Torwart-Arbeitsteilung - Erfolgsmodell oder Pulverfass?

Johannes Fischer
Sport1

Der am Samstag offiziell bestätigte Wechsel von Schalke-Keeper Alexander Nübel zum FC Bayern im kommenden Sommer hat schon viel Staub aufgewirbelt.

Dies liegt vor allem an der besonderen Konstellation: Anders als bei üblichen Transfers könnte der Deal am Ende mehr als einen Verlierer haben. 

Dass die Schalker enttäuscht sind, ihren begehrten Stammtorhüter ohne Transfererlös zu verlieren, ist verständlich. Doch auch bei Nübels neuem Klub könnte der Deal zur Unzufriedenheit eines weiteren Beteiligten führen.  

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Die brisante Frage, die sich der Rekordmeister stellen muss: Wie kann Nübel ab der kommenden Saison seine Einsätze bekommen, ohne Manuel Neuer vor den Kopf zu stoßen?

Bayern steckt im Dilemma

Laut Sport Bild haben die Münchner dem 23-Jährigen bis zu 15 Pflichtspiel-Einsätze versprochen. Gleichzeitig habe der Weltmeister-Torwart von 2014 signalisiert, dass er nicht bereit sei, seinem neuen Kontrahenten auch nur ein Partie zuzubilligen - nicht einmal Testspiele.

Der neue Bayern-Vorstand Oliver Kahn gab sich bei seiner Vorstellung diplomatisch, stärkte aber Neuers Nummer-1-Status. Nübel habe gesagt, "dass das sein Weg ist, dass er sich als künftige Nummer eins sieht, aber auch vorher von Manuel Neuer lernen will. Seine Entscheidung ist extrem mutig."

Dennoch stecken die Bayern in einem Dilemma, zumal sie Neuers Vertrag, der bis 2021 läuft, verlängern wollen. Nach derzeitigem Stand wird Neuer in den sauren Apfel beißen müssen - und es auf ein Jobsharing hinaus laufen.

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Sich den Arbeitsplatz im Kasten zu teilen ist im Fußball die absolute Ausnahme, sieht man einmal von einer "Rotation light" ab, die einige Premier-League-Klubs betreiben. So steht Sergio Romero als Ersatzkeeper von Manchester United regelmäßig im FA Cup oder in der Europa League zwischen den Pfosten.

Als Bayerns Vorbilder einer echten Rotation dienen in der jüngsten Fußballgeschichte vor allem zwei Klubs: Der FC Barcelona und Paris Saint-Germain. SPORT1 hat sich die "Jobsharing-Modelle" genau angeschaut - die auch beim BVB und Schalke schon praktiziert wurden.

FC Barcelona (Claudio Bravo/Marc-André ter Stegen): 

Bei den Katalanen ging im Sommer 2014 die Ära von Víctor Valdés zu Ende. Doch statt sich auf einen Nachfolger festzulegen, holte Barca sowohl Marc-André ter Stegen als auch Claudio Bravo für jeweils 12 Millionen Euro und rief einen offenen Konkurrenzkampf aus. 

Ter Stegen, damals mit 22 noch ein Jahr jünger als Nübel heute, hatte sich schon in Gladbach erste Meriten verdient, ihm wurde eine große Karriere prophezeit. Bravo, der vom Ligakonkurrenten Real Sociedad San Sebastian kam, war dagegen schon 31 Jahre alt, hatte als Trumpf demnach die größeren Erfahrung.


Weil sich ter Stegen in der Vorbereitung verletzte, wurde den Verantwortlichen die Entscheidung abgenommen, wer denn zum Saisonstart im Tor stehen würde. Bravo ergriff bravourös seine Chance und blieb die ersten acht Saisonspiele in der Meisterschaft ohne Gegentor.


Gleichzeitig durfte ter Stegen sowohl in den Champions League als auch in der Copa del Rey ran - und machte seine Sache ebenfalls gut. Für beide Keeper war die Situation zwar nicht einfach, doch öffentliche Beschwerden verkniffen sie sich.

Cheftrainer Luis Enrique, der im Sommer 2014 die Vereinsikone Pep Guardiola beerbt hatte, konnte sich selbst auf die Schulter klopfen: Am Ende einer grandiosen Saison feierte Barcelona das Triple.   

In der darauffolgenden Spielzeit blieb ter Stegen nicht mehr so ruhig und forderte intern, zeitnah die Nummer 1 im Barca-Tor zu werden. Doch weil sich Bravo weiterhin nicht viel zu Schulden kommen ließ, blieb auch 2015/16 der Status Quo beibehalten: Der Chilene hütete das Tor in der spanischen Meisterschaft, der Deutsche in den beiden Pokal-Wettbewerben.

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Die Leistungen beider Keeper waren erneut konstant gut: Während Barca die Titelverteidigung in der Champions League verpasste, holte das Team von Enrique Meisterschaft und Copa del Rey. 

Zu einer gemeinsamen dritten Saison sollte es dann nicht mehr kommen. Die Klub-Chefs wollten ter Stegen ab der Saison 2016/17 zur unumstrittenen Nummer 1 machen - wodurch sich Bravo zu einem Wechsel zu Manchester City genötigt sah. "Ich war nicht erste Wahl bei Barca, das war ter Stegen", sagte er bei Cadena Ser.


Bravo: "Ich war ehrlich und habe Barcelona gesagt, dass ich nicht auf der Bank sitzen will. Das ist nicht mein Ding. Sie boten mir einen neuen Vertrag an, aber beide Seiten haben mit offenen Karten gespielt und ich wollte nicht weitere vier Jahre bleiben und dann kaum spielen."

Paris Saint-Germain (Alphonse Aréola/Gianluigi Buffon)

Auch beim französischen Spitzenklub gab es in der vergangenen Saison eine Rotation auf der Torhüterposition. Cheftrainer Thomas Tuchel setzte in seiner ersten Spielzeit als PSG-Coach auf ein Teilzeitmodell mit seinen beiden Keepern Alphonse Aréola und Gianluigi Buffon. 

Während Aréola in der Vorsaison Kevin Trapp als Stammkeeper verdrängt hatte, wurde Altstar Buffon ablösefrei aus Turin geholt. Wieder gab es also die Konstellation mit einem jüngeren (Aréola/25) und einem erfahrenen (Buffon/39) Keeper.

Für den Franzosen war die Situation allerdings eher befruchtend als belastend, wie er Ende 2018 verriet: "Im Moment bin ich glücklich mit dem, wie es läuft. Gigi war immer mein Idol und jetzt habe ich die Chance, mit ihm zu trainieren, also kann ich mich nur verbessern."


Am Ende der Saison hatten beide Torhüter ähnliche Einsatzzeiten: Aréola stand 21 Mal in der Ligue 1, drei Mal in der Champions League und fünf Mal in der Coupe de France im Tor. Buffon kam insgesamt auf 17 Einsätze in der Liga, fünf in der Königsklasse und einen im Pokal. 

Gemessen am Anspruch des Nobelklubs war die Ausbeute am Ende der Saison eher bescheiden. Während PSG die Meisterschaft haushoch gewann, war in der Champions League im Achtelfinale Schluss. 


Im Gegensatz zum Barca-Modell hatte sich die Rotation rückblickend als unbefriedigend herausgestellt. Bereits am Ende der Saison sagte Tuchel, dass er in der folgenden Spielzeit auf ein Jobsharing verzichten werde. "Wir können so nicht weitermachen. Die Rolle des Torhüters ist eine besondere und es ist unmöglich, jedes zweite oder drittes Spiel zu wechseln." 

Ein weiteres Jahr mit verschärfter Rotation blieb Aréola und Buffon ohnehin erspart. Beide Schlussmänner verabschiedeten sich im Sommer aus Paris: Aréola wurde an Real Madrid ausgeliehen, Buffon kehrte zu Juve zurück. Das PSG-Tor hütet nun Keylor Navas.

Borussia Dortmund (Roman Bürki/Roman Weidenfeller)

Der BVB läutete 2015 den Generationswechsel im Tor ein. Der 25 Jahre jungen Bürki kam vom SC Freiburg und löste den zehn Jahre älteren Weidenfeller als Nummer 1 ab - allerdings auf Raten.

Schon in der 1. Saison war Bürki Stammkeeper in der Bundesliga und im DFB-Pokal, international in der Europa League spielte aber (wenn fit) immer der erfahrenere Weltmeister von 2014. Im Halbfinale gegen Liverpool war dort allerdings Schluss, Bürki hatte im Elfmeterschießen des Pokalfinales gegen den FC Bayern das Nachsehen.

Ab da spielte Bürki in allen Wettbewerben, sein Mittelhandbruch Ende November 2016 verschaffte Weidenfeller aber ebenfalls Einsätze - und Lust auf mehr. Nach sechs Bundesliga-Spielen in Serie wollte der damals 36-Jährige seinen Platz zwischen den Posten zumindest nicht geräuschlos räumen und erklärte nach dem 2:1 in Bremen Ende Januar 2017 bei Sky: "Ich habe gut gehalten und wir haben gewonnen. Es gibt keinen Grund etwas zu ändern."

Trainer Thomas Tuchel sah das allerdings anders. "Da muss ich ihn enttäuschen, wenn Bürki wieder fit ist, steht er im Tor", verkündete der BVB-Coach - und genau so kam es dann auch. Weidenfeller kam danach nur noch in drei Pflichtspielen zum Einsatz, der dritte war eine Einwechslung zum Abschied in der 94. Minute am 34. Spieltag der Saison 2017/2018. Danach beendete er seine Karriere.


Schalke 04 (Alexander Nübel/Ralf Fährmann) 

Eine Mini-Form des Jobsharings kennt Alexander Nübel bereits aus Schalker Zeiten. In der vergangenen Spielzeit hatte er im Winter Ralf Fährmann aus dem Kasten der Knappen verdrängt und stand in der Bundesliga fortan im Tor.


Doch der damalige Trainer Domenico Tedesco wollte Fährmann zumindest die Einsätze in der Königsklasse nicht verwehren. "Die Champions League ist auch ein Verdienst von Ralf Fährmann", sagte Tedesco, der sich vor den Duellen mit Manchester City im Achtelfinale zu einem Wortwitz hinreißen ließ: "Das ist nur fair, Mann!"

Genießen konnte Fährmann Tedescos Trostplaster nicht - im Gegenteil. Beim 0:7 und 2:3 kassierte er insgesamt zehn Tore. Zumindest das dürfte Nübels Konkurrent bei den Bayern in der kommenden Saison nicht blühen.

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