Toto Wolff exklusiv: Wie die Mercedes-Dominanz wirklich angefangen hat

Christian Nimmervoll

Toto Wolff gehört, das steht nach sechs WM-Doubles hintereinander zweifelsfrei fest, zu den großen Persönlichkeiten der Formel-1-Geschichte. Für die ruhigeren Wintertage 2019/20 haben wir den Mercedes-Teamchef bereits beim Grand Prix von Mexiko Ende Oktober zum großen Interview gebeten, um auf die Saison 2019, aber besonders die Erfolgsgeschichte des deutsch-britischen Rennstalls insgesamt zurückzublicken.

Frage: "Herr Wolff, sechsmal Weltmeister. Sie sind jetzt, gemessen an Formel-1-Titeln, erfolgreicher als Jean Todt. Alfred Neubauer, Norbert Haug, alle übertroffen. Müssen Sie sich nicht manchmal zwicken, um sicher zu sein, dass Sie nicht aus dem Traum aufwachen?"

Toto Wolff: "Ich zwicke mich. Diese Namen wie Haug, Neubauer, Jean Todt, Ron Dennis, Frank Williams, und einige andere, etwa Colin Chapman, die haben Rekorde gesetzt."

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"Dass wir jetzt diesen Rekord mit sechs Titeln hintereinander gebrochen haben, ist irgendwie surreal. Weil ich es überhaupt nicht so wahrnehme. Ich weiß nicht, ob meine Wahrnehmung anders ist, weil einfach die Zeiten anders sind. Keineswegs fühlt sich hier irgendjemand auch nur annähernd auf Augenhöhe mit diesen ikonischen Persönlichkeiten der Vergangenheit."

Frage: "Ich verstehe Ihre subjektive Wahrnehmung. Die Realität ist aber, dass auch über Sie einmal Bücher geschrieben werden."

Wolff: "Diesen Eindruck habe ich nicht. Wir diskutieren intern auch manchmal, ob der Stellenwert der Formel 1 noch so ist, wie er vor 30 Jahren war. Ich weiß nicht. Vielleicht liegt's auch daran, dass wir die Attitüde haben, das Glas immer halbleer zu sehen."

"Wenn du mittendrin bist, kannst du dich nicht zurücklehnen und sagen: 'Das ist jetzt gut gelaufen und wir haben einen Rekord geschlagen.' Vielleicht kommt eines Tages der Tag, wo wir sagen: 'Das war's. Wir haben eine Zeit geprägt.' Aber auch dann kickt bei mir wieder der Realismus ein, der mir sagt: 'Und wen interessiert's?' Außer vielleicht einen Eintrag auf einer Wikipedia-Seite. We are moving on - und dann kommt was Neues."

Mercedes hat 2019 zum sechsten Mal das WM-Double in der Formel 1 gewonnen

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Mercedes hat 2019 zum sechsten Mal das WM-Double in der Formel 1 gewonnen LAT

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"Gleichzeitig muss man es auch aus dem Blickwinkel betrachten, dass diese Anerkennung eigentlich keine Veränderung meines persönlichen Glücks verursacht. Was mich glücklich macht, sind die Beziehungen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, meine Familie, meine Freunde. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit mir auf der gleichen Reise sind. Das sind die Dinge, die mich glücklich machen."

"Und dann auch, dass ich mir Ziele setze und versuche, meiner eigenen Erwartungshaltung gerecht zu werden. Das hat einen viel größeren Anteil an meinem Wohlbefinden als eine externe Wahrnehmung, weil man in den Medien ist, weil man erkannt wird."

"Ich glaube, dass es für einen jungen Sportler oder einen jungen Künstler viel schwieriger ist, zu relativieren, was das eigentlich bedeutet, als für einen Erwachsenen, wo das relativ spät passiert ist. Ich nehme es wahr als das, was es ist. Aber nicht mehr."

Toto Wolff: Ross Brawns Erbe nur gekonnt verwaltet?

Frage: "Bei Ihren ersten Titeln haben viele noch gesagt - und ich gebe zu, ich war einer davon: 'Ross Brawn hat das Fundament gelegt und Mercedes zur richtigen Zeit viel Geld in die Hand genommen. Jeder Teamchef hätte diesen Erfolg gehabt.'"

Dazu müssen unsere Leser wissen: Als Mercedes Ende 2009 das Brawn-Team übernahm, das gerade mit Jenson Button die WM gewonnen hatte, trat der Daimler-Konzern mit dem Ziel in der Formel 1 ein, mit wenig Geld maximalen Erfolg zu erreichen. Doch das so ausgerichtete Projekt scheiterte.

Trotz Michael Schumacher und Nico Rosberg gelang bis Ende 2012 nur ein einziger Grand-Prix-Sieg (Rosberg in Schanghai 2012). Die Weichen mussten also neu gestellt werden, und Ross Brawn, Wolffs Vorgänger als Teamchef, überzeugte den Daimler-Konzern davon, dass er mehr investieren muss, um den gewünschten Erfolg zu erzielen. Auch Schumacher leistete mit seiner Strahlkraft wichtige Lobbyarbeit.

Nach und nach dämmerte den Entscheidungsträgern, dass billiger Erfolg in einem Millionensport wie der Formel 1 nicht möglich ist. 2013, in einer Zeit, als das sogenannte Resource-Restriction-Agreement (eine Art Vorläufer der Budgetobergrenze) wirksam wurde, nahm Mercedes mehr Geld in die Hand als jedes andere Team - und entwickelte im Hintergrund jenen Antriebsstrang für die neue Hybrid-Formel, der ab 2014 alles gewinnen sollte.

Frage: "Aber inzwischen ist Ross Brawn weg, Paddy Lowe ist weg, 2017 gab es eine Regel-Revolution - und trotzdem hört Mercedes nicht auf zu gewinnen. Wie machen Sie das?"

Wolff: "Den Anteil am Erfolg eines Teams haben immer die Menschen, die Entscheidungen treffen. Das ist nie einer oder zwei. In den großen Strukturen, in denen wir heute sind, sind das auf den verschiedenen Levels sehr viele Menschen. Jeder hat einen Anteil an dem Erfolg. Genauso haben Ross und Norbert und Paddy Anteil am Erfolg dieses Teams."

Michael Schumachers Anteil an der Mercedes-Erfolgsstory

Frage: "Auch Michael Schumacher? Es heißt, er habe wichtige Lobbyarbeit dafür geleistet, den Vorstand davon zu überzeugen, mehr Geld in die Hand zu nehmen."

Wolff: "Auch Michael hat einen großen Anteil. Hätte es BrawnGP nicht gegeben, Norberts Vision eines eigenen Teams, mit Michael als Starpiloten, dann hätte es unsere Erfolgsgeschichte nicht gegeben."

"Die Veränderung in der Wahrnehmung des Vorstands unseres Projekts hat Ende 2012, Anfang 2013 stattgefunden. Man hat mich als Externen gebeten, einen Vergleich anzustellen, ob die Organisation und die Ressourcen des Mercedes-Teams die eigene Erwartungshaltung erfüllen können, um Weltmeistertitel zu fahren."

Michael Schumacher baute das Mercedes-Team maßgeblich mit auf

Michael Schumacher baute das Mercedes-Team maßgeblich mit auf <span class="copyright">LAT</span>
Michael Schumacher baute das Mercedes-Team maßgeblich mit auf LAT

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"Meine Zusammenfassung ging dahin, dass ich gesagt habe: 'Ihr arbeitet mit einer ähnlichen Organisation, einer ähnlichen Struktur und ähnlichen Ressourcen wie Williams. Bei Williams ist mein Anspruch, in die Top 5 zu kommen. Hier gibt's eine Lücke zwischen der Erwartungshaltung und dessen, was tatsächlich möglich ist.'"

"Der Budgetsprung hat 2013 stattgefunden. Die Entscheidung, die wir getroffen haben, die ich damals vorgelegt habe, war: 'Wir können so weitermachen. Dann wäre meine realistische Einschätzung irgendwo zwischen Platz drei und Platz sechs. Oder wir machen einen Schritt in Richtung Red Bull. Dann glaube ich, dass wir über die Jahre, mit dem neuen Reglement 2014, um die WM fahren können.'"

"Diese Entscheidung musste getroffen werden, und diese Entscheidung haben damals Dieter Zetsche und seine Vorstandskollegen getroffen. Im Poker würde man sagen: 'All in!' Dieses Vertrauen haben wir zurückgezahlt. Nicht nur mit den Erfolgen auf der Strecke, sondern auch mit den finanziellen Anreizen, die damit gekommen sind, sodass das Preis-Leistungs-Verhältnis unseres Engagements heute sehr gut ist."

Toto Wolff: Eigentlich sollte er Daimler nur beraten ...

Frage: "Verstehe ich das richtig, dass Mercedes zunächst gar nicht mit der Idee an Sie herangetreten ist, Sie als Shareholder und Teamchef an Bord zu holen, sondern man wollte nur eine externe Meinung von Ihnen einholen?"

Frage: "Ja."

Frage: "Es ging zunächst nicht um eine Zusammenarbeit in irgendeiner Form?"

Wolff: "Nein. Es ging um meine externe Meinung. Ich habe versucht - ohne Porzellan zu zerbrechen -, Dinge aufzuzeigen und meine Einschätzung zu geben. Ich war ja auch gerade erst ein Jahr operativ bei Williams. In dem Jahr hatten wir ein Rennen gewonnen."

"Die Frage, die Zetsche mir gestellt hat, war: 'Wie könnt ihr ein Rennen gewinnen als Williams und wir als Mercedes auch? Mit welchen Ressourcen operiert ihr?' Und am Ende waren es die gleichen Ressourcen. Erst in einem Folgemeeting ist die Idee entstanden: 'Könntest du dir vorstellen, das mit uns zu machen?'"

Es ist ein bisher nicht öffentlich dokumentierter Aspekt der Formel-1-Geschichte, dass der Sieg von Pastor Maldonado auf Williams in Barcelona 2012 möglicherweise eines der Schlüsselereignisse für die heutige Mercedes-Dominanz in der Formel 1 war. Der überraschende Sieg des Williams-Teams brachte den damaligen HWA- und Williams-Investor Wolff bei Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche als Berater aufs Radar. Der Rest ist Geschichte.

Frage: "Einer der wichtigsten Gründe, warum jede Erfolgsära einmal zu Ende geht, ist, weil Mitarbeiter von anderen Teams hoch dotierte Angebote erhalten, um das Know-how abzuwerben. Da kann man dann entweder die Gehälter nachziehen, was irgendwann zu einer Kostenexplosion führt, oder man geht das Risiko ein, die besten Mitarbeiter zu verlieren. Wie haben Sie diesen Spagat so gut hinbekommen?"

Wolff: "Ich gebe Ihnen recht. In der Vergangenheit sind Organisationen zerfallen, weil Mitarbeiter entweder abgeworben wurden oder sie sich verändern wollten und aufgehört haben mit der Formel 1. Manche wurden auch schlichtweg selbstzufrieden."

Warum große Erfolgsteams oft zerfallen sind

Dem Mercedes-Team ist ein Zerfall wie einst Benetton (Ende 1995) oder auch Ferrari (Ende 2006) bisher erspart geblieben. Dabei haben einige wichtige Mitarbeiter neue Herausforderungen gesucht. Der Technische Direktor Paddy Lowe wechselte Ende 2016 zu Williams. Er wurde durch James Allison nahtlos ersetzt - und trotz Regelreform 2017 blieb ein spürbarer Knick in der Erfolgsbilanz aus.

‘¿’Bereits davor hatte Bob Bell Mercedes verlassen (Ende 2013); später dann Aldo Costa und Mark Ellis (beide 2018). Eine Liste, die man durchaus noch fortsetzen könnte. Aber: Mercedes hat die Gelegenheit stets genutzt, neuen Mitarbeitern durch die Abgänge Perspektive zu bieten - was jüngerem Talent die Chance gab, sich intern weiterzuentwickeln und nicht woanders auf Jobsuche gehen zu müssen.

Wolff fährt fort: "Wir sind uns dieser riesigen Risken total bewusst. Wir hatten in den vergangenen Jahren fast keinen Verlust von Mitarbeitern. Aber nicht weil wir am meisten bezahlen, sondern weil wir ein Umfeld kreiert haben, in dem du ordentlich bezahlt wirst, aber auch die anderen Benefits stimmen. Unter Benefit verstehe ich zum Beispiel, für eine Marke wie Mercedes zu arbeiten. Das ist ehrenvoll."

"Zudem haben wir ein Arbeitsumfeld kreiert, das sehr modern ist. Wir sind eine Organisation, die nicht nach dem 'Hire-&-Fire-Prinzip' vorgeht, sondern wir unterstützen Menschen, wenn's auch mal nicht gut geht. Deswegen haben wir die Schwelle schon sehr hoch gehoben, was jemand bieten müsste, um einen Mitarbeiter abzuwerben."

"Gleichzeitig haben wir trotzdem das Problem wie jede andere Organisation, dass junges Talent nachkommt, und diesen jungen Leuten muss man die Chance geben zu wachsen. Wir haben auf dem Top-Level Seniorität, die richtig erfahren ist. Diese Balance ist nicht immer einfach. Aber es ist uns zum Beispiel mit Aldo Costa oder Mark Ellis gut gelungen."

Das "System Toto Wolff" wurde in der Montags-Kolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" von Chefredakteur Christian Nimmervoll in den vergangenen Jahren immer wieder beschrieben und gelobt. Wolffs Erfolg bei Mercedes ist aber auch zentraler Inhalt im zweiten Teil der Video-Show "Der große Jahresrückblick: 10 gewagte Thesen zur Formel-1-Saison 2019", die jetzt auf den YouTube-Channels von Motorsport-Total.com und Formel1.de verfügbar ist.

Teil 2 des großen Interviews mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff wird am Samstag (4. Januar) auf den Portalen von Motorsport Network Deutschland (Motorsport-Total.com, Formel1.de & de.motorsport.com) veröffentlicht.

Mit Bildmaterial von LAT.

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