Rücktritt des Undertaker: Diesmal wirklich für immer?

Martin Hoffmann
Sport1

Ein privater Schicksalsschlag, den er öffentlich bislang nicht thematisiert hatte, hat das letzte Match des Undertaker bei WWE überschattet. Und womöglich dazu beigetragen, dass es diesmal auch wirklich sein letztes bleibt.

In der fünften und letzten Episode der Doku "Undertaker: The Last Ride", die am Wochenende ausgestrahlt wurde, hat das Ring-Denkmal den Willen bekundet, sich endgültig ins Privatleben mit seiner Frau Michelle McCool und ihrer gemeinsamen Tochter zurückzuziehen. Und in den Tagen nach der Ausstrahlung der Ankündigung folgten Bekräftigungen.

Ein Schlüsselmoment, der entscheidend zu der Entwicklung beitrug: der Tod seines Bruders Timothy, der am 24. März einem Herzinfarkt erlegen war. Mit den Tränen kämpfend schilderte Mark Calaway, wie der Taker eigentlich heißt, wie seine Nichte ihm per Telefon die traurige Nachricht übermittelte - am Tag, bevor er sein "Boneyard Match" gegen AJ Styles für WrestleMania 36 filmte.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige


Tim Calaway wurde 63 Jahre alt, er hatte ein einfaches Leben als Klempner geführt hatte - wie der 2003 verstorbene Vater Frank, der neben Mark und Tim drei weitere Söhne hinterlassen hatte. "Es war ein weiteres Zeichen, wie wichtig es ist, für deine Familie da zu sein. Weil man nie weiß, was passieren wird", kommentierte der acht Jahre jüngere Mark.


DAZN gratis testen und WWE RAW und SmackDown live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Undertaker: "Kein Verlangen" nach Comeback

Nach jahrelangem Ringen um den für ihn passenden Karriere-Abschluss geht der Taker nun davon aus, dass das Match gegen Styles sein letztes war.

"Man soll niemals nie sagen, aber an diesem Punkt meines Lebens und meiner Karriere habe ich kein Verlangen mehr, wieder in den Ring zu steigen", hält er fest. Er schließt ein weiteres Comeback zwar nicht völlig aus, sollte der eng mit ihm befreundete WWE-Boss Vince McMahon ihn nochmal fragen ("Da müsste ich überlegen"), die Tendenz gehe jedoch in die andere Richtung: "Ich kann mittlerweile außerhalb des Rings mittlerweile einen besseren Beitrag leisten als innerhalb. Und ich bin inzwischen in der Lage, das zu akzeptieren."

Gerade auch die Arbeit an der Doku hätte ihm dabei geholfen, "das größere Ganze zu sehen und weniger hart über mich selbst zu richten, was meine letzten Karriere-Jahre angeht".


Debüt 1990, legendäre "Streak" bei WrestleMania

Ist 30 Jahre nach seinem Debüt in der damaligen WWF bei den Survivor Series 1990 also wirklich Schluss? Der Eindruck verstärkte sich nach Ausstrahlung der Show durch nach Abschied anmutende Social-Media-Posts des Takers, von WWE und auch der Betreiber des New Yorker Madison Square Gardens, wo er viele große Matches bestritt.




Es wäre das Ende einer Ära, in der der Taker siebenmal den WWE und World Championship Title hielt - und im Lauf der Jahrzehnte mit allen WWE-Aushängeschildern im Ring stand, von Hulk Hogan, dem Ultimate Warrior und Bret "The Hitman" Hart über Stone Cold Steve Austin und The Rock bis John Cena und Roman Reigns.


Seine Anfänge als mystischer Totengräber - mit dem kongenialen, 2013 verstorbenen Manager Paul Bearer an seiner Seite - blieb ebenso in Erinnerung wie "The Streak", die 21 Matches anhaltende Siegesserie bei der Supershow WrestleMania - die 2014 mit einem realen Kopfverletzungs-Drama im Match gegen Brock Lesnar geendet war.

Zuvor hatte das "Phenom" bei Mania zahlreiche Topstars verschiedener Zeiten niederringen dürfen, unter ihnen "Superfly" Jimmy Snuka, Ric Flair, Randy Orton, Edge, Batista, CM Punk, seinen Drehbuch-Bruder Kane und vor allem seine beiden großen Rivalen Shawn Michaels und Triple H. Weitere große Kämpfe und Fehden bestritt er zudem gegen Yokozuna, Mick "Mankind" Foley, Kurt Angle, Jeff Hardy, Bray Wyatt und Shane McMahon.

Rücktritt schon mehrfach geplant

Ob der "Dead Man" sich an seinen Vorsatz hält, ist und bleibt aber die große Frage: Allein in der Doku selbst wurde mehrfach gezeigt, wie er seinen Rücktritt plante oder mindestens in Erwägung zog - nach dem WrestleMania-Match 2017 gegen Roman Reigns, nachdem es schon eine ähnliche Abschiedskampagne wie jetzt gegeben hatte, vor dem völlig missratenen Legenden-Kampf mit Kane, Michaels und Triple H in Saudi-Arabien 2019, nach seinem Match mit Reigns als Partner bei Extreme Rules im selben Jahr.

Jedesmal kam er doch zurück, weil er mit dem vermeintlichen Abgang nicht zufrieden war - oder sich noch einen besseren vorstellen konnte.

AJ Styles schlug Match bei WrestleMania 36 vor

Auch diesmal gibt es Zwiespalt, denn eigentlich war das Match gegen Styles anders geplant: Als richtiges Wrestling-Match vor rund 80.000 Fans im Football-Stadion von Tampa, nicht als der Mini-Film, der es wegen der Corona-Pandemie und ihrer Folgen am Ende wurde.


Die Abschlussepisode zeigt, dass es Styles war, der dem Taker das Match vorschlug, nachdem er dessen offenherziges Interview mit Kollege Stone Cold Steve Austin gesehen hatte, in dem das "Phenom" davon sprach, auf ein würdiges Karriere-Ende "unter meinen Bedingungen" zu hoffen.

Der Undertaker - der McMahon nach Extreme Rules eigentlich schon mitgeteilt hatte: "Ich bin durch" - ging auf das Angebot ein. Er sah in Styles den Wiedergänger des Weggefährten Shawn Michaels und die Chance, mit dem Ausnahmewrestler ein noch würdigeres letztes Match auf die Beine zu stellen.

Unfall gegen Bill Goldberg und Tod von Kobe Bryant machen nachdenklich

Obwohl das Match dann nicht so durchgeführt werden konnte wie geplant, reifte dennoch der Gedanke, es dabei bewenden zu lassen: Neben dem Tod des Bruders führten auch ein tödlicher Autounfall, bei dem ein 18-jähriger Neffe seiner Ehefrau starb, und der Hubschrauber-Absturz von NBA-Star Kobe Bryant dem Undertaker die Endlichkeit des Lebens vor Augen.


Auch sein lebensgefährlicher Ringunfall im Kampf mit Bill Goldberg 2019, bei dem er mit voller Wucht auf dem Nacken landete, erinnerten ihn an das, was er durch seine Ringausflüge riskiert: "Ich war wenige Zentimeter davon entfernt, Michelle zur Witwe zu machen und meine Tochter ohne Vater aufwachsen zu lassen."

Zudem lief die Inszenierung des Matches mit Styles - für das der Taker den "American Bad Ass", seinen Charakter als Biker - wieder aufleben ließ, letztlich zu seiner Zufriedenheit: "War es das, was ich wollte, als ich Ja zu dem Match gesagt hatte? Absolut nicht. Aber es war verdammt gut. Und das war mein Ziel. Und wie soll ich das toppen?"

Gerade auch die Abschlussszene des Matches, in der der Undertaker nach vollbrachtem Werk mit dem Motorrad davonbraust, hält er für einen passenden Abschluss: "Diesmal reitet der Cowboy wirklich davon", glaubt der Taker.

Der Taker soll erst im vergangenen Jahr einen 15-Jahres-Vertrag mit WWE abgeschlossen haben, der sein Vermächtnis praktisch für immer an seinen langjährigen Arbeitgeber bindet. Sollte er nicht doch nochmal vom Rücktritt zurücktreten, ist auch der nächste Schritt dort klar: die Aufnahme in die WWE Hall of Fame.

Lesen Sie auch