Trumps Spiel auf der Klaviatur der Verschwörungstheorien: Von Obamas Geburtsurkunde bis QAnon

Moritz Piehler
·Freier Autor
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Trump-Anhänger mit roten MAGA-Mützen und Mund-Nase-Bedeckungen auf einem Wahlkampf-Event.
Der US-Präsident fischt gerne im Halbschatten: Donald Trump findet einige seiner überzeugtesten Anhänger unter Verschwörungstheoretikern (Bild: Reuters/Jonathan Ernst)

Obama ist in Kenia geboren, Biden nimmt Drogen und der Klimawandel ist erfunden. Wie Trump sich geschickt an Verschwörungstheorien bedient, um seine politischen Ziele zu erreichen.

Donald Trump beherrscht das Spiel mit den Unschärfen und der Verunsicherung der Wähler, wie kaum ein US-Präsident vor ihm. Dazu gehört auch das politische Kalkül, selbst die absurdesten Verschwörungstheorien nie komplett zu verurteilen. Im Gegenteil, schon seit dem Beginn seiner politischen Karriere weiß Donald Trump es geschickt für sich auszunutzen, dass manche seiner Wähler an böse Mächte und geheime Drahtzieher hinter den Kulissen glauben. Trump bestärkt sie und stilisiert sich selbst so zu ihrem strahlenden Retter. Doch das Spiel mit den Verschwörungstheorien ist ein gefährliches, es schwächt das Vertrauen in Politik und Demokratie und vertieft die gesellschaftlichen Gräben weiter.

Obamas Geburtsurkunde

Trumps Liebäugeln mit Verschwörungstheorien ist keineswegs ein neues Phänomen. Schon vier Jahre vor seiner eigenen Kandidatur befeuerte Trump die Gerüchte um die angeblich fehlende Geburtsurkunde Barack Obamas. Donald Trump, damals noch hauptsächlich Geschäftsmann und Realityshow-Star, mischte sich überraschend lautstark in die Debatte ein. Vornehmlich via Twitter, das später zu seinem primären politischen PR-Werkzeug werden sollte, behauptete er, Obama sei in Wahrheit in Kenia geboren und habe somit kein Anrecht auf das Präsidentenamt.

Selbst nach der Vorlage der Urkunde war Trump nicht überzeugt. Im Gegenteil, er zitierte eine angebliche “sehr glaubwürdige Quelle”, von der er wisse, dass das Dokument gefälscht sei. Ein Muster, an dem er bis heute bei nicht prüfbaren Behauptungen festhält. Womöglich merkte Trump schon damals, welche Anziehungskraft Verschwörungstheorien haben können und wie er sie für seine Zwecke einsetzen könnte. Diese sogenannte “Birther”-Theorie erweckte Trump übrigens jüngst wieder zum Leben, indem er den Geburtsort der demokratischen Vize-Kandidatin Kamala Harris in Frage stellte.

Die “dunklen Mächte” hinter Biden

Immer wieder erwähnt Trump Theorien, die er anscheinend aus dem Internet aufgreift. Je mehr er in Pressekonferenzen und Interviews darüber redet, desto eher hofft er wohl, würden sie sich im Bewusstsein der Wähler als Realitäten verankern. Ein gutes Beispiel waren die Verschwörungstheorien, die der US-Präsident in einem 40-minütigen Fox-Interview in Bezug auf die Anti-Rassismus-Proteste und die angeblich hinter Biden stehenden geheimen Fädenzieher äußerte. Konkret sagte Trump, ein Flugzeug voller schwarz gekleideter Verbrecher sei auf dem Weg zum Parteitag der Republikaner. Wie die Washington Post recherchierte, war dieses Gerücht schon am 1. Juni von einem Mann aus Boise, Idaho, auf Facebook gepostet worden. Angeblich habe einer der Männer sogar ein Tattoo mit dem Schriftzug “Antifa America” gehabt. Obwohl der zuständige Sheriff das Gerücht sofort widerlegt hatte, wurde der Original-Post über 4000 Mal geteilt - und von Trump aufgegriffen. Auf Twitter teilt der US-Präsident oft ungeprüft Inhalte aus der rechten Szene der USA, seine Tweets verleihen den Behauptungen dann Reichweite und Legitimität.

Auch im Blick auf seinen Kontrahenten Joe Biden, der ihn am 3. November herausfordern wird, neigt Trump zu skurrilen Behauptungen, die der Verschwörer-Szene entstammen. In dem gleichen Fox-Interview behauptete Trump, Biden würde von “dunklen Mächten” kontrolliert. Beweise blieb er wie üblich schuldig. Es seien Menschen im dunklen Schatten, die niemand kenne und die Biden kontrollierten. Es sind diese obskuren, schwammigen Behauptungen, auf deren Boden Verschwörungstheorien hervorragend gedeihen können. Denn gegen Verschwörungstheorien helfen alle objektiven Fakten und gut recherchierten Artikel nichts. Das Fatale ist, dass dadurch sogar das Narrativ der Vertuschung durch die Mainstream-Medien neues Futter erhält.

Der Fox-Moderatorin Laura Ingraham sagte Trump übrigens auch, Biden nehme Drogen und verlangte einen Drogentest des ehemaligen Vizepräsidenten. Dazu behauptete er, Biden habe 2016 seine Kampagne mit illegalen Mitteln ausspioniert, auch dafür fand der Nachrichtensender CNN bei einem Faktencheck keinerlei Beweise. Später retweetete Trump ein Video über Joe Biden, das mit dem Hashtag #pedobiden versehen war, und seinen politischen Gegner ins Zentrum der momentan wohl populärste Verschwörungstheorie rückt.

Pizzagate und die QAnon-Bewegung

Diese stammt aus der auch hierzulande vielbeachteten QAnon-Bewegung. Dort wird von geheimen Regierungsmachenschaften im sogenannten Deep State fantasiert. Zudem würden prominente Demokraten Kinder gefangen halten und sich mit Hormonen aus deren Blut behandeln lassen. Trump gilt vielen der QAnon-Anhänger als einziger Gegner der dunklen Mächte und eine Art Heilsbringer. Kein Wunder, dass er sich diese treuen Wähler nicht vergraulen will.

Ein QAnon-Anhänger hält auf einer Trump-Rally in Pennsylvania im August 2018 ein großes "Q" aus Pappe in die Höhe
Ein QAnon-Anhänger auf einer Trump-Rally in Pennsylvania im August 2018 (Bild: Rick Loomis/Getty Images)

Die Ursprünge der QAnon-Theorie finden sich schon im Wahlkampf 2016. Damals wurden über die Netzwerke Reddit und 4chan Gerüchte verbreitet, ein Ring aus Prominenten und Demokraten um Trumps Wahlkampf-Gegnerin Hillary Clinton betreibe einen Kinderpornoring aus einer Pizzeria in Washington heraus. Unter dem Namen “Pizzagate” fand die haltlose Verschwörung rasend schnell Verbreitung im Internet. Auch Mitglieder von Trumps Team streuten die Gerüchte mehr oder minder subtil. Der damalige Präsidentschaftskandidat genoss es sichtlich, auf seinen Wahlkampfveranstaltungen die Verhaftung Clintons zu fordern - vorgeblich wegen ihrer E-Mail-Affäre als Außenministerin. Der Satz “Lock her up” wurde zum Schlachtruf seiner erzürnten Anhänger. Dass Verschwörungstheorien nicht nur in einer virtuellen Blase existieren, zeigte sich knapp einen Monat nach Trumps Wahl. Im Dezember 2016 drang ein schwer bewaffneter Mann in die besagte Washingtoner Pizzeria ein, um die Kinder zu befreien, die dort angeblich festgehalten würden. Nach zwei Schüssen, bei denen niemand verletzt wurde, ließ er sich festnehmen und wurde im Jahr darauf zu vier Jahren Haft verurteilt.

Verschwörer auf dem Weg in den Senat

Trotz solcher Vorfälle vermeidet Donald Trump es, ähnlich wie bei der rassistischen “White Supremacist”-Bewegung, sich öffentlich von Verschwörungstheorien zu distanzieren. Selbst dann noch, wenn ihm die Option auf dem Silbertablett präsentiert wird. Von einer Reporterin direkt darauf angesprochen, was er von der QAnon-Bewegung halte, sagte Trump lediglich: “So, wie ich es verstehe, mögen sie mich sehr, was ich zu schätzen weiß.” Er stritt ab, genaueres über sie zu wissen, habe aber gehört, “dass es Leute sind, die unser Land lieben.” Vor allem sind es Leute, die ihn mit Sicherheit wählen werden, solange er sie nicht vergrault. Die Bewegung verbreitet ihre kruden Theorien mittlerweile so ungeniert, dass sowohl Twitter, als auch Facebook, Instagram und Youtube tausende Accounts und Seiten mit verschwörungstheoretischen Inhalten beschränkten oder löschten. Doch deren Popularität tut dies keinen Abbruch, was mittlerweile auch andere Politiker als Trump erkannt haben. Mit Lauren Witzke gewann im September in Delaware bereits zum zweiten Mal eine QAnon-Anhängerin einen republikanischen Vorwahlkampf gegen einen moderat-konservativen Kandidaten. Zuvor hatte in Georgia mit Marjorie Taylor Greene eine andere offene Unterstützerin der Bewegung ihren Wahlkreis gewonnen.

Was einmal gesagt ist, fängt man so schnell nicht wieder ein

Manche der Theorien, die Trump aufgreift, sind schlichtweg gefährlich. So behauptete er zunächst, man könne Covid-19 verhindern, indem man stark gesundheitsschädigendes Bleichmittel trinke oder das Malariamittel Hydroxychloroquin einnehme. Die Gesundheitsbehörden und Mediziner hatten danach große Mühe, die einmal von Trump in die Luft gesetzten Behauptungen wieder einzufangen. Ein großes Problem ist dabei die unkontrollierbare Öffentlichkeit, die Trump sich per Twitter oder durch seine Anrufe in TV-Shows selbst schafft. Nie zuvor hatte ein US-Präsident eine solch unmittelbare Reichweite - und nutzte sie so ungefiltert für alle Zwecke, die ihm nützlich vorkommen.

Donald Trump hält eine Pressekonferenz vor einem Diagramm der Corona-Zahlen.
Auch über das Coronavirus verbreitet Trump öfter mal die Unwahrheit (Bild: Reuters/Jonathan Ernst)

So verbreitete er im September auf Twitter die “Information” eines QAnon-Anhängers, dass die US-Gesundheitsbehörde zugegeben habe, dass lediglich sechs Prozent der Corona-Toten wirklich an dem Virus gestorben seien. Tatsächlich aber gab die Behörde an, dass bei sechs Prozent der Todesopfer die Covid-Erkrankung der ausschließliche Todesgrund gewesen seien. Bei 92 Prozent sei es die Verbindung von Virus und einer anderen gesundheitlichen Einschränkung gewesen. Lässt man diesen Fakt aus, ergibt sich natürlich ein verfälschtes Bild, das das Vertrauen in die Behörden weiter schwächt. So untergräbt Trump gezielt wissenschaftliche Institutionen, wie er es auch beim Thema Klimawandel schon seit Jahren betreibt. Er selbst bleibt dann für seine Anhänger die einzige Quelle der “wahren Fakten”. Ein für ihn angenehmer Nebeneffekt ist, dass er bei all den Unklarheiten jegliche Vorwürfe, die ihn betreffen, ebenfalls ins Reich der Legenden verbannen kann.

Vorbereitungen auf eine Wahlniederlage

Immer schamloser setzt Trump die häufig zunächst in sozialen Medien gestreuten Verschwörungstheorien für seine Zwecke im Wahlkampf ein. Immer wieder betont er, wie unsicher Briefwahlen seien, angesichts seiner schwachen Umfragewerte hatte er sogar damit begonnen, die zuständige US-Post abzubauen. Auch hier gibt es keinerlei statistische Hinweise darauf, dass bei Briefwahlen größere Unregelmäßigkeiten auftauchen, als beim Gang zur Wahlurne. Dennoch streut Trump so gezielt Verunsicherung unter den Wählern, die er im Falle einer Wahlniederlage als Boden für eine Anfechtung des Ergebnisses nutzen könnte. Sollte er verlieren, so ließ Trump durchblicken, könne das nur an Wahlbetrug liegen. So ließ er auch auf Nachfragen immer wieder offen, ob er eine Niederlage gegen Biden akzeptieren würde. Im Gegenteil, Trump streut das Gerücht, er würde sogar für eine dritte Amtszeit kandidieren. Das ist laut US-Verfassung gegen das Gesetz. Aber im Reich der Verschwörungen scheint alles möglich zu sein.

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