Mammutprogramm im Radsport: Buchmann und Geschke reagieren

Nadine Münch
Sport1

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Wie alle Sportarten musste auch der Radsport Lösungen während der Corona-Pandemie finden - und seit wenigen Tagen steht nun der angepasste Rennkalender fest.

Eigentlich hatten alle damit gerechnet, die Saison würde deutlich verlängert werden. Doch tatsächlich findet das Ende - der Schlusstag der Vuelta am 8. November - nur vier Wochen nach dem ursprünglich geplanten Saisonfinale statt.

Wie der Rad-Weltverband UCI zwischen Anfang August und Anfang November alles unterbringen will? Indem die 25 noch ausstehenden Rennen mit insgesamt 106 Renntagen in einen Zeitraum von 93 Tagen gepresst werden.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige


Terminkollisionen: Giro und Vuelta gleichzeitig

Simon Geschke vom CCC Team überrascht der vollgestopfte Kalender nicht, wie er im Gespräch mit SPORT1 erklärt: "Es ist klar, dass jeder Rennveranstalter sein Rennen natürlich stattfinden lassen will." Dafür werden sogar Terminkollisionen in Kauf genommen: Bedeutende und prestigeträchtige Rennen finden in dieser Saison teilweise gleichzeitig statt.

Nach der Tour de France (29. August bis 20. September), kommt im Oktober ein echtes Mammutprogramm auf die Profis und deren Teams zu.

Denn dann überlappen sich mit dem Giro d'Italia und der Vuelta in Spanien nicht nur das zweit- und drittwichtigste Rennen der Branche, sondern auch die berühmt-berüchtigten Frühjahrsklassiker wie Lüttich-Bastogne-Lüttich (4. Oktober), die Flandern-Rundfahrt (18. Oktober) sowie Paris-Roubaix (25. Oktober).


Ralph Denk, Chef des deutschen Teams Bora-hansgrohe um Emanuel Buchmann, findet den Plan "ein bisschen respektlos".

Teams müssen priorisieren

Schwerpunktsetzungen gab es im Radsport zwar schon immer, nicht jeder Fahrer fährt jedes Rennen, die Teams stimmen die Anforderungen des jeweiligen Rennens mit den Stärken ihrer Fahrer ab.

Trotzdem müssen die Teams nun stärker priorisieren, denn in den bisherigen Kalendern standen neben den großen Rennen meist niederklassigere. Wirklich zu allen wichtigen Rennen ein echtes Top-Team schicken, ist nicht mehr möglich. "Jetzt überschneiden sich sogar zwei Grand Tours, man wird Abstriche machen müssen", sagt Geschke.

Bei der Entscheidungsfindung darf er Wünsche äußern, doch letztendlich entscheidet das Team, wo es für die Fahrer hingeht. "Das Team wird mich zu den Rennen schicken, die mir auch gut liegen. Sie werden zu den Klassikern die beste Mannschaft schicken. Für unser Team spielen die Tour de France und die flämischen Klassiker eine Hauptrolle, bei den Ardennen-Klassikern fahren dann andere."


"Mini-Saison" macht Zielsetzung schwer

Sowohl bei Buchmann als auch bei Geschke liegt der Fokus zunächst nur auf der Tour de France und der Vorbereitung darauf. Buchmanns Ziel lautet Podium. Geschke peilt im Anschluss die Ardennen-Klassiker an.

Wirkliche Ziele könne man sich "bei so einer Mini-Saison" allerdings ohnehin nicht setzen, dafür seien die Pausen zu kurz: "Die Rennen liegen zu dicht beieinander, als dass man unterschiedliche Sachen gezielt trainieren könnte. Auf die Tour bereite ich mich anders vor als zum Beispiel auf die Ardennen-Klassiker. Man kann nur versuchen, in diesen zwei Monaten so fit wie möglich zu bleiben."

Dass Fahrer aus Italien und Spanien, die während der Coronakrise nicht draußen trainieren durften, einen Nachteil bei der Tour haben, glaubt Buchmann nicht. "Würde die Saison in zwei Wochen losgehen, dann wohl sicherlich", sagte der Vierte der Tour de France 2019 bei SPORT1: "Aber es ist noch viel Zeit, bis es los geht, sollte sich das alles ausgeglichen haben."

Auch die Motivation ist nun, da es feste Renn-Terminierungen gibt, wieder größer geworden. "Ohne Ziel ist es natürlich schon schwieriger, die Motivation aufrecht zu erhalten", sagt Buchmann. Auch Geschke ist froh, wieder "Licht am Ende des Tunnels" zu sehen.


Tour de France als Geisterrundfahrt?

Ende August legt die Tour de France los, doch in Frankreich sind Veranstaltungen mit über 5000 Personen bis mindestens 1. September verboten. Es wird also mindestens in den ersten Tagen eine "Geisterrundfahrt" sein.

"Natürlich wäre es seltsam, die Berge ohne Zuschauer hochzufahren. Aber am Ende ist für uns der sportliche Erfolg das Wichtigste. Darum konzentriere ich mich auf die Dinge, die ich selbst in der Hand habe. Auf alles andere muss man sich eben einstellen", sagt Buchmann zu einer möglichen kompletten Tour ohne Zuschauer am Straßenrand.

Geschke sieht es ähnlich: "Ob Geisterrundfahrt oder nicht, für den Radsport an sich ist es in erster Linie wichtig, dass die Tour überhaupt stattfindet. Ohne Zuschauer wäre es natürlich nicht dasselbe, nicht für uns und nicht für den Veranstalter. Andererseits wären dann die Einschaltquoten vielleicht sogar noch höher."

Der gesamte neue Rennkalender steht und fällt allerdings ohnehin mit der Entwicklung der Corona-Pandemie - die nicht vorhersehbar ist. Was passiert, wenn sich ein Profi im Fahrer-Lager infiziert?

"Wie das im konkreten Fall gehandhabt wird, müssen dann die Verantwortlichen entscheiden", meinte Geschke: "Es wäre sicherlich nicht gut, wenn die Neuinfektionen wieder steigen, dann muss man die Konsequenzen ziehen. Da kann keiner wirkliche Prognosen abgeben, wie es sich im Sommer entwickelt, da muss man abwarten."

Lesen Sie auch