Über 80.000 "Fans": Coronavirus ist auf Instagram

Johannes GieslerFreier Autor
Yahoo Nachrichten Deutschland

“Coronaviruss” heißt der Nutzer oder die Nutzerin auf Instagram, die angebliche Nachrichten zum Coronavirus teilt. Eine Stichprobe zeigt: Von Falschmeldungen bis Tatsachen sind unter den Beiträgen alle Zwischentöne dabei.

Fakenews über das Coronavirus sorgen oft für zusätzliche Verunsicherung (Bild: Reuters/Massimo Pinca)
Fakenews über das Coronavirus sorgen oft für zusätzliche Verunsicherung (Bild: Reuters/Massimo Pinca)

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 bringt Journalisten und Journalistinnen in ein Dilemma: Einerseits ist das öffentliche Interesse an dem Thema riesig, gleichzeitig sind viele wissenschaftliche Erkenntnisse zur Entwicklung und Ausbreitung der Erkrankung vage und unsicher. Diese Unsicherheit zu erklären, ohne dabei zu verunsichern, ist schwierig und öffnet Raum für Falschmeldungen. Die täuschen Eindeutigkeit vor oder verbreiten angeblich zurückgehaltene Entwicklungen und betreiben damit Panikmache.

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Coronavirus SARS-CoV-2: Die aktuellen Informationen im Liveblog

Ein Beispiel dafür ist die Instagram-Seite “coronaviruss”, die aktuell (Donnerstag, 05. März) über 84.000 “Fans” hat. Die lesen regelmäßig von einer unbekannten Person oder Gruppe angebliche Fakten und Videos zum Corona-Virus. In der Selbstbeschreibung des Accounts steht, aus dem Türkischen mit Google Translate übersetzt:

„Breaking News von Corona Virus! Aktuelle Nachrichten über das Corona-Virus! Die erste Corona-Virus-Seite der Welt!“

Ohne (oder mit fragwürdigen) Quellenangaben

Woher die Informationen stammen, findet sich unter den Beiträgen nicht. Es gibt Ausnahmen, die sind aber wenig weiterführend. Unter einem Beitrag vom 4. Februar steht als Quelle (ebenfalls aus dem Türkischen): “lokale Behörden”. Welche das sein sollen erschließt sich nicht. Ansonsten finden sich zahlreiche Beiträge, die von richtig über unkritisch, fehlerhaft und unvollständig bis hin zu eindeutig falsch sind.

Der aktuelle Beitrag will etwa die Letalität des Virus, unterteilt nach Alterskohorten, zeigen. Er illustriert dabei das Eingangs beschriebene Dilemma sehr gut, weil er unsichere Zahlen nutzt, die Information weder einordnet, noch die wissenschaftliche Unsicherheit oder eine Quelle benennt. So liege etwa die Letalität der 50- bis 59-Jährigen bei 1,3 Prozent.

Woher kommen die Zahlen?

An der Meldung gibt es vieles zu hinterfragen – auf die Probleme mit der Letalität hat bereits vergangene Woche das Science Media Center (SMC) in einem Fact Sheet aufmerksam gemacht. Darin heißt es zur Begriffsklärung:

„Mit Letalität (case fatality rate, CFR) ist die Rate der Todesfälle unter allen Virusinfizierten gemeint, beziehungsweise wie viele aller mit SARS-CoV-2 infizierten Personen letztlich versterben.“

Zum Vergleich: Die Schweinegrippe 2009 hatte eine geschätzte CFR von 1 Verstorbenem auf 10.000 Infizierten, also 0,01 Prozent. Bei den jährlichen Influenzawellen schätzt man eine Letalität von 1 bis 2 Verstorbenen auf 1.000 Infizierte, also 0,1 bis 0,2 Prozent.

Das Problem zum jetzigen Zeitpunkt bei Corona liegt darin, dass tatsächlich alle infizierten Personen gefunden werden müssten für eine aussagekräftige Letalität. Milde oder asymptomatische Verläufe der Erkrankung fließen aber, weil sie unentdeckt bleiben, nicht ein. Die Letalität kann so am Anfang einer Krankheit überschätzt werden. Sie kann aber auch unterschätzt werden, weil sich Erkrankte noch in Behandlung befinden und der Ausgang ihrer Infektion nicht absehbar ist.

Statistik-Problem: Relative Zahlen im Vergleich zu absoluten Zahlen

Die Letalität hängt dazu von vielen weiteren Faktoren ab. Einer ist, wie gut die Grundimmunisierung innerhalb einer Gesellschaft ist – etwa aufgrund eines vorangegangenen ähnlichen Erregers. Oder wie gut das Gesundheitssystem eines Landes vorbereitet ist: In China gibt es auch aufgrund der anfangs rapiden Entwicklung und der einhergehenden Überlastung der medizinischen Versorgung viele Tote. In Deutschland noch keinen einzigen.

Richtig Händewaschen: Corona-Choreografie wird zum Hit

Dazu kommt, dass die Letalität als Prozentzahl wenig aussagt. Zum Vergleich: Laut der Johns-Hopkins-Universität, die weltweit alle Fallzahlen laufend aktualisiert, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt auf den Philippinen drei infizierte Personen, wovon eine gestorben ist und sich eine erholt hat. Was eine Letalität von 0,33 Prozent ausmachen würde – tatsächlich ist aber nur eine einzige Person im gesamten Land gestorben. In Deutschland liegt die Letalität, aktuell sind 349 Infektionen dokumentiert, hingegen bei null Prozent. Das SMC schätzt die Letalität weltweit aktuell auf 3,4 Prozent ein, bei rund 81.000 bestätigten Fällen.

Wie die Instagram-Seite “coronaviruss” auf die Zahlen gekommen ist, vor allem unterteilt nach Alterskohorten, ist nicht angegeben. Sie können stimmen, sie können falsch sein. Ohne absolute Zahlen und Quellen sind sie weitgehend wertlos. Dazu kommt die fehlende Einordnung, wie die Letalität berechnet wird und mit viel Unsicherheit sie zum jetzigen Zeitpunkt verbunden ist.

Faktencheck vs. Falschmeldung: K.O.-Sieg

Ein Beispiel für eine reine Falschmeldung ist der Beitrag vom 1. Februar. Darin ist ein Video zu sehen von einer Geburtenstation, in der ein chinesischer Mann sein angeblich mit dem Corona-Virus infiziertes Baby durch eine Scheibe anschaut. Dabei steht: “Ein mit Coronavirus infiziertes Baby ... #Wuhan #China.”

Das ist falsch. Das Baby, das wohl auf den Namen Binbin hört, leidet in Wirklichkeit an Leukämie und wartet auf eine Transplantation. Das hat die Faktencheck-Seite Mimikama vermeldet und beruft sich dabei auf den folgenden Beitrag.

Was daran ebenfalls gut zu sehen ist, wie wenig Relevanz Faktenchecks in sozialen Medien haben: Der Original-Beitrag, in dem noch von einem mit Corona infizierten Baby gesprochen wird, wurde 1,6 Millionen Mal aufgerufen. Der zweite Beitrag, in dem der Threadersteller die Wahrheit zugibt, wurde 1700 Mal aufgerufen.

COVID-19: Was uns die Genesenen verraten

Zuletzt noch ein Beitrag der Instagram-Seite “coronaviruss”, der wohl eine Tatsache zeigt. Ein Video aus der chinesischen Stadt Wuhan, das Lastwagen zeigt, wie sie während der Fahrt antivirale Mittel versprühen. Ähnliches haben auch zahlreiche andere Medien gemeldet. Darunter die Welt oder die Tagesschau.

Diese Stichprobe des Instagram-Accounts zeigt, wie schwierig es ist, unkommentierten Meldungen zu vertrauen. Und wie leichtfertig und unkritisch Falschmeldungen in sozialen Medien verbreitet werden.

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