Startet Brandt jetzt doch noch durch?

Lukas von Hoyer
·Lesedauer: 5 Min.
Startet Brandt jetzt doch noch durch?
Startet Brandt jetzt doch noch durch?

Es ist nicht so lange her, da schien sogar die Möglichkeit zu bestehen, dass Julian Brandt in der Rückrunde nicht mehr im Trikot von Borussia Dortmund auf dem Rasen stehen könnte.

Anfang Januar diskutierte man rund um das Trainingsgelände in Dortmund-Brackel über das Interesse des FC Arsenal. Tatsächlich hatten die Gunners nach SPORT1-Informationen lose angeklopft, allerdings nie ein konkretes Angebot vorgelegt. Brandt selbst hatte einen Winterwechsel ausgeschlossen. Klar war aber, dass er sich deutlich steigern müsse, wenn es im Sommer nicht doch schwer nach Abschied aussehen soll. (SERVICE: Alles zum Transfermarkt im Transferticker)

Vor dem Start ins Jahr 2021 hatte der Offensivspieler in der laufenden Saison nur bei zehn von 22 Pflichtspielen in der Startformation gestanden, nur zwei davon hatte er über die vollen 90 Spielminuten absolviert - und dabei die gleiche Anzahl an Torbeteiligungen beigesteuert.

Enorm dünn für einen Akteur, der im Sommer 2019 für 25 Millionen Euro von Bayer Leverkusen kam und zu dieser Zeit als echtes Schnäppchen gefeiert wurde. (SERVICE: Alles zur Bundesliga)

DAZN gratis testen und die Freitags- und Montagsspiele der Bundesliga live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Brandt bei BVB und DFB in der Kritik

Auch in der Nationalelf wird es so langsam eng, hieß es daher Anfang des Jahres. (ANALYSE: Wer fliegt aus Löws EM-Kader?)

"Er muss die nächste Hürde überspringen", machte Bundestrainer Joachim Löw klar. Die Teilnahme an der Europameisterschaft ist also in Gefahr.

Jetzt - gut zwei Monate später - könnte sich das Blatt allerdings wenden. (SERVICE: Ergebnisse und Spielplan Bundesliga)

Werde Deutschlands Tippkönig! Jetzt zum SPORT1 Tippspiel anmelden

Brandt mit entscheidendem Tor gegen Hertha

Am Samstagabend stand Brandt gegen Hertha BSC in der ersten Elf von Edin Terzic - wie so oft unter dem Interimscoach in den letzten Wochen. Der 24-Jährige agierte auf der Zehn, seiner Lieblingsposition. Und er machte seine Sache gut. (SERVICE: Tabelle der Bundesliga)

In der 54. Spielminute fasste sich Brandt ein Herz und zog aus knapp 30 Metern einfach mal ab. Der Distanzschuss, der mit knapp 100 km/h auf das Tor kam, flatterte und Hertha-Keeper Rune Jarstein griff daneben. Das wichtige 1:0, welches sich beim 2:0-Sieg als entscheidender Treffer herausstellte.

"Es kann sein, dass der Wind eine entscheidende Rolle gespielt hat", sagte Torschütze Brandt nach dem Abpfiff bei Sky. "Ich bin ehrlich: Ich habe mich erschrocken, dass er reingegangen ist." Eine gewohnt ehrliche Aussage, die viel über seinen Charakter verrät.

Eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Tores hatte aber mit Sicherheit Brandt selbst gespielt, der den Angriff noch an der Mittellinie eingeleitet hatte. Egal wie, für den offensiven Mittelfeldspieler war es erst der zweite Bundesliga-Treffer in dieser Spielzeit - und ein ganz wichtiger. Den ersten hatte er am 19. Januar beim 1:2 gegen Ex-Klub Leverkusen erzielt.

Wie wichtig, das war auch an Brandt ungewöhnlich emotionalen Jubel zu sehen. Vielleicht ein Fingerzeig zu mehr Power, die er nun auf dem Rasen versprühen könnte.

Ist Brandt auf der richtigen Position angekommen?

Seine auch neben des Tores starke Leistung gegen Hertha dürfte ein Empfehlungsschreiben für weitere Einsätze auf der Zehn gewesen sein.

Es ist kein Geheimnis, dass Brandt sich dort am wohlsten fühlt. Defensiv und im Zweikampfverhalten hat er hingegen seine Probleme, weswegen er bei Lucien Favre auch einen enorm schweren Stand hatte.

"Das erste Jahr war schon schwierig, das gebe ich offen zu. Ich war auf vielen verschiedenen Positionen unterwegs, was nicht einfach ist", hatte Brandt vor Saisonbeginn im SPORT1-Interview gesagt. So wirklich geändert hat sich das nicht - bis jetzt.

Denn unter Terzic könnte das nun anders aussehen. Der junge Trainer scheint Brandt Vertrauen als Spielmacher zu schenken und der Nationalspieler zahlt dieses immer mehr zurück. Zwar lief Brandt auch unter Terzic als Linksaußen und Rechtsaußen auf, nun häufen sich aber die Einsätze in der Zentrale.

Kann Brandt nun zum ersten Mal seit seinem Wechsel zur Borussia dauerhaft überzeugen? Gelingt ihm der Durchbruch?

Der Phlegmatiker muss liefern

Gut möglich, denn Brandt ist nun unter Leistungsdruck - und spielt jetzt eben auch um seine Zukunft.

Zum einen will er unbedingt zur Europameisterschaft und außerdem will er sich nun in der Stammformation der Borussen etablieren. Brandt weiß, dass die nächsten Wochen auch gleichzeitig den Charakter einer letzten Chance haben - für beide Ziele. Im Sommer wird man sich in Dortmund dann zusammensetzen und die Situation neu bewerten. Ein Transfer ist dann nicht ausgeschlossen.

In Sachen DFB-Elf wird Brandt wohl noch kurzfristiger liefern müssen. Noch-Bundestrainer Joachim Löw wird sein Aufgebot für die EM vor der Sommerpause benennen.

Derzeit dürfte Brandt nicht die besten Chancen auf einen Platz im Kader haben, eine anhaltende Leistungsexplosion könnte Löw aber umdenken lassen.

Fakt ist, dass Brandt nicht nur einmal wegen seinen teilweise lethargisch wirkenden Zweikämpfen angezählt und nicht nur einmal wurde ihm mangelnder Biss oder sogar mangelnde Einstellung vorgeworfen.

Fakt ist auch, dass Brandt teilweise als Phlegmatiker rüberkommt. Er ist ein ruhiger Vertreter seiner Zunft, der wegen seines großen Talents schon mit 17 Jahren sein Bundesliga-Debüt gab - und nicht wegen seiner Körperlichkeit oder seinem unbedingten Willen.

Wenn er bei der Europameisterschaft mitspielen und in Dortmund bleiben will, dann muss er jetzt Woche für Woche liefern und vielleicht auch seine Emotionalität im Schlussspurt der Saison hochhalten. Denn für Dortmund geht es um die Qualifikation für die Champions League.

Da wird Brandt nur in der Startelf stehen, wenn Terzic das Feuer in den Augen des Phlegmatikers sieht.