aufrichtig."

Was passiert, wenn der Faktencheck ausgelassen wird

Auf unsere Anfrage hin klärt die Plattform auf: Einer der Hobby-Blogger, die dort normalerweise veröffentlichen, hat auf mindestens zwei Twitter-Accounts (Screenshots liegen unserer Redaktion vor) die angeblichen Marko-Zitate entdeckt - und nicht weiter nachgeprüft, ob diese nun wirklich stimmen oder nicht, sondern ohne Check übernommen und in einem Artikel veröffentlicht.

"Die Tweets und sogar die Twitter-Accounts wurden kurz nach der Veröffentlichung unseres Artikels gelöscht", behauptet der Betreiber. Als dann seitens Red Bull rechtliche Schritte angedroht wurden, waren die Fake-Zitate schnell gelöscht - bevor sich das Thema wie ein Lauffeuer auf weiteren semiprofessionellen Websites verbreiten konnte.

Auf den meisten professionellen Medienplattformen wurde über das Thema entweder gar nicht oder faktentreu berichtet. "Gott sei Dank recherchieren die meisten Journalisten, was wirklich Sache ist", lobt Marko. "RTL hat mir erzählt, dass sie vier Stunden lang mit Anfragen bombardiert wurden. Und als klar war, dass das Fake News sind, hat kaum jemand was darüber geschrieben."

Dass er stundenlang als Rassist beschimpft wurde, findet Marko nach dem Shitstorm "absurd". Er stellt klar: "Ich bin kein Rassist. Wir haben in unserem Team Mitarbeiter aus ich weiß nicht wie vielen Nationen. Das war schon in unserem Juniorprogramm immer so. Und in meinem Betrieb habe ich Mitarbeiter aus ungefähr 15 Nationalitäten und X Kontinenten."

Die BlackLivesMatter-Bewegung und Hamiltons Engagement dafür, unterstreicht er, "haben natürlich ihre Berechtigung". Das zu kritisieren, würde ihm nie einfallen. Was Marko zugegebenermaßen manchmal stört, ist übertriebene Political Correctness: "Wenn man schon gewisse Kunstwerke nicht mehr aufhängen darf, frage ich mich, ob das alles nicht manchmal übers Ziel hinausschießt ..."

Mit Bildmaterial von LAT.

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