Studie zeigt: Demenzrisiko bei ehemaligen Profifußballern hängt von Position ab

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Verteidiger haben ein ungleich höheres Risiko, nach ihrer aktiven Karriere an neurodegenerativen Krankheiten zu erkranken als Torhüter.

South Korea's Kim Shin-wook (R) fights for the ball with Belgium's Nicolas Lombaerts (L) and teammate Moussa Dembele during their 2014 World Cup Group H soccer match at the Corinthians arena in Sao Paulo June 26, 2014.  REUTERS/Eddie Keogh (BRAZIL  - Tags: SOCCER SPORT WORLD CUP TPX IMAGES OF THE DAY)
Beim Kopfball treffen sich nicht nur Ball und Kopf, sondern oft auch Kopf und Kopf (und Kopf). (Symbolbild: Reuters / Eddie Keogh)

Forschende der Universität in Glasgow haben untersucht, welche Langzeitfolgen Fußballspielen haben kann. Das Ergebnis: Es gibt einen Zusammenhang zwischen häufigen Kopfbällen oder Kopfstößen und einem erhöhten Demenzrisiko.

Fortführung einer Studie aus dem Jahr 2019

Ihre Studie hat das Team um den Neuropathologen Willie Stewart am Montag unter dem Titel "Zusammenhang bei ehemaligen männlichen Profifußballern zwischen ihrer Position auf dem Spielfeld und der Länge ihrer Karriere mit einem erhöhten Risiko, an einer neurodegenerativen Krankheit zu erkranken" im Journal Jama Neurology veröffentlicht.

Es handelt sich dabei um die Fortführung einer Untersuchung aus dem Jahr 2019, die schon damals beunruhigende Ergebnisse zutage gefördert hatte: Professionelle Fußballspieler haben demnach eine 3,5-fach höhere Wahrscheinlichkeit, an einer neurodegenerativen Krankheit zu sterben.

Vergleich mit Durchschnittsbevölkerung

Jetzt wollten die Forschenden wissen: Wie viel wahrscheinlicher sind diese Krankheiten und worauf sind sie zurückzuführen?

Dazu hat sich das Team die Gesundheitsdaten von 7.676 ehemaligen professionellen schottischen Fußballspielern angesehen, die zwischen 1930 und 1990 aktiv waren. Diese wurden mit 23.028 Männern im vergleichbaren Alter und mit ähnlichem sozioökonomischen Status aus der durchschnittlichen Bevölkerung verglichen.

Länge der Karriere und Position haben erheblichen Einfluss

Während ehemalige Torhüter ähnlich häufig an Demenz erkrankten wie die Kontrollgruppe, zeigte sich bei früheren Feldspielern eine vierfach höhere Wahrscheinlichkeit. Bei Verteidigern war das Risiko sogar um das fünffache höher. Also auf der Position, wo am häufigsten Kopfbälle gespielt werden müssen.

Auch die Länge der Karriere beeinflusste die Demenz-Wahrscheinlichkeit enorm: Bei einer kurzen aktiven Zeit zeigten die Probanden eine ungefähr doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit für neurodegenerative Krankheiten. Wer am längsten aktiv gespielt hat, zeigte ein rund fünffaches Risiko, daran zu erkranken.

Vorsorgeprinzip: Kopfbälle und -stöße vermeiden

Auch wenn es in den untersuchten Jahrzehnten Anpassungen zum Schutz der Spieler gegeben habe, so heißt es in einer Pressemitteilung, die die Uni zur Studie herausgegeben hat, das Risiko neurodegenerativer Krankheiten für die Spieler sei gleichgeblieben. Egal ob sie in den 1930ern aktiv waren oder in den 1990ern.

In der Pressemitteilung wird auch Studienleiter Willie Stewart zitiert. Er sagt zu den neuen Ergebnissen: "Wir haben früher schon festgestellt, dass ehemalige Profifußballer einem höheren Risiko ausgesetzt sind, an Demenz und anderen neurodegenerativen Erkrankungen zu sterben. Unsere neuen Daten legen jetzt nahe, dass dieses Risiko mit den Positionen auf dem Spielfeld steigen kann." Alles zusammengenommen stehe fest, dass der mit Abstand größte Risikofaktor, nach der Fußballkarriere an neurodegenerativen Krankheiten zu erkranken, Kopfverletzungen und Kopfstöße seien. 

"Deshalb sollte das Vorsorgeprinzip angewendet und unnötige Kopfstöße verringert oder sogar verhindert werden", sagt Stewart. Allerdings, eine solche Änderung – sollte sie jetzt beschlossen werden – würde erst in der Zukunft Effekte in den Gesundheitsdaten sichtbar machen. Und zwar in etwa 30 bis 40 Jahren.

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Anpassung in der Premier League

Neu ist es nicht, dass Kopfbälle, neben der akuten Verletzungsgefahr, auch das Risiko für Langzeitfolgen erhöhen. Unabhängig von der schottischen Studie hat deshalb vor etwa einer Woche die britische Premier League eine entsprechende Neuregelung durchgesetzt: Dort sollen Profis pro Trainingseinheit von nun an maximal zehn "kraftvolle Kopfbälle" spielen dürfen. Für Amateure gilt: zehn solcher Kopfbälle die Woche. 

In der BBC wurde Stewart zu dieser Regelung befragt. Er antwortete, dass es sich bei den Vorgaben um kaum mehr als unwissenschaftliche Schätzwerte handle: "Es gibt überhaupt keine Basis die besagt, dass zehn Kopfbälle das Risiko für neurodegenerative Langzeitfolgen verändern."

Einschränkungen der Studie

Im Gegensatz zu seiner eigenen Studie, die er, vor allem aufgrund der Datengröße, als sehr robust einschätzt. Es gibt aber auch Einschränkungen, die vor allem in den Gesundheitsdaten begründet liegen. Denn diese würden beispielsweise nicht zeigen, ob die Männer aus der Vergleichsgruppe nicht auch regelmäßig Fußball gespielt oder ob die Profisportler zusätzlich einen weiteren Kontaktsport betrieben haben.

Am Ende der Studie heißt es außerdem, dass Fußballspielen durchaus nicht nur negative Folgen hat. So zeigten die Daten, dass es unter Profifußballern niedrigere Sterberaten aufgrund von kardiovaskulären Erkrankungen gebe oder weniger Krankenhausaufenthalte wegen psychischer Erkrankungen, übermäßigem Drogen- oder Alkoholkonsum.

Im Video: Umwelt und Gesundheit - Mindert bessere Luft das Demenz-Risiko?

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