Steinhaus: So habe ich Guardiola die Grenzen aufgezeigt

Christian Paschwitz
·Lesedauer: 4 Min.

Für manchen wurde der Klamauk mit dem frechen Franzosen zum Kult, auf jeden Fall sorgt er bis heute für Gesprächsstoff:

Es ist der 12. August 2017, erstmals in ihrer Karriere pfeift Bibiana Steinhaus den FC Bayern. Im DFB-Pokal-Spiel gegen den Chemnitzer FC erlaubt sich Franck Ribéry mit der Schiedsrichterin dann einen Scherz, der danach eine Bewertung zwischen lustig bis hin zu sexistisch erfährt.

Als der FCB-Filou sich den Ball zurechtlegt, löst er kurzerhand den Schnürsenkel der Unparteiischen.

Steinhaus reagiert souverän, revanchiert sich mit zwei leichten Schlägen in die Rippen und lässt den Freistoß ausführen - den Ribéry dann kurioserweise auch zum 4:0-Endstand verwandelt.

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Doch hätte er das auch bei einem männlichen Schiedsrichter gemacht, fragten sich damals echauffierte Empörungszirkel.

Ribéry und der Schnürsenkel von Steinhaus

Im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 beschrieb Steinhaus nun, wie sie die Sache seinerzeit und rückwirkend empfunden hat. "Er war so freundlich und hat da Unterstützung geleistet", so die 41-Jährige entspannt. "Das war kurz vor meinem Bundesliga-Debüt, und wir alle kennen doch Franck Ribéry und seinen Humor - für mich war das eher eine Willkommensgeste."

"Man darf gewissen Dingen und Personen auch nicht zu viel Beachtung und Raum schenken", fügte Steinhaus an, "um es nicht noch aufzuwerten."

Auf jeden Fall erlebte die Polizistin die Begebenheit mit Ribéry nicht als Affront, weil sie eine Frau ist.

Kürzlich erst hat Steinhaus ihre Karriere als Schiedsrichterin auf dem Platz beendet, "weil es der richtige Zeitpunkt war", wie sie dazu nun verriet, "es fühlt sich richtig an."

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Doch zurück zur Vergangenheit und Ribéry, der bei dem ersten weiblichen Referee im deutschen Herren-Profifußball körperlich zumindest nicht immer so ganz distanzlos auftrat.

Ein Umstand in der Geschlechter-Debatte, den zu betonen Michael Horeni im CHECK24 Doppelpass wichtig war: "Antatschen und so, das kann ja nun nicht sein", meinte der Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Ob das nun Ribéry ist oder Pep Guardiola. Keiner von den beiden hätte das mit einem männlichen Schiedsrichter gemacht."

Guardiola wird körperlich bei Steinhaus

Zur Erinnerung: Auch mit dem früheren Bayern-Trainer hatte Steinhaus einst eine recht persönliche Begegnung gehabt.

Im September 2015 im Topduell zwischen den Münchnern und Borussia Mönchengladbach (0:0) beackert der Spanier die damals als Schiedsrichter-Assistentin fungierende Steinhaus wegen seiner Meinung nach zu geringer Nachspielzeit, verlässt seine Coaching Zone.

"Herr Guardiola hatte Diskussionsbedarf, wir waren da nicht einer Meinung und es gilt dann eben auch mal, gewisse Dinge abzumoderieren", erklärte Steinhaus jetzt: "Um zu signalisieren, dass man irgendwann nicht mehr gesprächsbereit ist."

Was Steinhaus nun versöhnlich und souverän resümierte, wirkte seinerzeit anders auf den TV-Bildern, auf denen Guardiola verächtlich nach der Hand der damals 35-Jährigen greift, sie höhnisch schüttelt. Auch als der Bayern-Trainer wenig später wieder zu ihr läuft und ihr seinen Arm auf die Schulter legt, befreit sich Steinhaus.

Wie auch immer: "Er ist dann auch aber wieder ganz brav zurückgegangen, völlig unproblematisch", berichtet die 41-Jährige heute.

Reif lobt Steinhaus' Abgeklärtheit

Marcel Reif zeigte sich von so viel Abgeklärtheit angetan: "Das ist eine Spielleitung im Sinne des Fußballs. Das sehe ich gern im Umgang mit jemandem, der aus seiner Männlichkeit im Leben nie ein Geheimnis gemacht hat."

"Deshalb ist es auch so wichtig, dann Signale zu senden", präzisierte Steinhaus, "und zu sagen: Wir haben das alle gesehen und hingenommen - aber das wird kein zweites Mal passieren."

So klar machte Steinhaus, die mit dem früheren englischen Top-Schiedsrichter Howard Webb liierte ist, auch den Schnitt, sich vorzeitigen vom Fußballplatz zurückzuziehen. Ihr sei wichtig gewesen, "dass ich selbstbestimmt entscheide, wie ich meine Zukunft gestalten möchte."

Steinhaus hat jedenfalls Fußball-Geschichte geschrieben, war seit 2017 als bislang einzige Frau in der Bundesliga aktiv. Zehn Jahre zuvor hatte sie in der zweiten Bundesliga debütiert, wurde gleich sechsmal "Schiedsrichterin des Jahres" und viermal "Weltschiedsrichterin des Jahres", ehe sie Ende September mit dem Supercup-Duell zwischen den Bayern und Borussia Dortmund (3:2) ihr letztes Spiel leitete.

Rangnick: Brauchen noch viel mehr Bibiana Steinhaus

Eine Laufbahn, vor der auch Ralf Rangnick bei SPORT1 den Hut zog. "Sie war immer sachlich und klar. In der Männer-Domäne Fußball muss man konstatieren: Da sind zu viele männliche Geschlechtshormone unterwegs, da rasselt man manchmal aneinander", so der frühere Bundesliga-Coach und Sportdirektor.

"Dem deutschen Fußball würde es sehr, sehr gut tun, wenn es noch viel mehr Frauen wie Bibiana Steinhaus in Zukunft geben würde. Sei es als Schiedsrichterin oder sei es auch in verschiedenen Bereichen in der Führung von Fußballklubs", ergänzte Rangnick.

Immerhin: Steinhaus wird weiterhin als Videoassistentin für den Deutschen Fußball-Bund arbeiten, dem Schiedsrichterwesen somit aus anderer Perspektive verbunden bleiben.

Im Kölner Keller kann ihr dann so schnell auch niemand den Schürsenkel lösen...