Sportarzt: Nur so kann der Turbo-Endspurt gelingen

Nadine Münch
Sport1

Durch die Coronakrise ruht der Spielbetrieb in den europäischen Topligen bis auf Weiteres.

Die Bundesliga setzt mindestens bis zum 30. April aus, wie das DFL-Präsidium am Dienstag verkündete. Den Beschluss muss die Mitgliederversammlung am 31. März zwar noch bestätigen, allerdings gilt er als sicher.

Um rechtliche und vertragliche Probleme - wie etwa auslaufende Spielerverträge - zu umgehen, wollen viele Klubs die Saison unbedingt bis zum 30. Juni zu Ende spielen.

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Das kann die Spieler allerdings an ihre gesundheitlichen Grenzen bringen, denn viele Mannschaften haben in diesem kurzen Zeitraum noch extrem viele Spiele zu absolvieren.


Turbo-Spielplan zu gefährlich für Spieler?

Insgesamt stehen noch acht Bundesliga-Spieltage, zwei Pokal-Runden, bis zu sechs Partien in Champions League und Europa League sowie Relegationsspiele an, die Terminnot ist enorm.

Spiele im Drei-Tage-Rhythmus sind schon jetzt unumgänglich, will man die Spielzeit tatsächlich Ende Juni zu Ende gebracht haben.

Doch ist das noch verkraftbar für den Körper und die Gesundheit der Spieler?


Rhythmus nicht kürzer als drei Tage

"Aus sportmedizinischer Sicht habe ich keinerlei Bedenken, dass der Spielbetrieb ganz unproblematisch wieder aufgenommen werden kann, auch wenn wir praktisch permanent englische Wochen haben", erklärt Sportmediziner Dr. Michael Lehnert im Interview mit SPORT1.

Lehnert war Mannschaftsarzt des Frauen-Teams vom VfL Wolfsburg und zeichnet seit Jahren für die ärztliche Betreuung der Bundesliga-Mannschaft von Turbine Potsdam verantwortlich.

Kürzer als drei Tage dürfe der Rhythmus allerdings auf keinen Fall sein, betont der Mediziner. "Dann wird es wirklich gefährlich für die Gesundheit. Dann ist die Muskulatur zu stark beansprucht und ermüdet, es kommt erstens zu Muskelverletzungen und zweitens ist das vordere Kreuzband stark gefährdet."

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Drei Maßnahmen zur Belastungssteuerung

Allerdings müssen für den erfolgreichen Umgang mit der hohen Spielbelastung bestimmte Maßnahmen eingehalten werden. Er legt den Vereinen eine Belastungssteuerung durch Rotation ans Herz.

"Die Vereine haben ausreichend große Kader, um vernünftig durchzuwechseln. Dadurch wird es möglicherweise eine Qualitätsverschiebung der Spiele geben, die Vereine müssen aus sportmedizinischer und sportlicher Sicht klare Prioritäten setzen", sagt Lehnert.

Das bedeutet: Wenn es um richtig viel geht, wie beispielsweise um Titel oder gegen den Abstieg, werden die Vereine mit der absoluten Top-Elf spielen, die zur Verfügung steht. Ansonsten muss auch zwingend auf Spieler der zweiten Garde vertraut und gesetzt werden.

Regenerationszeiten sinnvoll nutzen

Neben der Rotation müssen die Regenerationszeiten für die Spieler sinnvoll genutzt werden, dann "ist es von der körperlichen Belastung her absolut machbar".

"Die Spieler sind in der spielfreien Phasen dermaßen optimal betreut. In den medizinischen Abteilungen der Vereine arbeiten so viele Physiotherapeuten. Man sollte sich besonders um die Rumpf- und Beinmuskulatur kümmern. Das geht zum Beispiel über bekannte Maßnahmen wie Eistonne, Massagen und Elektrotherapie", rät Lehnert.


Auch die Belastungssteuerung im Training muss laut Lehnert angepasst werden. "In der Trainingsgestaltung darf man nicht den Fehler machen, während dieser hohen Spielbelastung zu versuchen, muskuläre oder konditionelle Einheiten mit einzubauen, die den Körper noch mehr fordern", erklärt der Sportmediziner: "In solchen Wochen sollte man viel Wert auf Spielformen legen anstelle von Sprints und Kondition."

Verletzungsanfälligkeit nach Pause geringer

Dazu bringt die aktuelle Spielbetriebs-Zwangspause einen Vorteil mit sich: Die Verletzungsanfälligkeit ist nach Pausen oft geringer, weil die Muskulatur nicht dem permanenten Wettkampfmodus ausgesetzt ist.

"Die Spieler können sich gerade um die Dinge kümmern, die sie sonst vernachlässigt haben. Durch die fehlende Spielbelastung kann vor allem das individuelle Training der Spieler vielmehr auf deren Schwachpunkte konzentriert werden", erklärt Lehnert: "Bestimmte muskuläre Schwächen können aktuell viel besser ausgeglichen werden und dadurch auch verletzungsresistenter gemacht werden."

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