Der Mann, der Bayern entscheidend prägte

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Der Mann, der Bayern entscheidend prägte
Der Mann, der Bayern entscheidend prägte

"In Bochum bin ich geboren, hier will ich auch sterben. Mehr als 30 Kilometer gehe ich von da nicht weg!" Diesen Satz sagte der junge Hermann Gerland einmal, als die Bilder noch schwarz-weiß waren und er noch höchstpersönlich Löcher in den Rasen von Bochum grätschte. Es ist anders gekommen.

In München fand der Fußball-Fanatiker eine zweite Heimat. Aus der "Eiche" wurde der "Tiger". Nun endet nach 25 Jahren seine Ära an der Säbener Straße. Gerland wird vermisst werden. 

Die "Eiche" von Bochum

Als Deutschland im Jahr 1954 sensationell Weltmeister wurde, da war Gerland auf den Tag genau einen Monat alt. 

Bei seiner Fußballbegeisterung würde es nicht überraschen, wenn der Älteste von vier Geschwis­tern, das in einer Berg­ar­bei­ter­sied­lung in Bochum das Licht der Welt erblickte, damals beim Finale schon in der Wiege die kleine Hand zur Faust geballt hat. 

Als Gerland neun Jahre alt war, starb sein Vater. "Wir waren sehr, sehr arm", erinnerte sich Ger­land später in einem Inter­view mit 11Freunde: ​"Was in unserer Sied­lung aller­dings keine Sel­ten­heit war. Von da an musste ich auf meine Geschwister auf­passen."

Diese Beschützerrolle lebte Gerland von Beginn auch bei seiner großen Leidenschaft, dem Fußball, aus. Daher gaben ihm seine Mitspieler beim VfL Bochum, bei dem er mit 18 Jahren seinen ersten Profivertrag unterschrieb, den Spitznamen "Eiche". Ein Mann wie ein Baum, verlässlich. Einer, an dem man ein Tau festbinden kann. Ein Bochumer Journalist taufte ihn später wegen seiner Leidenschaft in "Tiger" um. Diesen Spitznamen trägt Gerland aber vor allem in München. In Bochum ist er bis heute noch "Eiche". 

Für den knallharten Abwehrspieler war der Sport mit dem runden Ball schon immer mehr als ein Spiel. "Nie­der­lagen", sagte er einmal, "machen mich fertig. Dann sitze ich im Bus, gleich hinter dem Fahrer, und rede kein Wort. Ich kann nicht begreifen, dass die Spieler lachen und flachsen. Die Fans weinen, die Spieler lachen – das will in meinen Kopf nicht rein. Zu Hause ange­kommen starre ich gegen die weiße Wand. Ich kann nicht mehr ein­schlafen und wache nachts schweiß­ge­badet auf."

Nach Siegen trank er immer gerne Whiskey-Cola. Heute bekommt man in der VIP-Lounge der Bayern genau dieses Getränk, wenn man einen "Gerland-Drink" bestellt. 

Gerland: "Rausgeflogen weil ich zu gut war"

Seine Leidenschaft für den Fußball gab Gerland nach seiner Spielerkarriere, in der er über 200 Bundesligaspiele für Bochum absolvierte, als Trainer weiter. Beim VfL stand er von 1985 bis 1988 an der Seitenlinie. Dann wurde er gefeuert.

Warum? "Im bin im Grunde rausgeflogen, weil ich zu gut war", glaubt Gerland. An Selbstvertrauen hat es dem heute 66-Jährigen zu keiner Zeit gefehlt. Genauso wenig wie an Schlagfertigkeit und legendären Sprüchen. Ein notorischer Lautsprecher, der zu allem seinen Senf dazugibt, war er hingegen nie. 

Nach der Trainer-Station in Bochum verließ er seine Heimat zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum und heuerte als Coach des 1. FC Nürnberg an. Zurückkommen sollte er nicht mehr - zumindest dauerhaft. 

Im Jahr 1990 führte der Weg des Ruhrpottlers schließlich zum deutschen Rekordmeister. Es prallten zwei Welten aufeinander. Der Mann mitten aus dem Leben sollte nun bei den ruhmreichen Bayern am schicken Vereinsgelände an der Säbener Straße jungen Kickern den Sprung in den Profifußball ermöglichen. Und genau das wurde zu seiner Lebensaufgabe. 

Müller: "Da brauchst du kein Radio mehr"

Zunächst übernahm Gerland das Amt als Trainer der Amateure des FC Bayern. Nach fünf Jahren verließ er München noch einmal, kehrte 2001 jedoch zurück - um zu bleiben. 

Beim FC Bayern machte sich der Fußball-Kenner einen Namen als einer der besten Entdecker und Förderer von Talenten. Gerland war eine ungemein wichtige Person in der Entwicklung von Spielern wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, David Alaba, Holger Badstuber und Mats Hummels. 

Mit Müller verbindet Gerland eine besondere Beziehung. Der Urbayer machte nie einen Hehl daraus, dass sein Jugendcoach auch sein Lieblingstrainer war. "Am meisten Spaß und Gaudi hatte ich auf die Jahre gesehen mit Hermann Gerland, weil der zu Beginn meiner Spielerkarriere noch ein sehr verbissener Amateurcoach war", sagte er einmal bei einer Veranstaltung des FCB: "In den letzten Jahren haben wir uns viele Sprüche gedrückt und viel Spaß gehabt auf dem Platz."

Auch neben dem Platz haben sie sich immer gut verstanden. "Ich bin mal drei Stunden mit ihm im Auto gesessen, da brauchst du kein Radio mehr", verriet Müller, der Gerland nahezu perfekt imitieren kann. 

Gerland: Lahm wie eine Bratwurst

Bei den Bayern hat sich Gerland von Beginn an nicht verstellt. Die jungen Spieler schätzten seine ehrliche und direkte Art. Außerdem wussten sie, dass sie sich auf den "Tiger" immer verlassen konnten. 

Lahm versuchte er vor dessen Durchbruch per Leihe zu einem anderen Klub zu lotsen. "Ich habe einen, der ist 15, spielt aber wie 30", bewarb er Lahm. Der damalige Glad­bach-Trainer Hans Meyer lehnte dankend ab und so mancher Coach soll sogar Lahms Fahrtgeld zurückverlangt haben, nachdem dieser das junge Talent im Training gesehen hatte.

Gerland sagte zu dieser Zeit zu seiner Frau: "Gudrun, wenn das kein Super­spieler wird, gebe ich meine Lizenz zurück und werde Volleyball- oder Was­ser­ball­trainer." Das verriet Gerland vor rund zehn Jahren im Doppelpass auf SPORT1.

Das musste er bekanntlich nicht, sondern Gerland behielt recht. Wenn er den Weltmeister von 2014 spielen sah, dann ging ihm immer das Herz auf. Gerland zog im damaligen Doppelpass einen interessanten Vergleich: "Lahm beim Fußball zuzusehen ist wie eine leckere Bratwurst. Das ist mir viel lieber als Sushi oder Langusten oder sowas." 

Ein klassischer Gerland. 

Gerland erdet Schweinsteiger und Co. 

Doch wie konnte Gerland das Talent der Nachwuchskicker derart gut bestimmen, dass es heute legendär ist? Auch dafür hatte er einmal höchst selbst eine Erklärung parat: 

​"Der liebe Gott hat mir ein Auge dafür gegeben. Ich kann übri­gens auch für meine Frau ein­kaufen gehen und hin­terher bekommt sie Kom­pli­mente dafür. Und einmal saß ich mit ihr vor dem Fern­seher und fragte sie: 'Was fällt dir an Kai Pflaume auf?' Wahr­schein­lich fällt es auch sonst nie­mandem auf, aber Pflaume fehlt eine Fin­ger­kuppe." Ein guter Beobachter eben. 

Daneben war Gerland auch noch ein guter Trainer und eine Art Vaterfigur für viele Talente. Streng, aber liebevoll. Er erdete Schweinsteiger, Müller, Lahm und Co. auf ihrem Weg zum Profifußball, was mit Sicherheit einen großen Teil ihres späteren Erfolgs ausmachte. 

Als Schweinsteiger sich mit 17 Jahren die Haare schwarz färbte, kam Gerland ganz ruhig zu ihm an den Frühstückstisch und sagte: "Schweini, heute kannst du so lange laufen, bis die Haare wieder blond sind." Das verriet Gerland im Interview mit 11Freunde

Besondere Beziehung zu Hoeneß 

In seinen Jahren beim FC Bayern fand Gerland an der Säbener Straße viele Freunde. Einer davon ist der langjährige Präsident Uli Hoeneß. Als dieser während seiner Haftzeit als Freigänger an das Vereinsgelände zurückkehrte, weinte Gerland.

Die Beziehung des Ruhrpottlers zu Hoeneß kann als Sinnbild zu seiner Zeit in Bayern gesehen werden. Die beiden drückten sich immer wieder den einen oder anderen Spruch, hatten einen grundverschiedenen Lebensweg vorzuweisen und hatten bestimmt andere Ansätze, Ansichten und Herangehensweisen. Doch es passte irgendwie. 

Als Hoeneß Gerland einmal nach Kolumbien schickte, um den talentierten Adolfo Valencia zu beobachten, bettelte er: "Her­mann, flieg bitte nicht in deinen Bir­ken­stock-Lat­schen. Ich bezahle dir auch die Schuhe!" Gerland saß schließlich im Anzug mit passenden Lackschuhen bei tropischen Temperaturen in Südamerika auf den Tribünen. "Einmal und nie wieder", sagte er später über den Trip. 

Unter Nagelsmann ist kein Platz mehr für Gerland 

Bei den Bayern war Gerland deutlich mehr als ein Entdecker und Förderer von Talenten. Sören Lerby, Erich Rib­beck, Louis van Gaal, Andries Jonker, Carlo Ance­lotti, Pep Guar­diola, Jupp Heynckes und Hansi Flick. Sie alle vertrauten auf den Co-Trainer Gerland. 

In diesem Amt ging er immer voll mit. "Ich nehme mir immer vor: Bleib auf der Bank sitzen. Aber irgendwann macht irgendeiner so einen Mist und dann stehe ich wieder da wie ein HB-Männchen", beschrieb er selbst einmal seine emotionale Gefühlswelt während eines Fußballspiels. 

Die Trainer und die Mannschaft überzeugte er durch diese emotionale Ader und seine Leidenschaft, das Spiel zu sehen. Diese trug er in jeder Pore mit sich - authentisch und immerzu. Und er konnte sie übertragen. 

Mit Flick wird also nun auch Gerland den Klub verlassen. Bis zuletzt war er gerne zur Arbeit gegangen. "Es macht mir sehr viel Freude, wenn ich zur Säbener Straße fahre. Ich bin auch oft an freien Tagen da, dann fragt Karl-Heinz Rummenigge: 'Kriegst du zu Hause nichts zu essen?' Und ich: 'Kalle, seh' ich so aus?'", sagte er vor einigen Jahren. 

Unter dem neuen Coach Julian Nagelsmann ist kein Platz mehr für den Bochumer Jung. In München beginnt eine neue Zeitrechnung. Für den "Tiger" soll aber noch nicht Schluss sein. Laut dem kicker will er mit 66 Jahren noch nicht in den Ruhestand gehen.

Egal wo es ihn hinzieht, verstellen wird sich Hermann Gerland bestimmt nicht - und das ist auch gut so. 

2 nach 10: Gerland-Aus beim FC Bayern unter Julian Nagelsmann - Wurde es Zeit?

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