Spielerfrau-Spott und Tuchel-Druck: Läuft Werners Zeit bald ab?

Maximilian Lotz
·Lesedauer: 4 Min.
Spielerfrau-Spott und Tuchel-Druck: Läuft Werners Zeit bald ab?
Spielerfrau-Spott und Tuchel-Druck: Läuft Werners Zeit bald ab?

Timo Werner riss die Arme nach oben. Aber nicht zum Jubeln, sondern aus Fassungslosigkeit fasste sich der Nationalspieler in Diensten des FC Chelsea an den Kopf.

Mit gesenktem Haupt und hängenden Schultern trottete er aus dem Strafraum, rätselte über seinen Fehlschuss. Schließlich schien alles nur noch Formsache: Christian Pulisic legte eine abgefälschte Flanke von Mason Mount per Kopf quer zu Werner, der am Fünfmeterraum lauerte.

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Werner-Fehlschuss weckt Erinnerungen

Doch anstatt die Blues im Halbfinal-Hinspiel der Champions League bei Real Madrid früh in Front zu schießen, landete Werners Direktabnahme am rechten Fuß von Thibaut Courtois. (Das Spiel zum Nachlesen im Ticker)

Die Szene weckte Erinnerungen an Werners Fehlschuss im Nationaltrikot bei der peinlichen 1:2-Pleite in der WM-Qualifikation gegen Nordmazedonien im Ende März. Auch im Trikot der Blues ist der 25-Jährige bislang noch nicht als Torjäger in Erscheinung getreten.

Silvas Frau spottet

Noch schlimmer: die Frau seines Mitspielers Thiago Silva spottete am Dienstagabend auf Instagram. Belle Silva hält selten mit ihrer Meinung hinter dem Berg, die vergebenen Chancen Werners kommentierte sie in zwei Videos wie folgt: "Das ist Karma Leute, Bei jedem neuen Team gibt es einen Stürmer, der keine Tore schießt. Dieser Werner - wie heißt der?", schrieb Silva und benutzte offenbar den Ausdruck "verme", der auf portugiesisch "Wurm" bedeutet.

Das Wiedersehen im Training zwischen Werner und Thiago Silva könnte komisch werden. Immerhin hatte Werner am Wochenende beim 1:0-Sieg bei West Ham United das goldene Tor erzielt. Es war sein erstes Tor seit Mitte Februar und sein sechstes in der Premier League. Allerdings vergab er auch im weiteren Verlauf der Partie am Samstag noch eine Riesenchance.

Tuchel erhöht Druck

Cheftrainer Thomas Tuchel, der Werner bisher stützte, war nach dem Remis bei Realmerklich frustriert: "Er hat eine große Chance gegen West Ham liegenlassen und wieder eine große hier, das ist nicht hilfreich. Heute sind wir traurig und sauer, morgen ist frei und übermorgen muss er sein Kinn hochnehmen. Wenn du im nächsten Spiel triffst, sagt keiner mehr etwas."

Damit setzt er Werner aber auch unter Druck. Ex-Bayern-Spieler Owen Hargreaves sagte bei Sky UK, dass die letzten Wochen der Saison gerade für Werner extrem wichtig werden. "Ihm fehlt Selbstvertrauen. 31 Spiele und sechs Tore, in Deutschland war es eins pro Spiel. Er hat jetzt noch fünf Spiele, die sind sehr wichtig für ihn. Wenn er diese Chancen weiter verpasst, holt Chelsea im Sommer einen großen Namen", sagt der heutige TV-Experte. Der Name Erling Haaland schwirrt auch durch London.

Matthäus glaubt an Werner

"Das Schlimmste ist, wenn du das in deinem Kopf speicherst. Das muss raus", analysierte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus in seiner Funktion bei Sky.

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Er riet dem früheren Leipziger: "Wichtig ist, dass er nicht an sich selbst zweifelt nach solchen vergebenen Chancen. Sondern dass er sagt: 'Okay, die nächste mache ich rein!' Und die macht er dann auch irgendwann rein und dann platzt auch der Knoten."

Das Bemühen ist Werner nicht abzusprechen. Beim 1:1 in Madrid war er mit vier Torschüssen, zwei davon auf den Kasten, der abschlussfreudigste Spieler seines Teams. Auch am Führungstor von Christian Pulisic (14.), das Karim Benzema (29.) egalisierte, hatte Werner mit einem klugen Laufweg, der dem Schützen den Weg freimachte, seinen Anteil. (Spielplan und Ergebnisse der Champions League)

Werner mit erschreckender Bilanz vor dem Tor

Doch als Werner nach 66 Minuten das Feld für Kai Havertz räumte, ließ sich seine Leistung mit einem Wort zusammenfassen: glücklos. Das Statistikportal Squawka hat errechnet, dass Werner von allen Premier-League-Spielern die meisten Großchancen vergeben hat. In der Liga und in der Champions League verwertete er von seinen 29 "Hundertprozentigen" nur acht, die übrigen 21 Mal scheiterte er.

"Er darf nicht lange darüber nachdenken, was er falsch gemacht hat. Er muss einfach versuchen, es besser zu machen", sagte Matthäus und hatte einen weiteren Tipp parat: "Er muss sich die positiven Dinge reinziehen, im Training vielleicht mal die Bälle ohne Torwart ins Tor spielen, dass er Sicherheit bekommt."

Werner müsse "den Moment einfangen", hatte Tuchel nach Werners Treffer am Wochenende gesagt. "Er muss weiter Tore schießen. Er ist ziemlich oft an unseren Toren beteiligt, mit Fouls im Strafraum oder Assists, aber nichts hilft mehr als ein entscheidendes Tor."

Die große Chance, gleich nachzulegen und weiter Selbstvertrauen zu tanken, hat Werner am Dienstag verpasst. Ein Stürmer werde eben an Toren gemessen, führte Matthäus eine vielzitierte Weisheit an und meinte abschließend: "Werner sucht noch ein bisschen sich selbst bei Chelsea."

Findet er sich nicht bald, könnte seine Chelsea-Zukunft sehr schnell Vergangenheit sein.