"Theoretisch könnte jeder der Berater von Ronaldo sein"

Reinhard Franke
Sport1

Mirsad Keric kennt das Fußball-Geschäft genau. Und auch die internationale Berater-Szene. Mit über 120 Spielern hat er als Berater in seiner Laufbahn bereits zusammengearbeitet.


Inzwischen gibt der 48-Jährige selbst Seminare für Spielerberater und Eltern von jungen Toptalenten. Auch zu Bayern-Coach Niko Kovac hat er einen guten Draht.

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Im SPORT1-Interview spricht Keric über seinen Job, das Transfergeschäft, Kovac - und die Entwicklung des Fußballs.

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SPORT1: Herr Keric, Sie geben Seminare für Spielerberater. Was hat es damit auf sich?

Mirsad Keric: Ich gebe nicht nur Seminare und Online-Kurse für Spielerberater, sondern auch für Eltern von jungen, talentierten Spielern. Ich bin selbst Lehrer und war der erste Fußballprofi, der in Kroatien einen Uni-Abschluss gemacht hat. Die Tätigkeit als Spielerberater habe ich immer so gesehen, die Karriere der Jungs auf den richtigen Weg zu bringen. Leider steht der eine oder andere Spielerberater im schlechten Licht.

Keric vermittelte schon Eduardo da Silva

SPORT1: Wer war Ihr bekanntester Spieler?

Keric: Einer der bekanntesten Spieler war Eduardo da Silva (früher unter anderem beim FC Arsenal, Anm. d. Red.), aber auch Nenad Bjelica, den ich 2001 nach Kaiserslautern vermittelt habe. Heute ist er als Trainer von Dinamo Zagreb sehr erfolgreich und hat zuletzt den Einzug in die Champions League geschafft. Grundsätzlich geht es mir darum, dass ich gerne Menschen helfe. Und vor ungefähr zwei Monaten habe ich eine neue Geschäftsidee entwickelt.  


SPORT1: Erzählen Sie mal ...

Keric: Ich bin damals fast mit dem Flugzeug abgestürzt. Ich war bei einem Termin in Zadar, und während des Fluges sind wir in ein schlimmes Gewitter geraten. Das Flugzeug hat schnell an Höhe verloren, und ich dachte: "Das war's für mich!" In diesem schrecklichen Augenblick ist mir in den Kopf gekommen, dass ich eine Sache noch machen wollte - nämlich die ganzen Erfahrungswerte und die Geheimnisse von Spielerberatern weiterzugeben. Grundsätzlich will ich das Wissen als Spielerberater an Eltern von talentierten Spielern weitergeben.

Heutzutage braucht man in dem Job keine Prüfung mehr. Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, musste man eine Prüfung ablegen, die von der FIFA vorgesehen war. Das waren schwere Fragen verbunden mit rechtlichen Aspekten, Vertragswesen, Verbandsregularien etc.. Diese Prüfung haben 80 bis 90 Prozent der Teilnehmer gar nicht geschafft.

SPORT1: Und heute?

Keric: 2015 hat die FIFA ein neues Regelwerk verabschiedet, bei dem man keine Prüfungen mehr ablegen muss. Man muss auch überhaupt keine Erfahrungswerte über den Fußball allgemein haben, sondern kommt in den Verband, meldet sich als Vermittler an, und erhält eine Erlaubnis, als Spielerberater Profis zu vermitteln. Man muss sich das mal vorstellen: Theoretisch könnte jeder der Spielerberater von Cristiano Ronaldo sein!

Das hält Keric von Star-Berater Mino Raiola

SPORT1: Glauben Sie, dass es heutzutage zu leicht ist, Spielerberater zu werden?

Keric: Ja, jeder kann Millionär werden. Leider ist das so. Die neue Regelung lässt das zu. Nur ganz wenige Spielerberater wissen, wie sie richtig auftreten in dem Job, wie sie einen Transfer richtig abwickeln müssen und wie Spieler überhaupt richtig beraten werden. Deswegen scheitern die meisten auch im ersten oder zweiten Jahr.


SPORT1: Haben Spielerberater deshalb so einen schlechten Ruf?

Keric: Ist das so? Ich finde sogar, dass der Ruf der Spielerberater besser geworden ist. Wenn man mal zurückblickt, sieht man, wie viele Probleme es von Jahr zu Jahr im Fußball gibt - ob es Unregelmäßigkeiten bei den Vereinen sind oder bei den Funktionären, bei der FIFA, bei der UEFA. Wenn man das mit den Vorkommnissen bei Transfers vergleicht, in die Spielerberater involviert sind, dann ist das ganz selten der Fall. Das sind nicht mal ein Prozent der Verträge, bei denen es Unregelmäßigkeiten von Spielerberatern gibt. Ich würde sagen, die Branche hat sich mit den Jahren bewiesen.

SPORT1: Auch bei Star-Berater Mino Raiola?

Keric: Mino hat seinen ganz eigenen Stil. Man muss schauen, wie er im Interesse seiner Klienten agiert. Und da muss man offen und ehrlich sagen, dass er seine Klienten weiterbringt. Auch wenn sein Arbeitsstil ungewöhnlich ist, weil er teilweise Fußballvereine unter Druck setzt. Aber man muss auch erwähnen, dass Raiola keine Probleme mit der Steuer und keine Probleme mit irgendwelchen Transaktionen hat. 

Er arbeitet, wie es aussieht, sehr sauber. Es sind große Summen, die er als Spielerberater bei Transfers verdient. Aber diese Summen werden zukünftig auch bei den Eltern ankommen, wenn sie immer mehr in dieses Geschäft hineinwachsen.

Messi und Co. von Familienmitgliedern beraten

SPORT1: Es gibt schon einige prominente Beispiele ...

Keric: Das beste Beispiel ist die Mutter von Adrien Rabiot, der von Paris Saint-Germain zu Juventus gewechselt ist. Seine Mutter hat eine Provision bekommen, die noch kein einziger Spielerberater erhalten hat, das waren fünf Millionen Euro. Das erlaubt die neue Regelung. Und hier komme ich zu dem Punkt, bei dem ich den Eltern helfen möchte: Die meisten wissen noch gar nicht, dass sie ihren Sohn oder auch ihre Tochter beraten können.

Die größten Stars werden momentan von ihren Eltern beraten, das ist ein Trend. Lionel Messi wird von seinem Vater beraten, Neymar auch, Sergio Ramos wird von seinem Bruder beraten. Da gibt es einige, die wir da aufzählen können. Und ich möchte Eltern helfen, nicht nur ihre Kinder zu beraten, sondern ihnen Schritt für Schritt ein System an die Hand zu geben.

SPORT1: Wer ist für Sie der beste Spielerberater in Deutschland?

Keric: Da fallen mir einige ein. Die Mitgründer der damaligen deutschen Spieler-Berater-Vereinigung zum Beispiel. Oder "Sports Total". Das ist die Agentur, die hinter Toni Kroos steht. Sein Berater Volker Struth brachte ihn 2014 vom FC Bayern zu Real Madrid. Damals hatte man sich gefragt, ob er überhaupt bei den Bayern spielen könne.

Dann wechselte er zu Real und wurde eine feste Größe im Weltfußball. In Deutschland gibt es viele Agenturen, die wirklich seriös und mit einer sehr ausgeklügelten Strategie Spieler beraten und groß machen. Das muss man schätzen.


SPORT1: Viele Spieler dürfen heutzutage öffentlich nur noch sehr wenig sagen. Der Spielerberater oder auch der Verein schieben da Riegel vor. Wie denken Sie darüber?

Keric: Da muss ich sogar zustimmen. Das ist ein Hindernis, nur leider ist es so, dass der Spielerberater auf die Interessen seines Klienten schauen muss. Und wir wissen alle, dass Spieler massive Probleme bekommen - vor allem vom Verein - wenn sie etwas offener ihre Meinung sagen.

Da gab es schon einige Spieler, die mit Vertragsauflösungen, Tribünen-Verbannung und Drohungen eingeschüchtert wurden. Die Profis heute werden von den Vereinen für die Medien geschult, wie sie auftreten und was sie sagen sollen. Es ist schade, dass Fußballer ihre Authentizität verloren haben.

Mega-Ablösen? "Der Trend wird weitergehen"

SPORT1: Das Fußballgeschäft wird immer gläserner. Wird sich das in Zukunft noch verstärken?

Keric: Ich befürchte, ja. Auch die Summen, die bezahlt werden, werden immer utopischer werden. Diese Summen haben wir zum Beispiel schon seit Jahren in Amerika. Wenn man sich dort Baseball oder American Football anschaut, ist das normal. Das ist Marktwirtschaft. Der Markt gibt diese Summen her.

Wenn man mir anbieten würde, in meinem Job das Fünffache zu verdienen, dann würde ich auch nicht ablehnen. Die Spieler und die Spielerberater haben sich der Sache einfach angepasst. Der Trend wird in Zukunft weitergehen. Als Zinédine Zidane damals zu Juventus kam, kostete er zehn bis 15 Millionen Mark. Er war ein absoluter Weltklasse-Spieler. Heute hat man mit Gareth Bale die 100-Millionen-Marke geknackt, mit Neymar die 200-Millionen-Marke.


SPORT1: Was ist für Sie der Grund, dass Bayern München bei den ganz großen Transfers nicht dabei sein kann?

Keric: Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis man auch so einen absoluten Superstar Marke Ronaldo nach München holen wird. Es dreht sich nur um die Mentalität der Deutschen. Ich bin in Frankfurt geboren und habe kroatische Wurzeln. Wir Deutschen brauchen immer etwas länger, um uns für neue Sachen zu öffnen.

Ich bin mir sicher, wenn die Bayern in den nächsten ein, zwei Jahren einen Superstar für 150 Millionen Euro holen möchten, dann werden Sie das auch tun. Philippe Coutinho kostet schon 8,5 Millionen Euro Leihgebühr mit einer anschließenden Kaufoption in Höhe von 120 Millionen Euro. Ich bin mir sicher, wenn der Deal mit Leroy Sané geklappt hätte, wäre die 100-Millionen-Marke geknackt worden.

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SPORT1: Sie kennen Niko Kovac gut. Er stand im ersten Jahr beim FC Bayern sehr in der Kritik. Hätte er nicht mit dem Double sagen sollen: "Danke, das war's"?

Keric: Ich kenne Niko schon sehr lange. Ich kenne auch seine Mentalität. Es ist nicht seine Art aufzugeben. Und er ist ein Fußball-Wahnsinniger. Genau solche Herausforderungen wie Bayern München reizen ihn ungemein. Er meistert sie. Er hat das in seiner Karriere schon oft bewiesen.

Auch damals bei Hertha BSC war er nicht gleich als der große Star gesetzt. Als er nach München kam, ebenfalls nicht. Auch nicht in der kroatischen Nationalmannschaft. Er hat sich überall durchgebissen, seine Qualitäten und seine Klasse gezeigt. Er hat es auch in der vergangenen Saison bewiesen. In dieser Runde können wir auch auf die eine oder andere Überraschung gespannt sein. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Bayern ins Finale der Champions League kommen.

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