Warum Nagelsmann zum neuen Lattek werden kann

Johannes Fischer
·Lesedauer: 7 Min.
Warum Nagelsmann zum neuen Lattek werden kann
Warum Nagelsmann zum neuen Lattek werden kann

Julian Nagelsmann und der FC Bayern München - nach kurzen Verhandlungen fanden die beiden Parteien am Dienstag offiziell zueinander. 

Mit seinen 33 Jahren wird der gebürtige Bayer damit zum jüngsten Cheftrainer der Münchner, gleichzeitig tritt er in große Fußstapfen. Sein Vorgänger und (Noch-)Bayern-Coach Hansi Flick ist mit sechs Titeln in der vergangenen Spielzeit der erfolgreichste Coach der Klubgeschichte.

Doch nicht nur am Sextuple des 56-Jährigen dürfte Nagelsmann gemessen werden. Auch die Erfolge von Udo Lattek, Ottmar Hitzfeld, Jupp Heynckes und Pep Guardiola sollen den jungen Coach animieren, einen bleibenden Eindruck an der Säbener Straße zu hinterlassen.

Doch wie viel von Bayerns prägenden Trainerfiguren steckt in Nagelsmann? SPORT1 vergleicht die fünf Ikonen mit dem designierten Coach der Münchner.

30 PROZENT: UDO LATTEK (Bayern-Trainer von 1970 bis 1975 und 1983 bis 1987)

Unter dem späteren Doppelpass-Experten setzten die Münchner ihr erstes Ausrufezeichen in Europa und gewannen 1975 den Pokal der Landesmeister. Zwischen dem 2017 verstorbenen Kult-Trainer und dem Shootingstar aus Landsberg liegen zwei Generationen - und doch steckt bei näherer Betrachtung eine ganze Menge Lattek in Nagelsmann. 

MUNICH, GERMANY - AUGUST 01:  Udo Latteck 2012 (Photo by Nadine Rupp/Bongarts/Getty Images)
MUNICH, GERMANY - AUGUST 01: Udo Latteck 2012 (Photo by Nadine Rupp/Bongarts/Getty Images)

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Branko Zebec, der wie die meisten Trainer in dieser Zeit nicht viel Wert auf eine offene Kommunikation legte, nahm Lattek die Mannschaft bei seinen Entscheidungen mit und hatte stets ein offenes Ohr für seine Spieler.

Lattek brachte damit die Stars um Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß schnell auf seine Seite und leitete damit die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte ein. Damit war ein Vorreiter, seine Spieler in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

50 Jahre später hat sich in der Trainerausbildung diesbezüglich viel getan - und Latteks Ansatz hat sich längst zum Standard für seine Nachfolger entwickelt. Besonders für den eloquenten Nagelsmann gehört eine solche Herangehensweise zum Credo seiner Arbeit. 

Dass Lattek neue Wege bestritt, dürfte auch an seinem Alter gelegen haben - noch eine Parallele zu Nagelsmann. Mit 35 Jahren war der gebürtige Ostpreuße bei seinem Amtsantritt in München nur unwesentlich älter als der (Noch-)Leipzig-Coach im kommenden Juli. 

Zudem war Lattek taktisch hervorragend geschult und setzte in seinen fünf Jahren Maßstäbe an der Säbener Straße. Auch in diesem Punkt scheint es für Nagelsmann eine Berufung zu sein, in die Fußstapfen des Altmeisters zu treten.

5 PROZENT: OTTMAR HITZFELD (Bayern-Trainer von 1998 bis 2004 und 2007 bis 2008)

Der "General" prägte mit dem Rekordmeister eine Ära und holte unter anderem 2001 den ersten Champions-League-Titel für die Münchner.

Trotz seines martialischen Spitznamens führte Hitzfeld seine Mannschaften immer auf eine sehr menschliche Art. Wie bei Lattek gehörte auch für den heute 72-Jährigen die Kommunikation mit seinen Spielern zum A und O der Trainerausübung. 

(GERMANY OUT) Ottmar Hitzfeld neben Uli Hoeness (L) (Photo by Team 2 Sportphoto/ullstein bild via Getty Images)
(GERMANY OUT) Ottmar Hitzfeld neben Uli Hoeness (L) (Photo by Team 2 Sportphoto/ullstein bild via Getty Images)

"Das Einfühlungsvermögen Hitzfelds gehört zum Besten, was dieser Fußballfachmann vorzuweisen hat", schwärmte der damalige Manager von Grasshoppers Zürich, Erich Vogel, einmal von dem gebürtigen Lörracher. Hitzfeld selbst sagte nach Flicks Triple-Triumph im vergangenen Jahr in der Bild: "Vielleicht ist die Menschenführung speziell bei Spitzenmannschaften am wichtigsten, die Spieler zu vereinen. Das macht Flick bravourös."

Ob Nagelsmann den Umgang mit den Superstars auf eine ähnliche Weise hinbekommt, muss sich erst noch zeigen. Als "Spielerflüsterer", wie es auch Jupp Heynckes einer war, ist eine Portion Gelassenheit, die oft mit zunehmendem Lebensalter einhergeht, vonnöten. 

Eine Parallele zwischen Hitzfeld und Nagelsmann ist bereits jetzt feststellbar - auch wenn sie durch den Wechsel des 33-Jährigen nach München scheinbar konterkariert wurde: Die Vereinstreue.

Nagelsmann sei ein guter Trainer, sagte Hitzfeld 2019, "aber ich finde es generell wichtig, Verträge einzuhalten. Man hat ja auch dem Verein viel zu verdanken." Damals ging es um einen möglichen Wechsel Nagelsmanns von Hoffenheim nach Dortmund - damals widerstand der jüngste Trainer der Bundesligageschichte.

Dass Nagelsmann nun zum ersten Mal einen Vertrag nicht erfüllte, liegt an den besonderen Umständen. Man darf ihm glauben, dass er RB Leipzig bei einem Veto des Vereins nicht verlassen hätte.

20 PROZENT: Jupp Heynckes (Bayern-Trainer von 1987 bis 1991, 2009, 2011 bis 2013 und 2017 bis 2018)

Die womöglich prägendste Trainerfigur in der ruhmreichen Geschichte der Münchner hinterließ erst auf der dritten und vierten Station an der Isar tiefe Fußspuren. Da gelang es ihm dank der nötigen Erfahrung und Gelassenheit, seine Stars zu einer echten Einheit zu schwören und 2013 das erste Triple der Vereinsgeschichte zu holen. 

In diesen Sphären eines Erfolgstrainers kann Nagelsmann noch gar nicht sein - dafür fehlt ihm mit 33 Jahren einfach noch die Lebenserfahrung.

Jupp Heynckes im Mai 2018  (Photo by TF-Images/Getty Images)
Jupp Heynckes im Mai 2018 (Photo by TF-Images/Getty Images)

Im Jahr 2017 trafen Heynckes und sein junger Kollege beim Spiel der Bayern gegen Hoffenheim aufeinander - mit 42 Jahren war es die größte Altersdifferenz zwischen zwei Trainern in der Bundesligageschichte. 

"Jetzt darf ich Jupp sagen. Vorm Spiel habe ich ihn noch gesiezt", berichtete Nagelsmann nach einem 5:2-Sieg der Münchner ehrfurchtsvoll. Allerdings hatte der Unterlegene mächtig Eindruck gemacht, was Thomas Müller folgende Bemerkung entlockte: "Sie spielen flach am Boden, laufen sehr viel in die Zwischenräume, das ist Fußball, wie ich ihn mag."

Einer, der Nagelsmann bereits aus seiner Zeit bei der TSG kennt, ist Niklas Süle. Der heutige Bayern-Star verglich die beiden Trainer ebenfalls am Rande des damaligen 5:2-Sieges: "Herr Heynckes strahlt eine unglaubliche Selbstsicherheit aus. Julian ist noch ein bisschen verspielt."

Nagelsmann hat nun vier Bundesligajahre mehr auf dem Buckel und sich ein (noch) größeres Selbstvertrauen erarbeitet.

30 PROZENT: Pep Guardiola (Bayern-Trainer von 2013 bis 2016)

Auch wenn der Triumph in der Champions League ausblieb, so prägte der katalanische Star-Trainer den FC Bayern taktisch wie kein anderer Übungsleiter vor ihm. 

Am heutigen Manchester-City-Coach orientiert sich Nagelsmann am meisten - die beiden pflegen sogar seit Jahren ein enges Verhältnis. "Pep ist der Einzige, den ich auch mal inhaltlich fragen kann, wie er etwas sieht", offenbarte Nagelsmann im Februar 2020 in der Sport Bild.

Dafür schicke er Guardiola des Öfteren Spielszenen von RB aufs Handy und lege seinen Lösungsansatz dar. "Dann antwortet er ehrlich und wir diskutieren. Das findet man sehr selten, und das ist sehr viel wert. Gerade bei Pep, weil er offensiv so viele Dinge anders macht, als es klassisch gelöst werden würde."

Guardiola selbst hatte schon früh eine hohe Meinung von seinem deutschen Kollegen. "Er ist ein Top-Trainer", sagte der Spanier, als er vor zwei Jahren mit City in der Champions League auf Hoffenheim traf. "Nächste Saison trainiert er Leipzig. Dort wird er um die Meisterschaft spielen. Das wird nicht einfach, weil Bayern immer das beste Team ist. Ich wünsche ihm viel Erfolg."

15 PROZENT: Hansi Flick (Bayern-Trainer von 2019 bis 2021)

Trotz seiner relativ kurzen Verweildauer muss auch Flick als prägende Trainerfigur des FC Bayern aufgeführt werden - dafür sind seine Erfolge in der vergangenen Saison zu groß.

Der scheidende Bayern-Coach vereint viele Eigenschaften seiner erfolgreichen Vorgänger. Auch Flick ist ein Menschenfänger wie Heynckes und Hitzfeld und brachte nach den turbulenten Tagen rund um die Entlassung von Niko Kovac die Mannschaft im Handumdrehen wieder auf Kurs.

Zudem überzeugte der 56-Jährige mit seiner taktischen Arbeit, ohne die er das Triple niemals gewonnen hätte. In diesem Bereich müssen sich die Bayern-Bosse auch künftig keine Sorgen machen - schließlich gilt Nagelsmann als ausgewiesener Experte.

Mit RB Leipzig hat der neue Bayern-Coach auch schon bewiesen, dass er eine Top-Mannschaft führen kann. Ob er trotz seines jungen Alters auch zum Flüsterer der Bayern-Stars wird, muss er aber erst noch beweisen.