Der Super-Bowl-Finalist muss sich neu erfinden

Sebastian Vollmer
Sport1

Hallo NFL-Fans,

was war das bitte für eine Gala von Lamar Jackson im Monday Night Game? Er ist gerade in seinem zweiten Jahr und legt in drei Vierteln einfach mal fünf Touchdowns auf und läuft für knapp 100 Yards. Es ist Wahnsinn, was er da abliefert.

Natürlich mehren sich jetzt die Stimmen, die ihn als MVP der Saison sehen wollen. Ich muss sagen, aktuell ist er einer der Topfavoriten auf den Titel. Aber mit dieser Diskussion sollte man sich jetzt nicht aufhalten. Es sind noch so viele Spiele zu absolvieren. (DATENCENTER: Die Tabellen der NFL)

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Dennoch ist es schon mehr als beeindruckend, was der Junge da momentan aufs Feld zaubert. Die Baltimore Ravens haben auch ohne ihn ein richtig gutes Team. Aber er ist das große I-Tüpfelchen.

Was ihn in der bisherigen NFL-Geschichte auf eine gewisse Weise einzigartig macht: Er kann sowohl passen als auch laufen. Diese Kombination, dass ein Quarterback gleich gut mit dem Arm und den Füßen ist, gab es so noch nie.

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Frühere Quarterbacks wie Colin Kaepernick oder Michael Vick waren sehr stark im Laufen. Aber bei ihnen war das Passen die zweite Option, sie wurden eher als Running Backs verteidigt. Das geht bei Jackson nicht. Wenn man sein Laufspiel verteidigt, wirft er halt mal eben fünf Touchdowns gegen eine richtig gute Defense. Er ist ein Alptraum für jeden Defense Coordinator.

Das musste Rams-Defensive-Coordinator Wade Phillips nun am eigenen Leib erfahren. Aber die Niederlage kann man nicht nur an der Defense-Leistung festmachen. Bei den Rams hat gefühlt gar nichts geklappt.

Rams müssen sich neu erfinden

In meinen Augen sind sie in der Offense zu abhängig von Jared Goff. Sie sind eine Lauf-Offense, die mit Play Action versucht eventuelle Schwächen wett zu machen. Aber wenn Goff einen schlechten Tag erwischt, läuft gar nichts.

Dazu haben sie mit Todd Gurley einen Spieler, der 45 Millionen garantiert bekommt, aber wegen seiner Arthrose im Knie nur für 15 Spiele auf dem Feld steht. Wenn dann auch der Quarterback nicht Elite ist, wird es für ein Team, das auf das Laufspiel ausgerichtet ist, sehr schwer. Gibt zusätzlich auch noch die Defense 45 Punkte ab, kann man nicht gewinnen. 


Außerdem scheint es, als hätten die New England Patriots das System von Headcoach Sean McVay im letzten Super Bowl entschlüsselt. Dieses Spiel haben sich damals natürlich auch die anderen Teams ganz genau angeschaut und ihre Spielweise gegen die Rams angepasst. Diese müssen sich nun ein Stück weit neu erfinden.

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Und das ist die Hauptaufgabe von McVay. Das Talent ist im Team vorhanden, gerade deswegen muss sich etwas ändern. Damit meine ich aber nicht, dass der Trainer ersetzt werden soll, sondern dass er aus dem vorhandenen Kader das Beste herausholen muss.

Respekt vor Brooks

Abschließend möchte ich auch nochmal eine Lanze für Brandon Brooks brechen. Der Guard der Philadelphia Eagles hat sich nach dem Spiel gegen die Seahawks per Twitter entschuldigt, dass er wegen Angstzuständen nicht mehr auf das Feld konnte und sein Team deswegen im Stich gelassen hätte. Bei Brooks handelt es sich um eine nachgewiesene Krankheit und das ist natürlich ganz anders zu bewerten. Trotzdem ist es beeindruckend, wie offen er damit umgeht.


Vor allem, da sich ein Außenstehender gar nicht vorstellen kann, unter was für einem Druck die Jungs auf dem Feld stehen. Man spielt vor Millionen von Menschen, kann jede Woche gefeuert werden, sich in jedem Spielzug tödlich verletzen – ich habe mir allein vier Mal das Bein gebrochen und wurde in meiner Karriere zwölf Mal operiert.

Das sind tatsächlich physische und psychische Einschränkungen, die diese Sportart mit sich bringt. Daher kann ich absolut nachvollziehen, dass einige Spieler nicht damit klar kommen.

Und bei Brooks ist es wichtig zu betonen: In seinem Fall ist es eine Krankheit, die behandelt wird. Das darf man nicht so hinstellen, als hätte er Angst vor einem Gegner.

Bis bald,

Euer Sebastian Vollmer (Instagram: vollmerseb / Twitter: @SebVollmer)

Sebastian Vollmer (35) ist ein ehemaliger Footballspieler. 2009 in der zweiten Runde von den New England Patriots ausgewählt, verbrachte er dort bis 2017 seine gesamte NFL-Karriere und entwickelte sich zu einem Leistungsträger. Mit den Pats gewann er zweimal den Super Bowl (2015, 2017) und wurde 2010 ins All-Pro Second Team gewählt. Seit dieser Saison ist er gemeinsam mit Markus Kuhn als Kommentator des Monday Night Games bei DAZN im Einsatz. Für SPORT1 kommentieren die beiden Ex-NFL-Profis in ihrer regelmäßigen Kolumne das aktuelle Geschehen in der NFL.

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