So besorgniserregend ist Reus' Lage

Patrick Berger
Sport1

Marco Reus war sauer.

Der BVB-Kapitän wurde in der 64. Minute nach einem Zweikampf mit Kevin Vogt zu Fall gebracht. Der Pfiff des Schiedsrichters, den Reus erwartet hatte, blieb aber - zu Recht - aus. Und so rannte der Angreifer wild gestikulierend die 30 Meter in Richtung Guido Winkmann, um ihm die Meinung zu geigen. Der Unparteiische unterbrach daraufhin das Spiel und zeigte Reus die Gelbe Karte.

Nicht wenige böse Fan-Zungen behaupteten, dass der "Reklamiersprint" Reus' energischste und auffälligste Leistung an diesem denkwürdigen Pokal-Abend war.

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Marco Reus muss "rund vier Wochen" pausieren

Zum dritten Mal in Folge ist der Pokalsieger von 2017 im Achtelfinale ausgeschieden. Wie schon vor einem Jahr scheiterte Borussia Dortmund an Bremen. Und wie so oft in den vergangenen Monaten blieb Reus in einem wichtigen Spiel hinter seinen Erwartungen zurück.

Der nächste Rückschlag folgte am Tag nach der Pokal-Pleite: Wegen einer Muskelverletzung fällt Reus vorerst aus. Wie der BVB mitteilte, werde er erst "in rund vier Wochen wieder ins Training einsteigen können".


Wann genau Reus wieder auf dem Rasen stehen wird, ist fraglich. Definitiv ausfallen wird er jedenfalls in den wichtigen Spielen gegen Leverkusen an diesem Wochenende und gegen Paris (18. Februar). 

Doch schon vor seiner Verletzung warfen seine Leistungen nicht erst seit dem ernüchternden Pokalabend in Bremen eine Frage auf: Was ist nur mit Reus los?

Reus muss Lieblingsposition aufgeben

Im Vergleich zu seinen starken Leistungen im Vorjahr, insbesondere in der Hinrunde, kam Reus meist auf unliebsamer Position in der Spitze als falsche Neun zum Einsatz, durfte kaum mehr als Zehner ran.

Auch bei der 2:3-Pleite im Bremer Weserstadion spielte der Kapitän bis zur Einwechslung von Erling Haaland zu Beginn der zweiten Hälfte ganz vorne und ging mit seiner Mannschaft unter.


Reus' Körpersprache sprach gegen die abstiegsbedrohten Bremer Bände. Nach dem 0:2-Rückstand durch Leonardo Bittencourt in der 31. Minute, den Reus mit einer unglücklichen Abwehraktion eingeleitet hatte, ging sein Kopf nach unten. Reus schlurfte mit dem Ball unter dem Arm zum Mittelkreis.

Der Nationalspieler haderte zuletzt auffällig oft mit dem Schiedsrichter und mit sich selbst. Reus war - so ist aus seinem Umfeld zu hören - auch mit seinen eigenen Leistungen unzufrieden. Ihm fehlte hier und da die letzte Entschlossenheit.

Häufige Auswechslungen durch Favre

Dass er in Bremen kurz vor Schluss für Winter-Zugang Emre Can das Feld räumte, hing offenbar auch mit seiner Muskelverletzung zusammen. Doch insgesamt war es schon Reus' zehnte Auswechslung in dieser Saison. Erst am vergangenen Wochenende sorgte seine Reaktion auf seine vorzeitige Herausnahme beim Spiel gegen Union Berlin (5:0) für Wirbel.

Im gesamten Vorjahr kam Reus wettbewerbsübergreifend gerade mal auf sieben Auswechslungen. Seit dem 13. Spieltag stand der 30-Jährige in der Bundesliga nur in einem Spiel über die volle Distanz auf dem Platz, beim 3:3 gegen RB Leipzig.


Zuletzt zeigte seine Formkurve zwar in den Ligaspielen gegen Köln (5:1; ein Tor, ein Assist) und Union (5:0; ein Elfmeter-Tor) leicht nach oben. Doch wenn es, wie im Pokal gegen Bremen, drauf ankommt, ist der Familienvater derzeit nicht da.

SPORT1 hat Reus' Leistungen in den letzten elf Monaten in wichtigen Spielen zusammengefasst:

  • 5. März 2019: Beim 0:1 gegen Tottenham im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League zeigte Reus eine durchwachsene Leistung. Nach 74 Minuten war für ihn Schluss.

  • 6. April 2019: Beim 0:5 gegen die Bayern spielte Reus (im ungeliebten Sturmzentrum) durch und ging mit der gesamten Mannschaft unter.

  • 27. April 2019: Bei der 2:4-Klatsche im Derby gegen Schalke blieb Reus ohne Torbeteiligung und sah zu allem Überfluss nach einer üblen Grätsche gegen Schalkes Serdar nach einer Stunde die Rote Karte.

  • 17. September 2019: Beim 0:0 gegen den FC Barcelona zum Auftakt der Champions League legte Reus über 90 Minuten einen ordentlichen Auftritt hin, scheiterte allerdings per Elfmeter an Marc-André ter Stegen.

  • 9. November 2019: Beim 0:4 bei den Bayern kam Reus nach Verletzung beim Stand von 0:2 von der Bank.

  • 27. November: Beim 1:3 in Barcelona enttäuschte Reus über 90 Minuten.

  • 17. Dezember: Beim 3:3 gegen RB Leipzig spielte Reus 90 Minuten durch, ihm gelang ein Assist zum Tor von Jadon Sancho. Solider Auftritt.


Bezeichnend: Kurz vor Schluss hatte Reus in Bremen den 3:3-Ausgleich auf dem Fuß. Er wurde vom erst 17 Jahre alten Giovanni Reyna, neben Haaland ein belebendes Element, gut in Szene gesetzt, scheiterte aber mit einem unplatzierten Schuss an Torwart Jiri Pavlenka. "Wir hätten das 3:3 machen können", meinte auch Trainer Lucien Favre mit Blick auf diese Szene.

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Junge Spieler wie Sancho und Reyna machen es vor

Dass in einem K.o.-Spiel die Hoffnungen auf zwei 19-Jährigen (Haaland und Jadon Sancho) sowie einem 17-Jährigen (Reyna) ruhen, muss den Dortmunder Führungsspielern arg zu denken geben. Ob von den etablierten Spielern, wie etwa Reus, zu wenig kam, wurde Favre hinterher gefragt. "Die Jungen haben klar etwas gemacht", sagte der Schweizer: "Es wurde in der zweiten Halbzeit mit ihnen besser." 


Und Ersatzkeeper Marwin Hitz, der für Roman Bürki spielte, ergänzte: "Es ist sicher bedenklich, dass erst die Einwechselspieler für Schwung sorgen mussten."

Reus selbst wollte sich nach dem Pokal-Aus trotz mehrfacher Nachfrage nicht äußern.

Gegen Werder hatte Reus zwar eine Passquote von starken 90 Prozent, gewann aber nur die Hälfte seiner direkten Duelle. "Wir waren von Anfang an nicht in den Zweikämpfen drin", sagte Favre: "Dann bist du automatisch in Gefahr, ohne Balleroberungen kannst du in der Offensive nichts machen." 

Freilich wäre es unfair, die Pokal-Pleite lediglich an einem Spieler festzumachen. Auch von anderen Akteuren wie Mats Hummels, Achraf Hakimi, Nico Schulz oder Thorgan Hazard, allesamt Nationalspieler, kam viel zu wenig.

In den kommenden Wochen müssen sie den BVB ohne Marco Reus in die entscheidende Saisonphase führen. Dann wird sich zeigen, wie sehr der Kapitän seiner Mannschaft fehlen wird.

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