Eine ruhmreiche Karriere mit unwürdigem Ende

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Eine ruhmreiche Karriere mit unwürdigem Ende
Eine ruhmreiche Karriere mit unwürdigem Ende

Die Zeitreise beginnt im Keller.

Auf seinen Krücken kraxelt Ulli Wegner, Dresscode schwarze Hosenträger über weißem Polohemd über goldenem Kettchen, in den Teil seines Hauses in Berlin-Tegel, in dem er ein ganzes Leben aufbewahrt.

Stolz kramt der legendäre Boxtrainer, der am heutigen Dienstag 80 Jahre alt wird, die alten Trainingspläne von Sven Ottke hervor, blättert durch wunderschön eingeschlagene Fotoalben mit bunten Zeitungsausschnitten aus der absoluten Glanzzeit des Boxens.

Obwohl er die Treppen wegen der Folgen des zweiten Oberschenkelhalsbruchs nur langsam herunterkommt, ist es ihm wichtig, diesen Ort zu zeigen, der auch ein Museum sein könnte.

„Damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben“, sagt Wegner, der mit spürbaren Stolz auf seine bewegte Karriere zurückblickt - und mit noch nicht verklungenem Frust auf ihr unwürdiges Ende.

80 Jahre? „Beschäftige mich nicht damit“

Irgendwo steht ein Autogramm seines Freundes Uwe Seeler, Wegner selbst und sein Schützling Arthur Abraham grinsen als Actionfiguren von einem Regal, und natürlich ist die Westernfilm-Kollektion seines Lieblings John Wayne fein säuberlich aufgereiht.

Als sich Wegner später in seinem Wohnzimmer auf die beige Ledercouch setzt, es gibt Kaffee und Kuchen, sorgt der Gedanke an den anstehenden runden Ehrentag für gemischte Gefühle. „Das wird wohl jedem Menschen so gehen, dass ihm das ziemlich unheimlich vorkommt“, sagt er im SID-Interview: „Aber ich lebe täglich mein Leben. Und beschäftige mich damit nicht.“ Zwar könne er „noch nicht richtig laufen“, sagt er, der nach dem folgenschweren Sturz zu Jahresbeginn gerade erst aus der Reha kam, aber es gehe ihm sonst „körperlich sehr gut“. (NEWS: Alles zum Boxen)

Kleine Feier wegen Corona

Seinen 80. Geburtstag will Wegner nun „ziemlich klein“ feiern. Nur „zwei, drei Freunde“ habe er eingeladen. Wegen Corona. Insgesamt sei ihm durch die Pandemie, so sagt er, „der Abschied vom dem, womit ich Erfolg hatte, vielleicht leichter gefallen, als ich es mir vorgestellt habe.“ Eindrucksvolle Worte, die man von ihm so nicht erwartet hätte.

Schließlich lebte Wegner, der 1942 in Stettin geboren wurde, über 50 Jahre für den Boxsport. „Das war mein Lebenselixier, mein Traumberuf“, sagt er. Sven Ottke, der 2018 tragisch früh verstorbene Markus Beyer, Arthur Abraham, Marco Huck - sie alle machte er zu Weltmeistern.

Wegner war einer der drei aus der DDR-Schule stammenden Trainern, die den deutschen Box-Boom nach der Wiedervereinigung prägten - neben Henry Maskes Coach Manfred Wolke und seinem 2014 verstorbenen Freund Fritz Sdunek, dem Antreiber von Dariusz Michalczweski, Felix Sturm, Vitali und Wladimir Klitschko.

Ulli Wegner: „Bin kein guter Pädagoge“

Legendär sind bis heute seine Ansprachen in den Ringpausen zwischen den Runden, als er seine Kämpfer mit seiner typisch kehligen Stimme mal hart, mal zart auf Spur brachte.

„Ich bin kein guter Pädagoge, ein Psychologe. Pädagogisch zu führen, würden manche sagen, da hatte ich noch Reserven“, sagt er: „Ich gehe aus der Mitte.“ Und auch wenn er mit seinen Kämpfern auch mal aneinandergeriet, gingen sie am Ende für ihn durch das Feuer. Gerade mit Ottke, der mit Wegner in der Ecke 1998 erstmals Weltmeister wurde, verbindet den Coach eine ganz besondere Beziehung.

Ein „jämmerlicher“ Abschied vom Sauerland-Boxstall

Es waren bewegte Jahre, in denen Wegner immer wieder hoffnungsvolle Talente formte - bis seine Karriere beim ruhmreichen Sauerland-Boxstall 2019 plötzlich endete.

Die Kündigung beschäftigt ihn noch heute. So habe er mit der Promoter-Legende Wilfried Sauerland „nicht nur ein geschäftliches, sondern auch ein freundschaftliches Verhältnis“ gehabt, und er wäre auch gesprächsbereit gewesen.

Aber wie die Trennung letztendlich ablief - eine Sekretärin überreichte ihm das Kündigungsschreiben - findet er „zum Abschluss einer 23-jährigen Zusammenarbeit ganz jämmerlich“.

Ein Trainer-Comeback würde ihn reizen

Ob er grundsätzlich nochmal in die Trainingshalle zurückkehren würde, vermag Wegner heute nicht zu sagen. Es würde ihn, sagt er, „persönlich schon reizen“, und es gebe auch trotz der Armut an deutschen Stars „genauso viele Talente wie vor 30, 40, 50 oder 60 Jahren“.

Aber er fühlt sich auch zu Hause bei seiner Frau Margret ganz wohl: „Um ehrlich zu sein: Ich möchte sie nicht mehr so viel alleine lassen.“

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Mit Sportinformationsdienst (SID)

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