Trainer gegen Medien: Die neue Empfindlichkeit der Bundesliga

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Niko Kovac setzte nach dem 5:0 gegen den BVB zur Medienkritik an. Bild: Getty Images
Niko Kovac setzte nach dem 5:0 gegen den BVB zur Medienkritik an. Bild: Getty Images

Kovac, Hecking, Stevens, Dardai: Die Bundesliga erlebte am vergangenen Spieltag einen bemerkenswerten Schulterschluss ihrer Trainer, die sich in teils harschem Ton die Medien vorknöpften. Ihre Kritik ist aber nicht das Einzige, was sie eint.

Von Patrick Strasser

Am Anfang war die Wutrede. Der legendäre Wort- und Satzfetzen-Ausbruch des legendären Giovanni Trapattoni, damals in Diensten des FC Bayern. Vor etwas mehr als 21 Jahren, im März 1998, machte sich der Italiener in seinem unnachahmlichen Deutsch kräftig Luft: “Ein Trainer ist nicht ein Idiot!” Was die zentrale Botschaft war, Einzelschicksale (Struuunz! Mehmet!) vernachlässigen wir hier einmal. Und dann schnaubte Trap noch, je-de ein-zel-ne Sil-be betonend: “Ein Trainer sehen was passieren in Platz.”

Ein Frontalangriff als Akt der Verteidigung. Diese Flasche-leer-Rede des heute 80-Jährigen gilt als Beginn der Selbstverteidigung der Trainerzunft in der jüngeren Historie des Fußballs. Trapattoni, ansonsten ein Gentleman vor dem Herrn, schrie die Journalisten im damaligen Presse-Kabuff an, dass ihnen Hören und Sehen verging. In seiner Schimpftirade erwähnte er die Medien einmal explizit: “Ich lese nicht sehr viele Zeitungen, aber ich habe gehört viele Situationen: Wir haben nicht offensiv gespielt. Es gibt keine deutsche Mannschaft spielt offensiv und die Namen offensiv wie Bayern.”

Doch die Journalisten waren nur Platzhalter für die Kritik, standen stellvertretend für Traps Spieler, seine Vorgesetzten, die Bosse, das Umfeld. Trapattoni fühlte sich zu stark kritisiert, in die Enge getrieben – im Rahmen einer sportlichen Krise, die er zu einem hohen Maße mitzuverantworten hatte. Also teilte er aus, führte einen Stellvertreterkrieg der Worte.

“Wenn du verlierst, ist immer der Trainer schuld”

Auch Niko Kovac ging letztes Wochenende diesen Weg, volle Offensive. Ausgerechnet nach dem 5:0 gegen Borussia Dortmund, seinem größten und wichtigsten Sieg, holte er zum bissigen Gegenschlag aus – gegen die Medien. Im Bauch ein Magengrummeln, im Kopf tausend Gedanken des Zweifels, eine verletzte Seele. Eine turbulente Saison, seine erste als junger und noch nicht sehr erfahrener Trainer in München, hat Spuren hinterlassen, offene Wunden, die er meist dank seines stets frischen Aussehens nach außen kaschiert.

Wer bei Bayern unterschreibt, arbeitet unter einem Brennglas, der Sturm der Eitelkeiten sämtlicher Beteiligter stets frontal im Gesicht. Es gibt keine härtere Prüfung. Allzu menschlich also, dass sich bei Kovac im Moment des Triumphes, im Augenblick der Genugtuung, ein Ventil öffnete. Ausgang war eine Frage auf der gemeinsamen Pressekonferenz nach Spielende an den soeben mit 0:5 vermöbelten BVB-Trainer Lucien Favre, der dazu ein 0:10-Gesicht machte. Seine Aufstellung wurde hinterfragt, offensichtlich einer der Gründe für den schwarz-gelben Untergang.

Favre antwortete beleidigt: “Wenn du verlierst, ist immer der Trainer schuld.” Sein Nachbar klopfte ihm auf die Schulter. Kopf hoch, Leidensgenosse! Kovac nahm den Ball auf: “Wir (Trainer) sind diejenigen, die alles abbekommen. Wenn du gewinnst, hast du nichts richtig gemacht. Wenn du verlierst, hast du alles falsch gemacht.” Sarkasmus.

Waren die Journalisten, ähnlich wie bei Trapattoni, der wahre Adressat der Attacke von Kovac? Das mit der Kritik, ob berechtigt oder über das Ziel hinausschießend, war schon immer so, ist Teil des Geschäfts. Eine Nebenwirkung, auf die man sich als Trainer einlassen muss, wenn man sich für den Job entscheidet.


#metoo für Bundesligatrainer

Immer mehr Trainer wollen dies aktuell nicht hinnehmen. Sie begehren auf, protestieren gegen die aus ihrer Sicht diskriminierende Behandlung. #metoo – diesmal als Trainerbewegung. Die neuesten Mitglieder im Kreis der Selbsthilfegruppe Solidarität: Gladbachs Trainer Dieter Hecking, Herthas Coach Pal Dardai und Schalkes Jahrhunderttrainer Huub Stevens, der als Retter à la Jupp Heynckes verpflichtet wurde. Zwist und Zoff mit den Reportern gab es schon immer, neu ist jedoch der Ton und die Schärfe, vor allem aber der Schulterschluss in der Trainergilde.

Stevens holte den früheren “Knurrer aus Kerkrade” aus sich heraus, blaffte nach dem 1:2 gegen Frankfurt einen Reporter an: “Hör auf! Ich antworte dir nicht mehr. Weg! Du bist lächerlich. Du stehst hier und bist der große Junge, aber du bist lächerlich.” Als ein Kollege ganz bewusst die gleiche Frage noch einmal stellte, bezeichnete ihn Stevens als “Papagei”. Bärbeißig. Hecking brach vor laufender Kamera ein Interview ab, erklärte mittlerweile seine Beweggründe. Dennoch: dünnhäutig. Und Dardai warf der Berliner Journaille eine Kampagne vor, um seine Entlassung vorzubereiten: “Das ist wahrscheinlich sogenannter geplanter Mord.”

Doch alle Trainer eint: Sie haben zuletzt ziemlich oft, zu oft, verloren. Und sie sehen sich als Opfer der Medien, attackieren diese, weil sie die eigentlichen Ursachen nicht aussprechen können. Bei Stevens: Abstiegsangst beim letztjährigen Vizemeister, die persönliche Furcht, sein königsblaues Lebenswerk zu zerstören. Bei Hecking: der Frust über das vorzeitige Ende seiner Mission bei den Fohlen am Saisonende. Und schließlich Dardai: Es sind nicht nur die Medien, auch im Verein wachsen Zweifel, ob der zweitdienstälteste (seit Februar 2015) Coach der Bundesligisten immer noch der Richtige für den Hauptstadtklub ist. Das nervt, das zehrt. Macht (über-)empfindlich.

Fußball ist Business – und Entertainment

Er sei “kein Moralapostel”, meinte Kovac, war es aber doch: “Jeder muss an sich den Anspruch haben: Was ich nicht möchte, das mir einer antut, das tue ich keinem anderen an.” Journalisten machen ihren Job und gäbe es keine Strömungen in einem Verein, die zum Teil gezielt nach außen lanciert werden, könnten die Trainer nicht infrage gestellt werden. Abgesehen davon: Fußball ist Big Business. Wer keinen Erfolg mehr hat, muss gehen. Und zweitens ist Fußball eine große Show geworden, Big Entertainment. Druck inklusive.

Zu diesem Thema rief Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge am Sonntag seinem Trainer unmissverständlich zu: “Es gibt keine Jobgarantie für niemanden bei Bayern München – und das ist auch gut so. Mit diesem Druck muss jeder umgehen können. Wer das nicht kann, ist im falschen Klub.”

Und hat bald – ja, Trap – fertig.

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