Völler: Das war mit Abstand Kahns bestes Spiel

Jochen Stutzky
Sport1

Rudi Völler führte die deutsche Nationalmannschaft als Teamchef bei der WM 2002 überraschend bis ins Finale.

Der ganz große Coup gelang im Finale (0:2) gegen den großen Favoriten Brasilien nicht, dennoch wurden Völler und sein Team schon während der WM-Endrunde als Gewinner gefeiert.


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Im SPORT1-Interview spricht der 60-Jährige darüber, wie er das Turnier in Japan und Südkorea erlebt hat und klärt über die Folgen einer kuriosen Falschmeldung auf.

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SPORT1: Herr Völler, was ist Ihre erste Erinnerung beim Stichwort WM 2002? 

Rudi Völler: Das Finale war natürlich der Höhepunkt. Das dritte Gruppenspiel gegen Kamerun war aber schon ein K.o-Spiel. Wir waren mit einem Bein ausgeschieden. Mit einem Mann weniger haben wir gewonnen. Das war das wichtigste Spiel. 

Völler: "Oliver Kahn hat uns im Spiel gehalten"

SPORT1: Kritiker behaupten, dass es ein Glücksturnier war. 

Völler: Wir haben realistisch betrachtet nicht zu den Top-4-Favoriten auf den WM-Titel gezählt. Vor dem Kamerun-Spiel haben nicht viele auf uns gewettet, dass wir in die nächste Runde kommen. Wir haben auch nicht den besten Fußball gezeigt, aber wir haben uns gesteigert. Wir haben ein paar ordentliche Spiele gemacht, natürlich ein paar schlechtere, in denen uns Oliver Kahn im Spiel gehalten hat. Gegen Südkorea im Halbfinale und im Finale gegen Brasilien konnten wir zeigen, dass wir gut Fußball spielen können. 


SPORT1: Wie war die Ausgangssituation bezüglich Verletzten und Absagen? 

Völler: Das war schwierig. Jens Nowotny, der bei Bayer Leverkusen eine überragende Saison gespielt hat, ist vier Wochen vorher ausgefallen. Mehmet Scholl, der leider wie oft bei großen Turnieren in eine Verletzungsphase hereingekommen ist, hätte ich gerne mitgenommen. Das ging dann leider nicht. Das war schade. Die, die dabei waren, haben es sehr gut gemacht. Viel besser als es uns viele zugetraut hätten.  

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"Damals hieß Fake-News noch Schwachsinn"

SPORT1: Vor dem Finale, gab es eine Story bei einem südkoreanischen Sender. Torsten Frings und Miroslav Klose sollen demnach gedopt gewesen sein und die deutsche Mannschaft disqualifiziert worden sein. Wie viel Unruhe brachte das in die Mannschaft? 

Völler: Definitiv gar keine. Damals gab es den Begriff Fake-News noch nicht. Damals hieß Fake-News noch Schwachsinn.  

SPORT1: Von Südkorea ging es dann zurück nach Japan. Dort standen mehrere Tausend Deutschland-Fans aus Japan vor dem Teamhotel. Wie war die Situation für Sie? 

Völler: Beim Halbfinale in Südkorea waren natürlich alle gegen uns. Die Tage vor dem Finale war in und vor unserem Hotel die Hölle los. Die Japaner waren alle unglaublich nett. Sie wollten natürlich unsere Spieler sehen. Da hatte man zum ersten Mal das Gefühl, dass ein großes WM-Turnier stattfindet. Die permanente Hysterie im positiven Sinn um eine WM hat am Anfang gefehlt. 


SPORT1: Während der WM hat sich in Deutschland die Wahrnehmung Ihrer Person geändert: Rudi Völler war nahezu ein Fußballgott, der mit dieser Mannschaft sogar fast Weltmeister wurde. Wie war das für Sie persönlich? 

Völler: Aus Erzählungen habe ich das mitbekommen, vor Ort aber nicht. Bei Telefonaten mit Deutschland hat man erfahren, dass die Euphorie immer größer wird, je weiter wir gekommen sind – auch da man uns nicht so viel zugetraut hat. Bei jedem großen Turnier gibt es Beispiele, dass nicht immer der Weltmeister wird, der den besten Fußball spielt. Daran haben wir uns hochgezogen. 

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SPORT1: Vor dem Finale haben Sie die Mannschaft mit den Worten "Das ist das Spiel des Lebens für jeden einzelnen" heißgemacht. Haben Sie das tatsächlich so empfunden und rübergebracht? 

Völler: Natürlich immer mit einem Ausrufe- und Fragezeichen. Ich war natürlich das falsche Beispiel. Für mich war es schon das dritte WM-Finale. Als Spieler war ich zwei Mal in einem WM-Finale. Einmal durfte ich es gewinnen mit einer tollen Mannschaft. Das ist aber nicht der Normalfall. Alleine bei einer WM dabei zu sein, egal in welcher Funktion, ist etwas Besonderes. Für die meisten Spieler war ein WM-Finale Neuland. Das merkt man auch. Es waren viele Spieler von Bayern München dabei, die bis dahin schon einige Male Deutscher Meister geworden sind. Man merkt aber auch diesen Spielern an, dass es noch eine Stufe höher ist, in einem WM-Finale zu stehen und dieses dann gewinnen zu können als eine normale Bundesliga-Saison erfolgreich abzuschließen. Das ist die Faszination Weltmeisterschaft.

Völler über Ballack: "Für Michael hat es mir sehr leidgetan"

SPORT1: Mit Michael Ballack war ein Weltstar im Finale gesperrt. Wie haben Sie dem Team klar gemacht, dass es auch ohne ihn gewinnen kann? 

Völler: Wir wussten - und das wussten auch die Brasilianer - , dass wir auch ohne Ballack gefährlich sein würden. Für Michael hat es mir sehr leidgetan. Er hat eine überragende WM gespielt. Er war der Mittelfeldstratege und unser wichtigster Torschütze. Er hat im Finale natürlich gefehlt. Wir haben trotzdem ein tolles Spiel gemacht.  


SPORT1: Der zweite Weltklassespieler war Oliver Kahn. Sein Patzer hat die 0:2-Niederlage eingeleitet. Wie haben Sie ihn nach dem Spiel wieder aufgerichtet? 

Völler: Oliver Kahn war stark und intelligent genug zu wissen, dass es sein Fehler war. Wir wussten auch, dass er uns bis ins Finale gebracht hat. Ich erinnere mich an eins unserer schlechteren Spiele im Viertelfinale gegen die USA, da hat er uns im Spiel gehalten. Das war mit Abstand sein bestes Spiel. Sonst wären wir gar nicht im Finale gewesen. Aber so ist das. Wir wussten ja nicht, ob er noch einmal in einem WM-Finale stehen wird. Es wird immer eine großartige WM von Oliver Kahn gewesen sein.  

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SPORT1: Trotz der Final-Niederlage, wann haben Sie persönlich realisiert: "Wir sind eigentlich Gewinner"? 

Völler: Schon während des Turniers. Schon dass wir die Gruppenphase überstanden haben, dann jede Runde weitergekommen sind und vor allem nach dem Halbfinale waren wir schon Gewinner. Man darf nicht vergessen, dass wir ein paar Monate vorher fast gar nicht bei der WM dabei gewesen waren. Wir haben es in zwei Spielen gegen die Ukraine noch geschafft. Wir hätten aber auch ausscheiden können. Deshalb war die WM ein Riesenerfolg. 

SPORT1: Ist die Enttäuschung als Trainer größer, ein WM-Finale zu verlieren, als als Spieler (1986)? 

Völler: Das sind zwei verschiedene Dinge. Es gab Parallelen. 1986 war das eine oder andere ebenfalls nicht so prickelnd. Erst gegen Ende wurde es auch besser. Wir haben ein tolles Halbfinale gegen Frankreich gespielt und auch das Finale gegen Argentinien war ein tolles Spiel.  

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