Die Stilikone, die Italien wieder träumen lässt

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Die Stilikone, die Italien wieder träumen lässt
Die Stilikone, die Italien wieder träumen lässt

Als Roberto Mancini mit seinem marmorgrauen Sakko das Olympiastadion in Rom zum Eröffnungsspiel betrat, hätte er auch auf dem Weg zu einer Fashionshow in Mailand sein können.

Die Krawatte saß, als würde sie untrennbar zu dem Erscheinungsbild des Trainers dazugehören, der Blick tiefgründig und doch feurig. "Wie ein Prada-Model", befand die deutsche Tennisspielerin Andrea Petkovic auf Twitter. Mit dieser Meinung ist sie nicht alleine.

Mancini ist ohne Zweifel die Stilikone dieser Europameisterschaft. Die Sun hatte den Italiener sogar mal auf einer Doppelseite als Model präsentiert.

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Mancini: Wortgewandt und gut gekleidet

Beim Eröffnungsspiel war Mancini allerdings in seiner Rolle als Erfolgscoach der italienischen Nationalmannschaft vor Ort. Das 3:0 gegen die Türkei war beeindruckend, noch beeindruckender war am Mittwochabend der 3:0-Erfolg gegen die Schweiz. Der 56-Jährige gibt dem fußballverrückten Land Hoffnung auf den ganz großen Wurf.

"Dieser Sieg ist für alle Italiener", sagte Mancini nach dem Erfolg gegen die Schweiz und bewies einmal mehr: Er kann sich nicht nur gut kleiden, sondern findet auch oft die richtigen Worte - gerne voller Emotionen, mit teils philosophischem Inhalt und jeder Menge Nationalpathos. So hatte er schon vor dem Turnier die Italiener auf die Seite der Nationalmannschaft gezogen, die ihnen zuletzt wenig Freude gemacht hat.

"Wir gehen an den Start, um den EM-Titel zu holen, der uns seit 1968 fehlt. Der Titel könnte eine Wiedergeburt für den Fußball und für das ganze Land sein. Es ist Zeit, den Leuten ein Lächeln zu schenken", hatte Mancini da gesagt. Vor dem Turnierstart hatte er sogar einen offenen Brief geschrieben: "Vereint unter einem einzigen blauen Himmel ... spielen wir mit der Verantwortung, eines der stärksten und schönsten Länder der Welt zu repräsentieren. Wir wollen Spaß haben".

Wenige Tage danach liegt ihm sein Heimatland endgültig zu Füßen. Und dass, obwohl der Coach der "Nazionale" völlig untypischen Fußball für eine italienische Nationalmannschaft spielen lässt.

Mancini führt Italien zur "magischen Nacht"

Tatsächlich steht Mancini für die Wiedergeburt des italienischen Fußballs - allerdings mit einer gänzlich neuen Ausrichtung. Den klassischen Catenaccio gibt es unter ihm nicht mehr. Stattdessen attraktiven Offensivfußball. Und mit diesem ist Italien enorm erfolgreich.

Nachdem sich die Italiener 2018 noch nicht einmal für die Weltmeisterschaft in Russland qualifizieren konnten, war in Italien von einer "Nationalelf in Trümmern" oder sogar einer "Apokalypse" geschrieben worden. Nach dem Erfolg gegen die Schweiz hingegen von einer "notti magiche" - einer magischen Nacht. So schnell kann es gehen.

Seit Mancini 2018 übernahm, hat er einen Umbruch eingeleitet und mittlerweile erfolgreich durchgeführt. Italien hat die letzten 14 Spiele allesamt gewonnen, acht davon ohne Gegentor. Die Squadra Azzurra ist zudem seit unglaublichen 28 Spielen ungeschlagen und damit nur noch zwei Partien von der Serie der Trainer-Legende Vittorio Pozzo, der mit den Italienern 1934 und 1938 Weltmeister wurde, entfernt.

Der Hauptgrund für diesen rasanten Wandel - da sind sich Fußball-Fans und -Experten in Italien einig - ist der erfahrene Trainer, der sein komplettes Berufsleben dem Fußball widmete.

Inbegriff des Dolce Vita

Mancini ist als Sohn eines Schreiners in einem unscheinbaren Bergdorf in den Marken geboren. Mit 13 verließ er seine Heimat unfreiwillig und wurde ins Nachwuchsinternat des FC Bologna gesteckt. Er heckte regelmäßig Fluchtpläne aus, aber blieb, bis er 16 Jahre alt war. Dann begann die große Karriere des "Mancio".

Mancio bedeutet so viel wie "Haken". Der Spitzname beschrieb den Spielstil des talentierten Jugendlichen. Später wurde er als "Fantasista" bezeichnet - als Freigeist auf dem Platz. Als kreativer Zehner, als Magier auf dem Rasen. In dieser Rolle verzauberte er den italienischen Fußball. Technisch stark, immer mit einer Idee, frech im Zweikampf und ohne jede Furcht.

Als der Offensivspieler 19 war, fuhr er mit den Italienern erstmals zur Weltmeisterschaft. 1984 war das in den Vereinigten Staaten - Italien reiste als Titelverteidiger an. In New York bekam Mancini dann den wohl größten Anschiss seiner Karriere.

Mit Teamkollegen besuchte er das legendäre Studio 54 in New York und blieb dort bis in die Morgenstunden. Als der junge Mann zurückkam, wartete Weltmeistertrainer Enzo Bearzot bereits auf ihn. Er habe Verantwortung gegenüber seinen Eltern: "Ich werde dich nie wieder berufen, und wenn du 40 Saisontore schießt."

Es sollte nicht das letzte Spiel für die Nationalmannschaft von Mancini gewesen sein, seine Karriere als Nationalspieler litt darunter aber durchaus. "Er hätte sich nur entschuldigen müssen", sagte Bearzot später. Doch das tat Mancini nicht.

Die Geschichte unterstreicht den Typ Freigeist und Lebemann, der Mancini Zeit seines Lebens blieb. Heute ist er stolzer Yacht-Besitzer und zelebriert das italienische Lebensgefühl wie kaum ein anderer. Mancini könnte fast schon als Inbegriff des Dolce Vita bezeichnet werden.

Italien und Mancini: "Die Magie kennt keine Grenzen"

Als Spieler verbrachte Mancini lange Jahre in Genua, spielte außerdem für den FC Bologna, Lazio Rom und Leicester City. Noch im Jahr seines Karriereendes wurde er als Trainer des AC Florenz vorgestellt. Seitdem hat er kaum nennenswerte Pausen eingelegt. Besonders erfolgreich war er mit Inter Mailand (insgesamt sieben Trophäen), mit Manchester City feierte Mancini 2012 die legendäre Last-Minute-Meisterschaft.

Mit seiner Ausstrahlung, seinem Stil und seiner Persönlichkeit zieht er seit Jahrzehnten Menschen in seinen Bann. Viele Prominente in Italien - aber auch anderen Ländern - outeten sich als Mancini-Fans. Als sich der Italiener vor rund sechs Jahren von seiner Frau Frederica trennte, brachte sich prompt ein Playboy-Playmate als zukünftige "Misses Mancini" ins Gespräch.

"Wenn man mich fragen würde, ob ich seine Frau werden will, würde ich ja sagen, ohne darüber nachzudenken. Ich liebe ihn, er ist schön, talentiert und nett", erklärte April Summers damals auf ihren Social-Media-Kanälen.

Wichtiger dürfte Mancini sein, dass er eine ganze Mannschaft mit seiner bloßen Persönlichkeit beeindrucken kann. Er hat sich immer sein Charisma bewahrt und ist bis heute der Freigeist geblieben. Das kommt bei vielen Spielern an, die sich in der modernen Welt des Fußballs oft missverstanden und verloren fühlen. Mancini ist einer von ihnen geblieben - und doch ein ganz eigener Typ.

In Kombination mit seiner enormen Berufserfahrung als Fußballer und Fußballlehrer scheint er nun die große Chance zu haben, mit der italienischen Nationalmannschaft einen großen Titel zu holen. Damit würde er auch seine eigene Geschichte mit der "Nazionale" etwas aufhübschen. Nach dem Sieg gegen die Schweiz schob er die Favoritenrolle Italiens zu Seite, doch diese ist ihnen nach den beiden starken Auftritten nicht mehr zu nehmen. Es dürfte auch mehr ein Schachzug eines erfahrenen Coaches gewesen sein.

In Italien träumen sie jedenfalls schon jetzt davon, dass sie Mancini zum EM-Titel führt. "Wir haben die Apokalypse überlebt und träumen jetzt vom Größten", schrieb die Gazzetta dello Sport: "Die Magie kennt keine Grenzen".

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