"Team ohne Charakter": Zerfällt der türkische Gigant?

Patrick Hauser
Sport1

59 Jahre alt ist Trainerlegende Zeljko Obradovic mittlerweile. Seit 1991 fungiert er als Coach, gewann 36 Titel, wurde Weltmeister und gilt als bester und erfolgreichster Trainer der europäischen Basketballgeschichte.

Der Serbe gilt als leidenschaftlicher Botschafter seines Sports - aber so leidenschaftlich hatten ihn wohl auch seine Spieler noch nie erlebt: "Fi*** euch alle! Fi*** euch, ok? Fi** dich, Gigi Datome! Du bist eine Schande!"


Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Mit diesen Worten ging er in einer Auszeit beim EuroLeague-Spiel gegen ZSKA Moskau Mitte November auf sein fassungsloses Team los, für die TV-Zuschauer gut hörbar durch die aufgestellten Mikrofone. Das Donnerwetter hatte keine Wirkung, Fenerbahce unterlag dem russischen Klub deutlich mit 70:88. (SERVICE: Spielplan der EuroLeague)

Alle Spiele der easyCredit Basketball Bundesliga sowie die EuroLeague live bei MAGENTA SPORT!| ANZEIGE

Obradovic: "Ein Team ohne Charakter"

Warum ausgerechnet Datome, der bis 2015 in der NBA für die Detroit Pistons und Boston Celtics aktiv war, persönlich herausgegriffen wurde, ist nicht bekannt. Der Italiener kam auf sechs Punkte in 16 Minuten Spielzeit und war damit immerhin drittbester Scorer seines Teams.

Eine Woche später gab es eine 63:89-Klatsche beim FC Barcelona, hinterher tobte Obradovic erneut. "Das ist ein Team ohne Charakter. Verletzungen sind eine Entschuldigung, die ich nicht akzeptiere und die auch nicht wahr ist. Im letzten Jahr haben wir auch ein Spiel ohne Big Men bestritten, dabei haben wir aber Charakter gezeigt."

Auf die Frage, ob Obradovic durch seine Wutrede gegen Moskau das Team verloren habe, antwortete er: "Das ist eine interessante Frage. (...) Ich gehe meinen Weg. Ich bin mit mir im Frieden und habe kein Problem. Ich gebe ihnen (den Spielern, Anm. d. Red.) einfach den Ball, sie sollen die Frage beantworten."


Fenerbahce auf Platz 16

Dem türkischen Topklub droht zumindest in der EuroLeague ein heftiger Absturz. Von 2015 bis 2019 erreichte Fener fünf Mal in Folge das Final Four in der EuroLeague, 2017 sprang sogar der Titel in Europas wichtigstem Wettbewerb heraus.


Im November 2019 herrscht jedoch Tristesse in der türkischen Metropole, wenngleich der Pokalsieger in der nationalen Liga mit nur einer Niederlage bisher Dritter ist.

Gerade einmal drei von zehn Spielen - darunter gegen den FC Bayern - konnte Fenerbahce in der aktuellen EuroLeague-Saison gewinnen, das bedeutet Platz 16 von 18 Teams. Für die Teilnahme an den Playoffs ist eine große Aufholjagd nötig. Khimki Moskau, Fenerbahces Gegner in Obradovics 200. Spiel am Donnerstag (Fenerbahce Istanbul - Khimki Moskau ab 18.45 Uhr im LIVETICKER), ist als aktueller Achter mit sechs Siegen und vier Niederlagen weit entfernt.

Jetzt aktuelle Basketball-Fanartikel kaufen - hier geht's zum Shop | ANZEIGE

Demirel: "Dann fällt man ins Bodenlose"

"Falls du Motivation für den Basketball hast, hast du auch Konzentration. Wenn du keine Motivation hast, wird es sehr schwierig", meinte Obradovic bei Eurohoops.net. "Das ist unser größtes Problem. Ich sehe keine Spieler, die irgendeine Motivation haben. Einiges versuchen es manchmal, andere nicht."

Weniger überrascht über den Absturz des türkischen Topklubs ist der deutsche Ex-Nationalspieler Mithat Demirel. "Das hat sich über die letzten Jahre angebahnt, sie haben extrem an Substanz verloren. Einige Spieler, die schon länger im Verein sind, spielen nicht ihren besten Basketball - manche sind sogar ganz weit davon weg. Beim EuroLeague-Rhythmus gibt es keine Luft durchzuatmen - dann fällt man fast ins Bodenlose", erklärte der ehemalige Sportdirektor von Fener-Stadtrivale Darussafaka Istanbul im Podcast bei MagentaSport.

"Trainer, die auf dem Level sind, versuchen natürlich, zu provozieren. Sie kitzeln auch immer wieder etwas heraus. Aber ich glaube, dass das auch ein Stück weit Verzweiflung ist", mutmaßte Demirel bezüglich Obradovic' Ausraster gegen Moskau.

Fenerbahce verstärkt sich mit Derrick Williams

Der Kader ist aber weiterhin mit Top-Spielern bestückt, ein erneutes Vorstoßen ins Final Four schien nur Formsache zu sein. Fener verlor vor der Saison zwar Nicolò Melli (New Orleans Pelicans) und Marko Guduric (Memphis Grizzlies) an NBA-Teams, verstärkte sich aber auch namhaft mit Nando de Colo (ZSKA), Léo Westermann (Zalgiris Kaunas) - und Derrick Williams vom FC Bayern.

Williams spielte zwischen 2011 und 2018 in der NBA, gewann mit Bayern gleich in seiner ersten Saison in Europa die Deutsche Meisterschaft und wurde von Ex-Präsident Uli Hoeneß als "Glücksfall" bezeichnet. Um seine Chancen auf den Titel in der EuroLeague zu steigern, verließ der 28-Jährige die Münchner nach nur einem Jahr wieder und wechselte in die Türkei. (SERVICE: Tabelle der EuroLeague)


Dort kann er allerdings noch nicht an seine starken Leistungen bei Bayern anknüpfen, sein EuroLeague-Punkteschnitt (10,2) ist deutlich niedriger als in der Vorsaison bei Bayern (13,4).

Williams wollte EuroLeague-Titel holen

"Sobald man in dieses Gebäude läuft, denkt man daran, Titel zu gewinnen. Man trainiert jeden Tag hart für den EuroLeague-Titel. Wir wollen nicht nur in der EuroLeague sein und daran teilnehmen", erklärte Williams vor kurzem in einem Interview auf der Website des Wettbewerbs.

"Es gibt einen Unterschied zwischen dem Versuch und dem tatsächlichen Gewinn des Titels. Darum wollte ich hierher kommen. Wenn man sich den Kader anschaut, haben nicht so viele Teams unser Talent. Wenn man all das zusammen nimmt, könnte es furchterregend werden."

Furchterregend sind im Moment gleich zwei Sachen bei Fenerbahce: Der Wutausbruch von Obradovic - und der Absturz des einstigen Topklubs. Das hat Williams mit seinem Zitat eher nicht gemeint.

Lesen Sie auch