"Wollte nicht nur NBA sitzen": So bewertet Pleiß seine USA-Jahre

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"Wollte nicht nur NBA sitzen": So bewertet Pleiß seine USA-Jahre
"Wollte nicht nur NBA sitzen": So bewertet Pleiß seine USA-Jahre

Am Freitag wird es richtig ernst in der EuroLeague. (NEWS: Alles zur EuroLeague)

Der Showdown um den Einzug ins Finale steht an. Die Basketballer vom FC Bayern haben es nicht ins Final Four geschafft, trotzdem dürfen sich Fans auf deutsche Beteiligung freuen.

Denn neben Johannes Voigtmann von ZSKA Moskau hat sich auch Tibor Pleiß in Diensten von Anadolu Efes Istanbul für das Halbfinale qualifiziert - und es kommt sogar zum direkten Duell der beiden einzigen deutschen Vertreter.

Im Interview mit SPORT1 blickt Pleiß auf das Final Four, spricht über die Bayern, eine mögliche BBL-Rückkehr und analysiert seine Zeit in der NBA.

SPORT1: Gegen Real Madrid mussten Sie mit Anadolu Efes trotz einer 2:0-Führung noch ins Spiel 5. Gibt es einen mentalen Boost, so eine Drucksituation erfolgreich gemeistert zu haben?

Tibor Pleiß: In die ersten Spiele sind wir mit viel Elan reingegangen. Es waren Heimspiele, wir hatten auch ein paar Fans. Danach hatte ich das Gefühl, dass wir nach Madrid gereist sind und dachten: 'Das dritte Spiel wird ein Selbstläufer.' Am Ende gibt es jedoch natürlich einen Boost, wenn man nach so einer langen Serie diese für sich entscheidet. Aber das gilt mehr für die Ligaspiele, die danach folgten.

SPORT1: Im Halbfinale geht es gegen ZSKA Moskau. 2019 unterlagen Sie in Ihrem ersten Jahr bei Efes den Russen im Finale der EuroLeague. Hat ihr Team Revanchegelüste?

Pleiß: Ich würde es nicht als Revanche bezeichnen. Klar war es damals schmerzhaft, aber es spielt jetzt keine Rolle mehr. Man geht mit 200 Prozent in das Spiel und möchte es für sich entscheiden. Ob der Gegner Moskau oder ein anderes Team ist, spielt keine Rolle. (Spielplan und Ergebnisse der EuroLeague)

Pleiß: "Sind eine verschworene Gemeinschaft"

SPORT1: Viele Spieler aus dem Finale 2019 gehören weiterhin zum Kader. Hat sich da eine verschworene Gemeinschaft gebildet?

Pleiß: Auf jeden Fall kann man bei uns von einer verschworenen Gemeinschaft reden. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das ein Vorteil ist. Wir waren schon mal im Final Four. Wir wissen genau, wie die Atmosphäre um das Turnier herum ist. Auch wenn das Final Four diesmal ohne Fans stattfinden wird, was echt schade ist.

SPORT1: Wie ist das als Basketballprofi ohne Zuschauer? Muss man sich da selbst mehr pushen?

Pleiß: Wir haben die Saison ohne Zuschauer begonnen. Ich habe auch bei meinen Mitspielern gemerkt, dass der letzte Push fehlte. Daher hatten wir zu Beginn eine kleine Schwächephase. Ich erinnere mich dann an ein Spiel in Berlin. Da waren ein paar hundert Fans erlaubt und wir hatten lange keine Fans gesehen. Das gab uns einen Push. Es macht schon einen Unterschied.

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SPORT1: Auch ohne Fans ist das Final Four ein Heimspiel für Sie, da Sie in Köln aufgewachsen sind und dort auch früher Basketball spielten …

Pleiß: Ja, ich sehe jetzt schon, dass es einer der besondersten Momente meiner Karriere wird. Ein Final Four in der Heimat ist immer etwas Besonderes - egal, wie weit es geht. Es ist schön, der Familie und den Freunden so nah zu sein und sie im Rücken zu wissen - und vielleicht sogar die Stadt. In Köln habe ich den ersten Wurf auf einen Korb gemacht. Dort hat alles angefangen. (Tabelle der EuroLeague)

Sieg von Istanbul wäre "Meilenstein"

SPORT1: Als bisher einziger türkischer Verein hat Fenerbahce 2017 die EuroLeague gewinnen können. Was würde der Triumph für den türkischen Basketball und vor allem Efes bedeuten?

Pleiß: Es wäre ein Meilenstein. Es wäre der größte Erfolg für den Klub. Der Verein ist Rekordmeister in der Türkei und sich damit krönen zu können, wäre etwas ganz Besonderes. Wir wissen auch, dass ganz Türkei uns die Daumen drückt. Als wir vor zwei Jahren gegen Fenerbahce spielten und weiterkamen, gab es viele Nachrichten von Fenerbahce-Fans, dass wir jetzt den Titel holen sollen. Die sind einfach glücklich, wenn ein türkisches Team das Final Four gewinnt.

SPORT1: Haben Sie das bittere Aus der Bayern verfolgt? Wie bewerten Sie deren Leistung?

Pleiß: Das letzte Spiel verfolgte ich nur im Liveticker. Wir hatten kurz zuvor gegen Madrid gewonnen und danach waren die Emotionen so hoch, dass ich damit beschäftigt war, meine Familie anzurufen. Aber Bayern hat eine starke Saison gespielt. Ich war auch ein bisschen froh, dass wir auf Madrid gestoßen sind, weil die uns in dieser Saison etwas besser gelegen waren. Gegen Bayern haben wir zweimal verloren - eine sehr unangenehme Mannschaft.

Das sagt Pleiß über Deutschland-Rückkehr

SPORT1: Muss man die Bayern in der EuroLeague für die Zukunft auf der Rechnung haben?

Pleiß: Ja, die werden sehr gut gecoacht und spielen sehr intensiv. Ich denke, da kann man sehen, was in den nächsten Jahren folgen wird, wenn es so weitergeht. Es ist aber auch immer davon abhängig, wie das Finanzielle läuft und ob der Fokus in München weiterhin auf dem Basketball liegt. Aber die Saison hat gezeigt, was da entstehen kann, Hut ab.

SPORT1: Sie haben bereits gesagt, dass Sie in Efes aktuell sehr glücklich sind. Aber haben Sie im Hinterkopf irgendwann vor dem Karriereende noch einmal in Deutschland spielen zu wollen?

Pleiß: Ich plane so etwas nicht. Momentan habe ich noch Vertrag in Istanbul. Aber Deutschland hat eine Liga, die sich sehr gut entwickelt hat. Also warum nicht? Man sieht, wie stark sich die deutschen Teams international präsentieren. Daher kann ich mir gut vorstellen, eines Tages nach Deutschland zurückzukehren.

SPORT1: Aber es kämen dann schon eher Teams in Frage, die auch EuroLeague spielen?

Pleiß: Das wäre super. Ich spiele seit vielen Jahren in der EuroLeague. Aber am Ende muss man sehen, wie das mit dem Alter läuft. Ich will kein Team abschreiben und lasse mir alles offen.

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Pleiß blickt auf NBA-Zeit zurück

SPORT1: Wie blicken Sie rückblickend auf ihre NBA-Zeit? In der D-League lief es sehr gut, bei den Utah Jazz war es oft schwierig.

Pleiß: Es war schwer, weil ich in ein Team gekommen bin, wo niemand wirklich auf mich setzte. In den paar Spielen, in denen ich spielte, habe ich fast immer geliefert. Hätte ich die Möglichkeit bekommen, hätte ich in der NBA Fuß fassen können, denke ich. Aber so ist das Business. In der G-League habe ich mich gut zeigen können und das Beste rausgeholt. Natürlich hätte ich das auch gerne in der NBA geschafft. Es war ein bisschen ein 'unfinished business'.

SPORT1: Also bedauern Sie es etwas, wie es am Ende gelaufen ist - auch die schnelle Entlassung der Philadelphia 76ers nach dem Trade der Jazz?

Pleiß: Ich hätte es gerne nochmal versucht. Aber ich habe es hinter mir gelassen und bin nach Europa zurückgekommen. Das ist auch okay. Wer kann schon sagen, dass er NBA gespielt hat? Ich bin mit viel Erwartung rübergegangen - vielleicht mit zu viel. Aber ich bin ich nicht glücklich, wenn ich nicht spiele. Ich will auf dem Platz sein und dann sagen: 'Geil, ich habe zu dem Sieg beigetragen!' Oder nach einem verlorenen Spiel sagen: 'Du hast es versucht, es hat nicht funktioniert. Weiter arbeiten!'

SPORT1: Hat das ihre NBA-Erfahrung ein wenig getrübt?

Pleiß: Ja, ich war nicht so frei. Ich habe in Utah gespielt, war in der NBA - aber die meiste Zeit war ich damit beschäftigt, zu sagen: 'Hey, ich will auch spielen!' Das hätte ich mehr genießen können. Erst viel später habe ich realisiert, dass ich in der NBA war. Wie viele Kinder träumen davon? Aber damals hatte ich andere Ansprüche. Ich wollte NBA spielen und nicht nur NBA sitzen.

Pleiß über Wagner in der NBA

SPORT1: Es gibt auch Spieler, die hätten sich für den Verdienst gerne auf die NBA-Bank gesetzt …

Pleiß: Für mich ist der Verdienst nicht alles. Ich liebe diese Sportart. Ich verbringe jeden Tag auf dem Platz. Mit den Jahren bin ich nach dem Training immer länger dageblieben, trainierte hart und härter. Ich möchte noch für einige Jahre spielen. Mir fehlt das einfach, wenn ich nicht spiele.

SPORT1: Michigans Franz Wagner hat sich für den NBA Draft 2021 angemeldet. Was trauen Sie ihm zu?

Pleiß: Ich kann mir gut vorstellen, dass es für jemanden aus Europa schwerer ist als für jemanden, der wie er schon in den USA lebt und spielt. Ich drücke ihm die Daumen. Ich habe gehört, dass er ein sehr talentierter Spieler mit viel Potenzial ist. Er soll einfach seinen Weg gehen und es genießen, wenn er es schafft. So eine Möglichkeit hat man nicht oft im Leben.

SPORT1: Verfolgen Sie die NBA weiter aktiv und gibt es ein Team, das Sie besonders interessiert?

Pleiß: Ich bin jemand, der seinen früheren Teams folgt - also Utah. Die stehen sehr gut da. Ich folge auch meinen früheren Mitspielern in den sozialen Medien. Da bekomme ich alles mit wie Highlights und so. Aber es ist nicht so, dass ich mir Spiele groß anschaue. Ich kann nachts auch mal eine kleine Pause vom Basketball vertragen (lacht). Aber ich schaue schon, was mein Ex-Team macht.

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