Türkei: Der Geheimfavorit

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Bei der WM 2002 wurde die Türkei Dritter. Nun ist der Trainer Şenol Güneş zurück. Der ehemalige Dorfschullehrer lässt sein Land von einem ähnlich großen Erfolg träumen.

Der türkische Nationalspieler Kenan Karaman  © Sascha Schuermann/​Getty Images
Der türkische Nationalspieler Kenan Karaman © Sascha Schuermann/​Getty Images

Die Türkei hat die Qualifikation zur Euro 2020 souverän geschafft, wurde in ihrer Gruppe Zweiter hinter Frankreich. Die Mannschaft von Şenol Güneş nahm dem Weltmeister sogar vier Punkte ab und verpasste nur knapp den ersten Platz. In der Qualifikation tat sich besonders die Abwehr hervor, die nur drei Gegentore zuließ.

Bei der türkischen Nationalelf geht es traditionell um Leidenschaft, Flair und eine etwas laue Einstellung zum Verteidigen. Aber nach Jahren mit atemberaubenden Fehlern hat die Türkei es geschafft, ihre größte Schwäche in ihre größte Stärke zu verwandeln. Sie gehen mit ihrer wohl besten Mannschaft seit der Weltmeisterschaft 2002 in die EM, als sie Dritter wurden. Unter Güneş. "Ich möchte die Gruppe als Erster abschließen", sagte er nach der Auslosung der Gruppe A, in der er auf Italien, Wales und die Schweiz trifft.

Çağlar Söyüncü von Leicester City ist vielleicht der bekannteste Name in der Abwehr, aber nicht der einzige. Optionen gibt es zuhauf. Merih Demiral von Juventus ist ein robuster 1,90-Meter-Mann, der gerne nach einer perfekt getimten Grätsche die Fäuste ballt.

Der Rechtsverteidiger Mehmet Zeki Çelik hat in den vergangenen Jahren in Lille gut gespielt, während Ozan Kabak auf Leihbasis in Liverpool einen guten Eindruck hinterlassen hat, bevor er sich verletzte. Außerdem gibt es mit Mert Müldür, Ridvan Yilmaz und Kaan Ayhan noch mehr Kandidaten in einer sehr jungen Abwehr. Söyüncü ist mit gerade einmal 24 Jahren der erfahrenste Spieler in der Startelf. Die einzige Schwachstelle könnte die linke Abwehrseite sein, wo Güneş keinen Spieler mit der nötigen Erfahrung hat. Aber Umut Meraş und Yilmaz, der 20 Jahre alt ist, könnten sich in diesem Sommer einen Namen machen.

Die meisten türkischen Nationalspieler sind im Ausland aktiv. Gunes möchte, dass sich dieser Trend fortsetzt. Er sagt: "Wir haben etwa 15 Spieler in Europa, aber Brasilien hat 6.000-7.000, Serbien hat 700, und wir müssen mehr Talente hervorbringen."

Okay Yokuşlu, der die vergangene Saison bei West Brom, ausgeliehen von Celta Vigo, verbrachte, ist der unbesungene Held im defensiven Mittelfeld, mit dem Box-to-Box-Torjäger Ozan Tufan an seiner Seite. Yusuf Yazici hatte eine brillante Saison in Lille und soll für offensives Flair sorgen, hat aber Konkurrenz durch Milans Hakan Çalhanoğlu, Kenan Karaman und Cengiz Ünder.

Im Angriff ist Burak Yilmaz in die Jahre gekommen. Aber eher wie ein guter Wein. Der Stümer traf für Lille und traf und traf. "Burak lernt immer noch jeden Tag dazu, er ist ein großes Vorbild für die jüngeren Spieler", sagt Güneş. Die Türkei ist damit ein Geheimfavorit.

Wer ist der Trainer der Türkei?

Şenol Güneş wurde im Jahr 2002 zum Helden, als er die Türkei bei der Weltmeisterschaft auf den dritten Platz führte. Diese Mannschaft wird als die Goldene Generation bezeichnet, aber es sieht so aus, als ob Güneş dieses Mal ein ähnlich aufregendes Team geschaffen hat. Bevor er Trainer wurde, machte Güneş eine Ausbildung zum Lehrer und unterrichtete in einer Dorfschule auf einem Berggipfel in Trabzon an der östlichen Schwarzmeerküste der Türkei. "Ich sehe mich immer noch als Lehrer, nichts macht mich stolzer, als zu sehen, wie die Spieler Erfolg haben", sagte er.

Wer ist die Ikone der türkischen Mannschaft?

Çağlar Söyüncü ist das Aushängeschild der neuen türkischen Mannschaft, die sich auf die Defensive stützt. Der Verteidiger von Leicester City mit dem markanten Kinn stammt aus einfachen Verhältnissen und wechselte über die türkische Königsklasse in die Bundesliga und dann in die Premier League. Seine Popularität in der Türkei beruht darauf, dass er ein bekannter Spieler in der populärsten Liga der Welt ist. Hart arbeitend, professionell und bescheiden, steht er selten im Rampenlicht und macht sich nicht viel aus den sozialen Medien. Ironischerweise hat ihn das in der Türkei noch populärer gemacht.

Wie ist die voraussichtliche Aufstellung der türkischen Nationalmannschaft?

Uğurcan Çakır – Umut Meraş, Çağlar Söyüncü, Merih Demiral, Mehmet Zeki Çelik – Okay Yokuşlu, Ozan Kabak – Kenan Karaman, Hakan Çalhanoğlu, Yusuf Yazıcı – Burak Yılmaz.

Wer ist dankbar für ein Jahr Verspätung?

Dass die EM verlegt wurde, war ein Segen für die Türkei. Merih Demiral, Yusuf Yazıcı und Ozan Kabak wären alle verletzungsbedingt für das Turnier im letzten Sommer ausgefallen. Das Star-Trio aber hat sich mittlerweile erholt und spielte eine beeindruckende Saison bei seinen Vereinen, einzig Kabak war in letzter Zeit wieder verletzt. Der Kader aber ist viel stärker als noch vor zwölf Monaten.

Was singen die türkischen Fans?

Der türkische Popstar Tarkan ist für das Lied verantwortlich, das am meisten mit der türkischen Nationalmannschaft verbunden wird: "Bir Oluruz Yolunda", was übersetzt so viel heißt wie "Auf dem Weg zur Einheit". Es ist zur inoffiziellen Hymne geworden, nicht nur weil es ein Ohrwurm ist, sondern weil es für die WM 2002 modifiziert wurde. Tarkan könnte in diesem Jahr Konkurrenz bekommen: Ein anderes musikalisches Schwergewicht, Mustafa Sandal, bringt vor der Europameisterschaft einen Song für die Mannschaft heraus.

Was sagen die türkischen Fans?

  • "Biz bitti demeden bitmez" (dt. "Es ist nicht vorbei, bis wir sagen, dass es vorbei ist", eine Anspielung auf die Geschichte der Türkei mit denkwürdigen Comebacks gegen alle Widrigkeiten).

  • "Etten duvar ördü" (dt. "Eine Wand aus Fleisch", das türkische Äquivalent zum Parken des Busses).

  • "Kalesinde devleşti" (dt. "Wurde ein Riese im Tor", für Torhüter, die ein gutes Spiel machen).

Wer ist der Pandemie-Held?

Ozan Tufan organisierte Zoom-Treffen mit Schülern in Hatay an der türkisch-syrischen Grenze. Außerdem lud er eines der Kinder, das Fußballer werden wollte, ein, mit ihm bei Fenerbahçe zu trainieren, wenn die Pandemie vorbei ist. Er spendete auch 1.907 Bücher für eine neue Bibliothek.

Dieser Artikel ist Teil des Guardian's Euro 2020 Experts' Network, einer Kooperation zwischen Medienorganisationen aus den 24 Ländern, die sich für die EM qualifiziert haben. Alle Teams finden Sie auf unserer Serienseite "EM-Mannschaften".