Die tragische Lebensgeschichte von Bradys neuem Partner

Patrick Hauser
·Lesedauer: 4 Min.

"Ich habe sechs Jahre in der NFL gespielt und war noch nicht einmal in den Playoffs. Tom Brady hat sechs Super Bowls gewonnen."

So euphorisch begrüßte Mike Evans seinen neuen berühmten Teamkollegen Tom Brady bei den Tampa Bay Buccaneers - beim Livestreaming-Videoportal Twitch, über das er das Spiel Fortnite zockte und sich mit seinen Zusehern unterhielt: "Es ist surreal. Er wird nun bald mein Quarterback sein, Mann!"

Nun ist Evans allerdings keineswegs erleichtert darüber, dass er mit Brady einen der erfolgreichsten Quarterbacks aller Zeiten bekommt und die Ära Jameis Winston bei den Bucs beendet ist.

Im Gegenteil: Der Wide Receiver verteidigte seinen alten Spielmacher stets gegen Kritik, einmal prügelte er sich während eines Spiels sogar seinetwegen.

Schlüsselspieler bei Tampa Bay Buccaneers

Dennoch weiß auch der 26-Jährige, dass die Bucs mit Brady angreifen wollen und die Playoffs das Ziel für die kommende Saison sind.

Evans soll dabei eine wichtige Rolle zukommen: Der Passfänger ist nominell zwar nur die Nummer zwei auf seiner Position hinter Chris Godwin. Da er allerdings meist gedoppelt wird und so Platz für seinen Kollegen schafft, ist die tatsächliche Rangfolge eher umgekehrt. 2019 waren die beiden das produktivste Receiver-Duo der NFL.

Evans kam 2014 als Nummer-7-Pick der Bucs in die NFL und hat sich zu einem Schlüsselspieler entwickelt. In jeder Saison kam er auf mehr als 1000 Receiving Yards, 2019 waren es in 13 Spielen 1157 Yards und acht Touchdowns.

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Der Erfolg machte sich für Evans bezahlt, in der kommenden Saison verdient er 16,75 Millionen US-Dollar. Seine tiefen Läufe sind kaum zu verteidigen, zudem ist er mit 1,96 Meter Körpergröße ein sehr sicherer Passfänger, dem Bradys Spielstil zugutekommen dürfte.

Onkel Sam ermordet Vater von Mike Evans

Zu Evans' Geschichte zählt allerdings auch ein tragisches Familiendrama, das er im Alter von neun Jahren in seiner Heimatstadt Galveston in Texas erlebte.

"Die Polizei hatte mich und meine Schwester aufgeweckt und gesagt: 'Ihr müsst mit uns kommen'", erinnert sich Evans in einer ESPN-Dokumentation der Serie "E:60".

Der junge Mike erfuhr, dass sein Vater Mickey ermordet wurde - von seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter. Heather bekam Sohn Mike bereits mit 14 Jahren, während dieser Zeit verbüßte ihr Bruder Sam Kilgore eine Gefängnisstrafe wegen eines schweren Einbruchsdelikts.

Als Sam wieder auf freien Fuß kam, lebte er eine Zeit lang bei seiner Schwester und erfuhr, dass diese von ihrem Mann körperlich misshandelt wurde. Mike bekam davon nichts mit - außer, dass sein Vater einst 30 Tage in Arrest kam, weil er seiner Frau eine Bierdose ins Gesicht warf, die ihre Lippe aufspaltete.

"Sam kam zurück zum Haus, wo Mikes Dad auf Mike und seine Schwester aufpasste. Er wollte Mikes Vater zu einem Streit provozieren, Mickey ging darauf jedoch nicht ein und wollte nicht streiten. Das hat Sam noch wütender gemacht", erzählt John Minton III, einer der Produzenten der ESPN-Doku, von der tragischen Nacht im Jahr 2002.

"Er ging ins Schlafzimmer, holte sich eine Waffe und schoss auf ihn. Mickey sprang durch ein Fenster, Sam nahm sich ein Taschenmesser und ging auf ihn los. Dann schoss er ihm in die Stirn und Mikes Vater starb auf der Straße, während Mike oben in seinem Bett schlief."

Onkel tötet auch Zellengenossen

Evans musste mit dem Verlust seines von ihm verehrten Vaters klar kommen, er besuchte sogar gemeinsam mit seiner Mutter den Onkel im Gefängnis.

"Mike hat seinen Onkel später oft im Gefängnis besucht und viel mit ihm gesprochen. Im Laufe der Zeit hat Mike gelernt, ihm zu vergeben", erklärt ESPN-Journalist Dan Lindberg.

Aus dem Gefängnis wird Sam Kilgore nie mehr herauskommen. 2006, vier Jahre nach dem Mord an Mikes Vater, tötete er erneut einen Menschen, diesmal einen Zellengenossen im Gefängnis.

Evans: "Das ist ein Teil von mir"

"Das war hart und viele Leute haben harte Geschichten in der Welt erlebt", erklärte der NFL-Profi, als die Dokumentation 2016 veröffentlicht wurde: "Ich will nicht, dass jemand meinetwegen traurig ist. Man darf einfach nicht aufgeben. Es gibt keine Entschuldigung für das Vergehen. Man muss einfach weiterkämpfen und etwas Positives daraus machen."

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Evans lernte daraus, selbst ein besseres Leben zu führen. Er hat mittlerweile zwei Töchter und zeigt sich als liebender Familienvater, auch seine Mutter spielt weiterhin eine wichtige Rolle in seinem Leben.

"Es macht mir nichts aus, darüber zu sprechen. Das ist ein Teil von mir. Es hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin", sagt der 26-Jährige über den tragischen Vorfall.

Gründung von Stiftung gegen häusliche Gewalt

Außerdem gründete er im Dezember 2017 die Mike Evans Family Foundation, die sich um Heranwachsende aus einkommensschwachen Familien kümmert und gegen häusliche Gewalt vorgeht.

"Ich bin selbst in einem Haushalt mit häuslicher Gewalt aufgewachsen und weiß daher, wie schwierig das ist", erklärt Evans.

Evans hat das dunkle Kapitel seines Lebens überstanden. Nun will er mit Brady sportlich angreifen.