Tiger Woods: Das größte Sport-Comeback aller Zeiten

Tommy GaberEditor Yahoo Sports
Yahoo Sport Deutschland

Im September 2017 war der Superstar des Golfsports froh, wenn er ohne Schmerzen aufstehen konnte. Ein Jahr später kehrte er in die Weltspitze zurück. Und Tiger hat noch lange nicht fertig. Die Geschichte des unglaublichen Comebacks eines geläuterten Sportlers. 

Von Yahoo Sport-Redakteur Tommy Gaber

Tiger Woods feierte bei der Tour Championship seinen 80. Sieg auf der PGA Tour.
Tiger Woods feierte bei der Tour Championship seinen 80. Sieg auf der PGA Tour.
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Im Herbst 2017 konnte Tiger Woods gerade mal aufrecht gehen. Die lähmend lange Zeit als Rekonvaleszent nach der vierten Operation am stark geschädigten Rücken ließ den Superstar des Golfsports ernsthaft an der Fortsetzung seiner einzigartigen Karriere zweifeln.

“Ich bin froh, wenn ich morgens ohne Schmerzen aufstehen kann”, sagte Woods im September 2017. An Golfspielen war nicht im entferntesten zu denken, allenfalls an winzige Schwünge mit dem Pitching Wedge. “Immerhin”, so Woods voller Selbstironie, “fliegen die Bälle ein paar Meter geradeaus.”

Im Zweifel, ob er jemals wieder Wettkampf-Golf auf vernünftigem Niveau würde spielen können, schien sich Woods bereits mit der Karriere nach der Karriere arrangiert zu haben. Der einst krankhaft ehrgeizige, unnahbare Eisblock, für den auch die größten Triumphe lediglich Bestätigung seines Anspruchs waren, diente 2016 und 2017 zweimal in Folge dem amerikanischen Team als Vize-Kapitän bei großen Events. 2016 beim Ryder Cup gegen Europa, 2017 beim Presidents Cup gegen die besten internationalen Spieler ohne Europäer.

80. Sieg nach fünf Jahren Pause

Seine Akribie und Leidenschaft auch außerhalb der Fairways und Grüns brachte ihm vor allem in seiner Heimat viel Respekt ein. Das Ego-Tier, das als Spieler eher widerwillig an Team-Events teilnahm, brachte sich als Ratgeber und Stratege “outside the ropes”, also hinter den Absperrungen des Golfplatzes, ein. Mit Erfolg: die USA gewannen beide Team-Veranstaltungen in souveräner Manier.

Doch was Woods wirklich anstrebte, war ein Comeback auf dem Platz. Als Spieler. Als Wettkämpfer. Und letztlich auch als Sieger. Nach einer ohnehin schon spektakulären Saison mit vielen Top-Ergebnissen, darunter einem zweiten Platz bei der PGA Championship, dem letzten von vier Major-Turnieren des Jahres, war es am 23. September wieder so weit: Tiger Woods landete beim Finale der besten 30 Spieler der diesjährigen PGA Tour einen Start-Ziel-Sieg – seinen 80. auf der PGA Tour. Damit fehlen Woods nur noch zwei Siege, um mit Rekordhalter Sam Snead gleichzuziehen.

“Ich habe eine verdammt harte Zeit hinter mir. Ich kann nicht glauben, dass ich es geschafft habe. Es ist ein wahnsinniges Comeback“, sagte der 14-malige Major-Gewinner bei der Siegerehrung mit tränenerstickter Stimme. “Ich hing über fünf Jahre auf der 79 fest, und jetzt die 80 perfekt zu machen, ist ein verdammt gutes Gefühl.”

Tigers erstaunliche Wandlung

Seit seinem letzten Sieg im April 2013 ist Woods ein anderer Mensch geworden. Seine lange Leidenszeit mit ständigen gesundheitlichen Rückschlägen hat ihn demütig werden lassen. Er betrachtet Interviews nicht mehr als lästige Pflicht, sondern ist mittlerweile sogar bereit, sich selbst öffentlich kritisch zu hinterfragen. Auf Fragen, die er früher genervt einsilbig beantwortete, gibt er jetzt detailliert Auskunft.

Immer wieder hat er in den letzten Monaten betont, wie wichtig ihm seine Familie, in erster Linie seine beiden Kinder Sam und Charlie geworden sind. “Ich habe endlich richtig erfahren, wie großartig es ist, Vater zu sein. Ich konnte ja meinen Beruf lange nicht ausüben, somit habe ich viel Zeit mit den Kids verbracht. Und das Schönste war: Nicht Daddy stand im Mittelpunkt wie sonst, wenn ich Golf spiele, sondern die Kinder”, sagte Woods. Anstatt an seinem Schwung zu feilen, habe er stundenlang Sportspiele am Computer gezockt und sei mittlerweile ein echter Experte darin, offenbarte er Anfang des Jahres in einer US-Talksendung.

Der Einzelgänger, der auf dem Golfplatz niemanden neben oder knapp unter sich duldete, hat aus seiner schwierigen Situation das Maximum rausgeholt. Seit Woods wieder regelmäßig Turniere spielt, ist er bei Fans und Kollegen nicht mehr nur der respektierte, aber wenig geliebte Superstar.

Woods geht auf die Menschen zu, scherzt mit den Fans und spielt Proberunden mit seinem ewigen Rivalen Phil Mickelson, mit dem er sich am Tag nach Thanksgiving sogar zu einem Privatduell über 18 Löcher in Las Vegas verabredete. Die Spielerkollegen respektieren ihn immer noch, durch sein grandioses Comeback noch mehr als früher. Aber mittlerweile verbindet Woods mit dem einen anderen auch eine echte Freundschaft. Und die Golf-Fans rasten regelmäßig aus, wenn er seine Eisenschläge an die Fahne nagelt oder 15-Meter-Putts locht.

Sportstars huldigen Woods

“Normalerweise sind Spitzensportler nach so einer Verletzungsgeschichte durch. Aber Tiger gehört eben zur Elite der Elite. Und die Allerbesten sind niemals durch”, sagte US-Golfexperte und Bestseller-Autor John Feinstein im Interview mit Yahoo Sport.

Nicht wenige Sportlerkollegen, darunter Stars Roger Federer, Michael Phelps oder Gareth Bale, gratulierten Woods über die sozialen Netzwerke und schrieben vom “größten Sport-Comeback aller Zeiten”.

Betrachtet man die Entwicklung im professionellen Golf genauer, ist Tigers Comeback wahrlich ein Meisterstück. Mit immer besserem Material stoßen immer mehr junge Spieler zwischen 20 und 30 in die Weltspitze vor. Spieler wie Jordan Spieth, Justin Thomas, Dustin Johnson, Rory McIlroy, John Rahm oder Tommy Fleetwood haben Golf auf ein neues, bis dato nie erreichtes Level gehoben. Die Breite an der Spitze ist enorm; bei jedem Turnier gibt es mindestens zwei Dutzend Sieganwärter.

Was die Schlaglänge angeht, kann Woods, der jahrelang zu den Longhittern auf der Tour gehörte, mit der neuen Generation nicht mehr mithalten. “Früher flogen die Bälle mit dem Driver 250 Meter, heute sind es 280/290. Das habe ich nicht drauf”, gab er zu. Mit seinen bald 43 Jahren muss Woods an anderer Stelle punkten. Zum x-ten Mal hat er seinen Schwung modifiziert, um eine möglichst hohe Schlägerkopfgeschwindigkeit im Treffmoment zu erreichen und zusätzlich seinen Rücken nicht zu sehr zu belasten.

Fiasko heim Ryder Cup

Woods hat ein Dutzend Putter ausprobiert, stets auf der Suche nach dem besten Feeling auf den Grüns. Er hat eifrig an seinem kurzen Spiel gefeilt und ist mehr als früher auf Genauigkeit aus. Fairways treffen, Grüns treffen, gutes Scrambling rund um und auf den Grüns – das ist das neue Tiger-Spiel.

Dass noch nicht alles rund läuft, musste Woods beim Ryder Cup in Paris erleben. Viermal wurde er von US-Kapitän Jim Furyk eingesetzt – und verlor alle Matches. Hinterher begründete er seine eher schwache Performance auf dem Monsterplatz von Le Golf National mit seiner fehlenden Fitness. “Ich hätte Anfang des Jahres nie daran gedacht, dass ich fast eine volle Saison durchspiele. Ich bin einfach müde, mein Körper war dafür nicht ausreichend trainiert”, sagte er.

Die Offseason will Woods, der am 29. Dezember 43 wird, nun intensiv nutzen, um auch physisch wieder bestens gerüstet zu sein. “Ich werde so hart trainieren wie vielleicht noch nie in meinem Leben”, kündigte er an. Für seine Kollegen auf der Tour klingt das fast wie eine Drohung. Und die komplette Weltelite rechnet für 2019 auch fest mit einem Tiger in Bestform. “Tiger ist der beste Spieler aller Zeiten. Wer ihn abschreibt, macht einen schweren Fehler. Sein Comeback war atemberaubend und im nächsten Jahr wird er noch besser sein”, sagte Rickie Fowler.

2008 holte Woods bei den US Open den bisher letzten seiner 14 Majorsiege. Zum Rekord von Jack Nicklaus fehlen ihm immer noch vier. Allein Nummer 15 wäre nach so langer Zeit ohne Majortitel schon eine überragende Leistung. Wenn das im Golf einem gelingen kann, dann nur einem: Tiger Woods.

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